Quo vadis Brandschutz?

13.03.2018

Wie entwickelt sich das Thema technischer Brandschutz in den kommenden Jahren? Darüber konnte die SicherheitsPraxis mit Dipl.-Ing. (FH) Michael Ulman sprechen.

Dipl.-Ing. (FH) Michael Ulman, Leiter des Produkt- und Qualitätsmanagements im Bereich Elektrotechnik der TÜV SÜD Industrie Service GmbH

Wie haben sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Errichterbetriebe beim Einbau von Brandmeldeanlagen in den letzten Jahren verändert?

Michael Ulman: Ein wesentlicher Punkt war die Einführung der Zertifizierung nach DIN 14675 mit der Ausgabe vom Juni 2003. Seit dieser Zeit muss die Kompetenz der Fachfirma durch eine akkreditierte Stelle zertifiziert werden. Auch wurde dort die Forderung aufgestellt, dass die Konformität der in Brandmeldesystemen verwendeten Bestandteile nach DIN EN 54 geprüft und bestätigt werden muss. Somit haben die Errichterbetriebe ab diesem Zeitpunkt eine Vielzahl von Normen und Produktanforderungen zu erfüllen.

Was hat sich im Bereich der Wartung geändert?

Michael Ulman: Im Bereich der Wartung sind die Regeln der DIN VDE 0833-1 in der derzeitigen Fassung vom Oktober 2014 zu beachten. In dieser Norm ist meines Erachtens sehr gut beschrieben, was Bestandteil einer Wartung ist. Neu wurden Verweisungen auf das zutreffende Niveau des Deutschen Qualifikationsrahmens DQR hinzugefügt. Dabei geht es um die Qualifikationen von eingewiesenen Personen (DQR Niveau 3), sachkundige Person (DQR Niveau 4) und Elektrofachkräften Gefahrenmeldeanlagen GMA (DQR Niveau 5). Ein weiterer neuer Punkt stellt die „Verlängerung des Inspektionsintervalls für GMA mit erweiterter Überwachung der Grundfunktionen und Betriebsbewährung“ dar.

Die Bauordnung ist Ländersache: Gibt es hier große Abweichungen zwischen den einzelnen Bundesländern?

Michael Ulman: Eigentlich nicht, da sind sich die einzelnen Bauordnungen und Sonderbauordnungen überwiegend einig. Besonderheiten gibt es hier bei den Personen, die baurechtlich geforderte Anlagen erst- und wiederkehrend prüfen dürfen. Während in allen Bundesländern die Prüfung vor Inbetriebnahme und nach wesentlichen Änderungen ausschließlich durch einen bauaufsichtlich anerkannten Prüfsachverständigen durchgeführt werden muss, erlaubt zum Beispiel Bayern bei den wiederkehrenden Prüfungen auch den Einsatz eines Sachkundigen. Auch die Vielzahl von Technischen Anschlussbedingungen TAB der vor Ort zuständigen Feuerwehren ist für viele Errichterfirmen verwirrend.

Wie wirken sich diese Unterschiede innerhalb der Branche aus?

Michael Ulman: Bei den unterschiedlichen TABs müssen sich die Errichterbetriebe vorab informieren, ob zum Beispiel eine Feuerwehrblitzleuchte oder eine Feuerwehrinformationsleuchte verwendet werden muss, ob ein Freischaltelement benötigt wird oder nicht, ob zusätzliche Parallelanzeigen für verdeckt eingebaute Melder nötig sind oder nicht. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, dass einige vor Ort zuständige Personen ihre eigenen Vorstellungen zur Anordnung und Ausführung eines Feuerwehrinformationszentrums bzw. der Feuerwehrlaufkarten haben. Hier ist es dringend zu empfehlen, diese Abstimmungen vor Ausführung zu treffen.

Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung? Stehen Veränderungen an und, wenn ja, wie sehen diese voraussichtlich aus?

Michael Ulman: Bezüglich der TAB ist es beabsichtigt, eine deutschlandweit gültige TAB zu veröffentlichen, bei der in einem Art Anhang die lokalen Bedürfnisse der örtlichen Feuerwehren zusätzlich angegeben werden. Auch gehe ich davon aus, dass die Zertifizierung von Errichterbetrieben und Planern nach DIN 14675 mit der zur Veröffentlichung angedachten neuen DIN 14675 Teil 2, deren Neufassung aufgrund der seit April 2017 gültigen DIN EN 16763 notwendig wurde, noch mehr Verbreitung und Anwendung finden wird.

Bei den baurechtlichen Anforderungen wird sich voraussichtlich nichts ändern, da sich diese bezüglich Brandmeldeanlagen auf einem nahezu gleichen, sicherheitstechnisch hohen Level befinden. Interessant wird das weitere Vorgehen der einzelnen Bundesländer bezüglich der Prüfung des bestimmungsgemäßen Zusammenwirkens von baurechtlich geforderten sicherheitstechnischen Anlagen (Wirk-Prinzip-Prüfung), wie sie bereits in einigen Bundesländern, zum Beispiel in Sachsen in der SächsTechPrüfVO, gefordert wird.

Wo liegen Chancen und Potentiale für die Errichterbetriebe?

Michael Ulman: Brandmeldeanlagen sind bereits jetzt auf einem hohen technischen Stand, der auch von der Wartungsfirma viel Wissen und Erfahrung abfordert. Durch die immer komplexeren Anforderungen an Brandmeldeanlagen, zum Beispiel Brandfall-Steuermatrix, und die beginnende Vernetzung mit der Gebäudeleittechnik wird hier eine intensive Aus- und Weiterbildung zwingend erforderlich sein. Auch wird die Zertifizierung nach DIN 14675 weiterhin ein Qualitätsmerkmal sein, durch das sich Fachfirmen hervorheben können.

Was schätzen Sie, welche Veränderungen bringt die Digitalisierung mit sich?

Michael Ulman: Der Digitalisierung, Stichwort Industrie 4.0, wird sich niemand verschließen können. Dies wird die Errichterfirmen hauptsächlich in den Bereichen Service und Wartung treffen. Viele Arbeiten, bei denen die Wartungsfirma vor Ort sein musste, werden in Zukunft aus der Ferne durchgeführt werden können. Dafür wird qualifiziertes Personal weiterhin erforderlich sein. Verbunden damit wird sicherlich das Thema IT-Security einen hohen Stellenwert haben, wenn Fernzugriffe auf BMA möglich sind. Aber nicht alles wird aus der Ferne durchzuführen sein: man wird immer Leute benötigen, die die Rauchmelder an die Decke montieren und bei Störungen Bauteile wechseln.

Gibt es Punkte aus Ihrer täglichen Praxis, die beim Thema technischer Brandschutz besonders wichtig sind?

Michael Ulman: Wie bereits in meinem Vortrag beim Errichter-Impulse im April aufgeführt, trägt die Wartungsfirma eine sehr große Verantwortung. Ein leichtfertiges Abschalten der wichtigsten Funktionen einer Brandmeldeanlage durch die Tasten „ÜE ab“, „Brandfallsteuerungen ab“ und „Akustik ab“ am Feuerwehrbedienfeld, zum Beispiel zur Durchführung einer Ein-Mann-Wartung, ohne mit dem Betreiber geeignete Ersatzmaßnahmen festgelegt zu haben (siehe DIN 14675 Punkt 11.2.3 Maßnahmen bei Abschaltungen und für den Störungsfall), bedeutet, dass keine Alarme nach Außen geleitet werden, dass brandschutztechnisch wichtige Anlagen nicht angesteuert werden und dass die betroffenen Personen nicht alarmiert werden, sollte es zu einem Brandereignis kommen. Die sich daraus ergebenden Gefahren kann man sich leicht vorstellen. Die Verantwortung trägt i.d.R. derjenige, der diese Tasten gedrückt hat.

Auch wird die Betreiberpflicht „regelmäßige Begehungen der Brandmeldeanlage“ nach DIN VDE 0833-1 Punkt 5.2 Begehung i.d.R. nicht ausgeführt, da der Betreiber fälschlicherweise der Meinung ist, dass dies Bestandteil eines Wartungsvertrages sei. Somit werden Fehler, die die Brandmeldeanlage nicht selber erkennen kann, zum Beispiel Abdecken von Meldern, nicht erkannt. Hier sollten die Errichterfirmen noch eindringlicher darauf hinweisen.

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