QUALIFIZIERUNG NACH DEM SALAMI- PRINZIP

Percy Görgens findet deutliche Worte und kritisiert die Qualifizierungssituation, wie sie sich heute für die Errichterbetriebe in der Sicherheitstechnik darstellt. Gleichzeitig fordert er klare und durchgängige Konzepte für eine bessere und nachhaltigere Qualifizierung der Fachkräfte, die sich mehr an den Bedürfnissen der Praxis orientieren soll.

Görgens, Geschäftsführer der BNS Priosafe GmbH und Inhaber Sicherheitstechnische Dienstleistungen und Seminare, kommt selbst aus der Praxis und kennt als Ausbilder von Errichtern und Fachplanern alle relevanten Normen, Vorschriften, Verordnungen und Richtlinien der Sicherheitstechnik seit über 15 Jahren aus dem FF. SicherheitsPraxis sprach mit ihm über Chancen, Herausforderungen und ungenutzte Potentiale.

SicherheitsPraxis: Herr Görgens, wie gestaltet sich denn die aktuelle Situation für den Errichterbetrieb?

Percy Görgens: Die Situation am Markt ist angespannt und es ist schwierig, geeignete Fachkräfte zu finden. Das liegt auch am notwendigen Qualifikationsniveau: Die Mitarbeiter benötigen grundsätzlich eine Ausbildung aus dem elektrotechnischen Spektrum. Wenn ich einen solchen Kandidaten finde, muss ich ihn trotzdem noch qualifizieren und weiterbilden. Quereinsteiger außerhalb der Elektrotechnik zu rekrutieren, halte ich für sinnlos. Denn diese muss ich erst noch ausbilden bzw. umschulen.

Was ist so kompliziert an der Aus- und Weiterbildung bzw. an einer Umschulung?

Die Ursache dafür liegt in der Ausbildung an und für sich: Es gibt nämlich keinen Ausbildungsberuf Elektrotechniker mit Fachrichtung Sicherheitstechnik. Das ist aber wünschenswert und dringend notwendig. Man versucht schon seit vielen Jahren, dies als Ausbildungsberuf im Markt zu etablieren. Das ist, leider, bis heute noch nicht gelungen. In der Regel wird das Thema Sicherheitstechnik in der Ausbildung zum Elektrotechniker nur am Rande angesprochen.

Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung muss jeder Errichterbetrieb seinen Mitarbeiter erst noch für die tägliche Arbeit qualifizieren. Das dauert meistens noch einmal ein bis eineinhalb Jahre. Der Errichterbetrieb kann dabei auf keine fertigen Konzepte zurückgreifen, sondern tut dies nach eigenem Ermessen und eigenverantwortlich. Die Inhaber der Betriebe werden, wie ich finde, hier sträflich alleine gelassen.

Gibt es denn keine verbindlichen Vorschriften oder Regeln, in einer Branche, die doch sehr stark von Normen reguliert wird?

Die gibt es selbstverständlich. Nur kann man eben nicht von einer nachhaltigen und einheitlichen Qualifikation der Mitarbeiter in der Sicherheitstechnik sprechen. Geschweige denn, dass die Regeln für den Errichterbetrieb praktikabel und einfach umsetzbar wären. Ich bringe einmal ein Beispiel: Die Norm 14675 fordert, dass ich meine Kenntnisse über die Anlagen, die ich betreue, auf Stand halte. Aber: Es fehlen die verbindlichen Zyklen. Muss ich dies jährlich tun, alle drei, fünf, zehn oder reichen vielleicht sogar 20 Jahre?

Da werden die Errichterbetriebe ziemlich alleine gelassen. Es hat sich noch niemand die Mühe gemacht festzulegen, wie man das erlernte Fachwissen nachhaltig aufrechterhalten kann. Ein zweites Problem ist: Es gibt derzeit kein zusammenhängendes Konzept für die Qualifizierung. Die VDE 0833 Teil 1 beschreibt im Punkt 3 bei den Begrifflichkeiten, die Elektrofachkraft für Gefahrenmeldeanlagen detailliert, mit den genauen Anforderungen, fachlichem Hintergrund usw. Es gibt aber (noch) keinen Seminaranbieter im Markt, der das umgesetzt hat und Mitarbeiter so qualifiziert, dass die Absolventen das geforderte Niveau erreichen. Der dritte Punkt ist: Die Anforderungen sind extrem hoch.

Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) hat das erkannt und hat ein Merkblatt herausgegeben, wie man einen Mitarbeiter zu einem Gefahrenmeldetechniker ausbilden kann. Dieses Merkblatt ist ein guter Anfang, aber noch nicht das, was die Norm fordert. Im Moment muss der Verantwortliche im Unternehmen, die einzelnen Qualifikationen für sich und seine Mitarbeiter mühsam selbst zusammensuchen. Das sind viele Mosaiksteinchen. Und selbst, wenn ich alles zusammen habe, gleicht das Ganze immer noch einer Qualifizierung nach dem Salami-Prinzip: Alles schön scheibchenweise.

Ist das Problem vielleicht auch das Anforderungsprofil, das einfach zu hoch ist?

Das Anforderungsprofil ist eines geprüften Servicetechnikers würdig. Laut dem Deutschen Qualifikationsrahmen steht die Elektrofachkraft (EFK) für Gefahrenmeldeanlagen auf Niveau 5. Diese Anforderung in der Praxis auf einfachem Wege zu erreichen, ist derzeit noch utopisch. Und ich weiß auch, wie die Praxis aussieht: Die meisten Mitarbeiter haben technische Schulungen der jeweiligen Hersteller durchlaufen, um die Anlagen zu verstehen, in Betrieb zu setzen und die Inspektion durchführen zu können.

Bei einem typischen Betrieb mit 10 Mitarbeitern erfüllen manchmal nur zwei Leute die geforderten hohen Anforderungen. Sie fungieren dann als Controller des Betriebs und haften mit ihrer Unterschrift. Trotzdem plädiere ich dafür, nicht das Niveau zu senken, sondern dafür zu sorgen, dass die notwendige fachliche Qualifikation der Mitarbeiter praktikabel für die Errichterbetriebe umzusetzen ist. Es geht hier im Ernstfall immer um Menschenleben und um einen hohen wirtschaftlichen Schaden.

Wie viele Unternehmen bilden ihre Mitarbeiter selbst aus oder weiter? Gibt es hier Engpässe bei den Errichterbetrieben?

Es gibt genügend Unternehmer, die selber ausbilden, obwohl es enorm kostspielig und mit einem hohen unternehmerischen Risiko verbunden ist. Eine Ausbildung dauert drei Jahre. In dieser Zeit begleiten die Azubis lediglich die Fachkräfte und schauen ihnen bei deren Arbeit über die Schulter. Nach aktueller Normenlage darf der Azubi nur Montagen unter Aufsicht durchführen. Inbetriebsetzung und Instandhaltung sind absolut tabu.

Nach der Ausbildung sammelt der Geselle dann erste Praxiserfahrung bei kleineren Projekten. Dies geschieht unter Aufsicht und Prüfung eines erfahrenen Technikers. Diese Weiterqualifikation dauert noch einmal rund ein bis eineinhalbzwei Jahre. Nach Abschluss aller Qualifikationsmaßnahmen sind das dann ganz begehrte Fachkräfte im Markt, die, leider, sehr häufig auch abgeworben werden. Das führt verständlicherweise zu Frustration und zu erheblichen betriebswirtschaftlichen Schäden.

Wagen wir noch einen Blick in die Zukunft: Wo geht Ihrer Meinung nach die Reise für die Errichterbetriebe hin, gerade auch im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung?

Die Digitalisierung kann in Zeiten von Fachkräftemangel durchaus praktikable Lösungen für die Errichterbetriebe bieten. Die Sicherheitstechnik ist eine Branche, die sich gleichzeitig dem digitalen Wandel nicht verschließt, aber mit angezogener Handbremse in diese Richtung marschiert. Erst, wenn die erhöhten Sicherheitsanforderungen umgesetzt sind, kann man sich auf neue Technologien einlassen, so die weit verbreitete Denkweise.

Die Digitalisierung wird, so schätze ich, unser bisher doch recht konservatives Normenkonstrukt ein wenig aufweichen und das wird dazu führen, dass es für Errichter leichter wird, Personal entsprechend zu qualifizieren. Sobald wir aber in diesem Zeitalter voll umfänglich angekommen sind, dann werden wir uns mit den jungen Leuten, die von der Schule kommen und von Kindheit an, alle möglichen Programmiersprachen beherrschen, etwas leichter tun. Deshalb plädiere ich für mehr Offenheit in Bezug auf die Chancen, die uns die Digitalisierung bietet, ohne dabei die erhöhten Normen und Anforderungen aus dem Auge zu verlieren. Und wir sollten den Griff zur Bohrmaschine nicht verlernen, denn auch im digitalen Zeitalter werden die Melder nicht an die Decke programmiert, sondern montiert.

Percy Görgens – Industriemeister Elektrotechnik, technischer Betriebswirt, SPS-Techniker – ist bei Unternehmen wie Siemens und Bosch in der Sicherheitstechnik tätig. Er ist Dozent für Normen, Vorschriften und Richtlinien-Seminare. Er arbeitet als Seminarleiter und Fachplaner und ist seit 2016 Geschäftsführer bei BNS Priosafe.

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