Von der Hitzewelle kalt erwischt

15.03.2019 Kritische Infrastruktur

Klimawandel stellt Kritis vor neue Herausforderungen

Bildquelle:pixabay

 „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ So warb ab Herbst 1966 die damalige Deutsche Bundesbahn. Was die pfiffigen Werbetexter nicht voraussehen konnten, ein halbes Jahrhundert später reden alle vom Wetter, auch die Bahn. „Fahrgäste der Deutschen Bahn müssen wegen der anhaltenden Hitze mit Einschränkungen rechnen“, ließ im August das „Handelsblatt“ seine Leser wissen. Es war eben ein extremer Sommer. Und fast zur gleichen Zeit bereitete das Sturmtief „Nadine“ – sozusagen als Kehrseite derselben Medaille – dem Schienenverkehr große Probleme. Tausende Reisende mussten teilweise die ganze Nacht auf Bahnhöfen ausharren. Die Bahn gehört zu Recht zur kritischen Infrastruktur, der Blick aufs Wetter ist in diesem Falle weit mehr als Thema eines belanglosen Smalltalks.

Der Sommer in diesem Jahr war wie Zucker. Man genoss ihn ohne wirklich zu realisieren, wie er zu einer Überdosis mit bitteren Folgen wurde. Beim Blick auf die Wetterstatistik müssten alle Warnlampen aufleuchten. In Deutschland hat sich die Anzahl der heißen Tage mit einer Höchsttemperatur von mindestens 30 Grad seit 1950 knapp verdreifacht, wie die Analytiker der Munich Re feststellen. Modelle projizieren eine weitere Zunahme der Anzahl dieser Tage, etwa im Mai mehr als eine Verdoppelung, bereits für Mitte dieses Jahrhunderts.

Nicht nur der Bahnverkehr leidet unter der Hitze. Auch die Wasserwege sind betroffen. Eine Folge der anhaltenden Trockenheit ist, dass die Pegelstände der großen Flüsse in diesem Jahr einen ungewöhnlichen Tiefstand erreichten. Am Rheinufer bei Emmerich konnten Schaulustige das Wrack eines vor 123 Jahren gesunkenen Frachtschiffes bestaunen. Dort liegt der Pegelstand im Mittel bei 263 Zentimeter. Ende August dieses Jahres waren es gerade noch 35 Zentimeter. In Dresden ist der Elbpegel auf 49 Zentimeter gesunken, den niedrigsten Wert seit Jahrzehnten. Wegen des Niedrigwassers müssen die Binnenschiffe streckenweise auf die Hälfte ihrer Ladung verzichten. Das führt nicht nur zu höheren Kosten für die Reeder.

Sinkende Pegelstände und ein Anstieg der Wassertemperatur

Um das Stahlwerk in Duisburg über den Rhein mit ausreichend Kohle und Erz zu beliefern, so die „WAZ“, musste Thyssenkrupp für diese Zeit mehr Schiffe einsetzen und externe Transportmöglichkeiten dazu kaufen. Beim Pharmariesen BASF mussten wegen der anhaltend hohen Temperaturen und des Niedrigwassers im Rhein die Produktion in Ludwigshafen nach und nach wie auch die Logistik eingeschränkt werden.

Die sinkenden Pegelstände gingen einher mit einem bedenklichen Anstieg der Wassertemperaturen. Auch das hatte Folgen für die Kritis. Der Essener Kraftwerksbetreiber Steag bekam die Hitze zu spüren: Das Steinkohle-Kraftwerk Bergkamen A musste seine Leistung zeitweilig um 150 Megawatt drosseln. Der Kühlturm des Kraftwerksblocks konnte Ende Juli nur noch 30 Grad warmes und damit unbrauchbares „Kühlwasser“ ins System einspeisen. Deutschlands Flüsse sind wegen der Hitzewelle ohnehin aufgeheizt, doch das Kühlwasser von Kraftwerken erwärmt sie zusätzlich. Außerdem hieß es, der sinkende Wasserstand der Flüsse könnte die Belieferung von Kohlekraftwerken beeinträchtigen, da die Schiffe nicht mehr die volle Ladung transportieren könnten. Anfang August wurde gemeldet, dass der staatliche französische Energiekonzern EDF wegen der anhaltenden Hitzewelle Reaktoren des Kraftwerks Saint-Alban und des Kraftwerks Bugey an der Rhone heruntergefahren habe.

Schon vor fünf Jahren hatte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe vor der jetzt eingetretenen Situation gewarnt. In einer Schrift „Abschätzung der Verwundbarkeit gegenüber Hitzewellen und Starkregen“ prognostiziert: „Die Bevölkerung ist vielfach nicht, wie bspw. bei Starkregen, durch Zerstörung von Eigentum betroffen. Infrastrukturkomponenten werden nicht physisch zerstört, sondern in ihrer Funktionsfähigkeit eingeschränkt. So treten z. B. Probleme in der Stromerzeugung auf, bspw. durch die Abschaltung von Kraftwerken zur Vermeidung eines weiteren Anstiegs der Wassertemperaturen in Flüssen und der damit einhergehenden Ökosystemschäden.“

In Sachen Energie hat die für unsere Breitengrade extreme Hitze weitere, unter dem Aspekt der Energiewende fast absurde Auswirkungen. Der Wirkungsgrad von Solarmodulen nimmt mit zunehmender Temperatur ab. Für die am häufigsten verwendeten Module auf Siliziumbasis, so schreibt ein Anbieter, sinkt der Wirkungsgrad pro Grad Temperaturanstieg typischerweise um 0,35 bis 0,45 Prozent. Der genaue Wert hängt vom Modultyp ab und wird vom Hersteller als Temperaturkoeffizient im technischen Datenblatt angegeben. Entscheidend ist die Temperatur der Module selbst, nicht die der Umgebungsluft. Messungen zeigen, dass an besonders heißen Sommertagen die Abnahme des Wirkungsgrads dazu führt, dass trotz maximaler Sonneneinstrahlung die Leistung der Module geringfügig niedriger ist als an einigen sonnigen Frühlingstagen.

Wasserknappheit war auch an ganz anderen Stellen bemerkbar. Die Menschen im 3000 Einwohner zählenden Ulrichstein bei Fulda dürften den Sommer 2018 nicht so schnell vergessen. Dort musste Medienberichten zufolge über Wochen hinweg täglich der Tankwagen anrücken, um die Einwohner mit Trinkwasser zu versorgen. Eine ganz andere Dimension hatte die Wasserknappheit in dem beschaulichen Kurörtchen Vittel in den französischen Vogesen, der den meisten Menschen hierzulande wohl nur als Mineralwassermarke bekannt ist. „Die Bürger liefern sich einen Kampf mit dem Mineralwasser-Konzern Nestlé Waters um ihr Wasser. Künftig sollen die 5000 Einwohner von Vittel über eine Pipeline mit Trinkwasser aus 15 Kilometer Entfernung versorgt werden, weil der Grundwasserspiegel jährlich um 30 Zentimeter sinkt. Nestlé Waters kann hingegen weiter rund 750 Millionen Liter Wasser jährlich aus dem Boden von Vittel schöpfen“, wie die ARD-Tagesschau berichtet. Die Ouvertüre zu Verteilungskämpfen unter den Vorzeichen klimatisch bedingter Verknappung der Ressourcen?

Trockenheit und Waldbrände sind für die Anrainerstaaten des Mittelmeeres kein neues Thema. Wohl aber die Größenordnung. Nahezu sämtliche öffentliche Diskussionen in Griechenland drehen sich um die verheerenden Brände, die politische Verantwortlichkeit, die Sparpolitik und die Konsequenzen, schreibt der Autor Wassilis Aswestopoulos. Die Feuer die im Lande aufloderten und nahezu 100 Menschen das Leben kosteten, sind ein Sicherheitsthema ersten Ranges. Auf der griechischen Ferieninsel Zakynthos brachen in 24 Stunden 22 Brände aus. „So etwas gab es noch nie“, sagte der örtliche Feuerwehrchef Vassilis Matteopoulos dem Sender ERT. Es ist naheliegend, von Brandstiftung auszugehen. Spätestens als in Schweden Ende Juli 30.000 Hektar Wald ein Raub der Flammen wurden, war klar, dass solche Großfeuer nicht eine mediterrane Eigenheit sind. Ende August mussten dann Hunderte Feuerwehrleute aus ganz Brandenburg zwischen Treuenbrietzen und Jüterbog gegen einen der größten Waldbrände ankämpfen, um mehrere Ortschaften vor den Flammen zu schützen. Die Bewohner mussten vorübergehend evakuiert werden und der Brand konnte in einem munitionsbelasteten Gebiet zum Teil mit Löschpanzern bekämpft werden. Schnell kam auch hier der Verdacht auf, dass das Inferno bewusst gelegt wurde.

Mit der Hitze kommen auch neue Krankheiten

Ein weiterer, eher schleichender Vorgang, des Klimawandels wurde sichtbar. In Deutschland sind neue, tropische Zecken-Arten entdeckt worden. „Die Hyalomma sind größer und schneller. Und sie haben neue Krankheiten im Gepäck!“ Wie gemeldet wurde, sind Exemplare des verhassten Blutsaugers im Raum Hannover, in Osnabrück und in der Wetterau gesichtet worden. Bei den bisher in Deutschland untersuchten Hyalomma fanden die Wissenschaftler ein Bakterium, das Fleckfieber auslösen kann. „Q-Fieber, Parasiten, Allergien - mit der Hitze kommen auch neue Krankheiten. Experten warnen insbesondere vor bislang nicht-heimischen Insekten: Denn wenn sich die Überträger erst einmal verbreitet haben, kommen die Infektionen nach einer kurzen Dauer hinterher“, hatte die Zeitung die „Welt“ schon vor rund einem Jahrzehnt prophezeit.

„Hitzewellen überfordern unser Gesundheitssystem“ schrieb das Blatt in diesem Sommer und verwies dabei auf die 7.000 Toten, die in Deutschland während der letzten großen Hitze im Jahr 2003 über das statistische Normalmaß zu beklagen waren. Anders als im Nachbarland Frankreich gebe es in Deutschland, so die Zeitung weiter, keinen Plan, „wie Hitzetote künftig vermieden werden können.“

Wie die Hitzewelle auch die Beschäftigten der Kritis ans Limit brachte, geht aus einer Pressemeldung der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport vom 27. Juli hervor. Eine besondere Herausforderung sei für die Mitarbeiterinnen Mitarbeiter die Arbeit auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens gewesen. „Dort gibt es wenig Schatten und weil der Beton die Wärme reflektiert, erreichen die Temperaturen bis zu 60 Grad. Bei der Flugzeugabfertigung tragen die Beschäftigten zudem Sicherheitskleidung wie lange Hosen, Handschuhe und festes Schuhwerk“, heißt es in der Veröffentlichung.

Es ist zu hoffen, dass die Erfahrungen dieses extremen Sommers nicht bei der ersten Abkühlung ad acta gelegt werden; denn die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.

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