Sicherheitstechnik in Deutschland  auf gutem Weg und vor großen Herausforderungen

11.09.2019

Wie hat sich der Markt für Sicherheitstechnik entwickelt und welche Herausforderungen stellen sich gegenwärtig und in Zukunft? Darüber sprach SicherheitsPraxis mit Peter Krapp, Geschäftsführer des Fachverbands Sicherheit und der Arbeitsgemeinschaft Errichter & Planer im ZVEI – Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie.


Peter Krapp, Geschäftsführer des ZVEI

SicherheitsPraxis: Herr Krapp, wie geht es der  Sicherheitstechnik in Deutschland?

Krapp: Sehr gut! Nach den Zahlen von ZVEI und BHE verzeichnete der Markt für elektronische Sicherheitstechnik im Jahr 2018 in Deutschland erneut ein stabiles Wachstum. Der Umsatz legte im Vergleich zum Vorjahr um 5,6 Prozent auf knapp über 4,4 Milliarden Euro zu. Auch in Zukunft sieht die Branche einen Aufwärtstrend.

SicherheitsPraxis: Und wo liegen die Herausforderungen?

Krapp: Vor allem im Fachkräftemangel. Es dauert heute oft zwölf bis 15 Monate, bis eine Stelle nachbesetzt wird – erheblich länger als noch vor einigen Jah­ren. Daneben wird Vernetzung und Digitalisierung  immer wichtiger. Drittens werden Smart Home und Smart Building Realität. Im Dreieck aus Komfort, Energie­effizienz und Sicherheit nimmt Cybersicherheit dabei einen zentralen Platz ein. Sichere und vertrauenswürdige digitale Technologien – darauf müssen sich die Nutzer verlassen können. Und nur so entstehen neue Dienste und Geschäftsmodelle, die sich am Markt behaupten.

SicherheitsPraxis: Die Sicherheitstechnik hat sich in der Vergangenheit stets auf eindeutige rechtliche Rahmenbedingungen verlassen können – wie steht´s damit?

Krapp: Der Rechtsrahmen für die Sicherheitstechnik wird immer komplexer. Nur zwei Beispiele: Durch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes musste das gesamte bisherige System zur Kennzeichnung und Verwendung von Produkten nach der Baupro­duktenver­ordnung angepasst werden. Die daraus entstandene Muster­verwaltungs­vorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) ist ein guter Ansatz der aus unserer Sicht allerdings noch eine ganze Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten enthält.

Im Jahr 2017 war das Videoüberwachungsver­besserungsgesetz be­schlossen worden. Es enthielt Stellschrauben, um für öffentlich zugängliche großflächige Anlagen wie Sport-, Versammlungs- und Vergnü­gungsstätten, Einkaufszentren oder Parkplätze den Einsatz von Videoüberwachung zum Schutz von Leben und Gesundheit von Personen zu erleichtern. Im Frühjahr ist das Gesetz vom Bundesverwaltungsgericht gekippt worden, weil es nicht im Einklang mit der Datenschutzgrundverordnung aus 2018 steht. Dennoch ist der Markt für Videosicherheit unter dem Eindruck der Diskussion um die öffentliche Sicherheit mit einem Plus von 6,5 Prozent auf 575 Millionen Euro erneut spürbar gewachsen.

SicherheitsPraxis: Die Gebäudetechnik wächst zusammen, sehen Sie die Sicherheitstechnik mehr in einer Symbiose oder in Rivalität zu Nachbargewerken wie Installationstechnik oder Licht?

Krapp: Eindeutig in einer Symbiose, denn am Ende des Tages müssen alle miteinander auskommen. Allerdings wird die Situation unübersichtlicher. In einem vernetzten System fallen nun einmal die harten technologischen Grenzen von früher weg, die für einfache Antworten sorgten. Die zentralen Fragen drehen sich heute um Ebenen, Hierarchien, Rollen und Pflichten; „Wer macht was, wer hat wem was zu sagen, wer ist wofür zuständig und wer dokumentiert und teilt es mit?“ Jede Technologie hat dabei ihren eigenen Hintergrund und insbesondere Schnittstellen- und Hierarchiefragen sind oft nur anwen­dungs- oder szenariobezogen zu lösen.

SicherheitsPraxis: Das hört sich sehr abstrakt an. Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Krapp: Denken Sie an ein automatisiertes Fenster in einem Bürogebäude. Dort begegnen sich zahlreiche Interessen: Die Einbruchmeldetechnik verlangt ein geschlossenes Fenster zur Scharfschaltung der Einbruchmeldeanlage. Die Gebäude­leittechnik möchte das Fenster zur natürlichen Be- und Entlüftung oder zur Nachtauskühlung benutzen, einer wichtigeren Aufgabe mit Blick auf Klimaschutz und Energieeinsparverordnung. Das Natürliche Rauch- und Wärmeabzugsgerät schließ­lich muss das Fenster im Brandfall auf Befehl der Brandmeldeanlage öffnen, und zwar im Zweifelsfall „gegen den Widerstand“ aller anderen Gewerke  einschließlich der Jalousiesteuerung. All diese Interessen treffen an diesem Fenster zusammen – in der Regel nicht immer mit der gleichen Zielsetzung. Wir haben zahlreiche Sensoren und Aktoren, die oft an denselben Stellen ansetzen. Das gibt Konflikte und verlangt nach Priorisierung sowie dem Aufstellen von Szenarien.

SicherheitsPraxis: Was unternehmen Sie als Verband, um Digitalisierung, Vernetzung und Integration weiter voran zu treiben und zu koordinieren?

Krapp: Wir haben ein Projekt namens Sense – semantisches, interoperables Smart Home – gestartet. Ziel ist, das Gebäude in seiner Vielfalt für Anwendungen und Anwendungsentwickler umfassend nutzbar zu machen. Das Gebäude wird zur Basis aller Dienste im Kontext von Smart Home, Smart Building und Smart City - „Gebäude als Service“ ist dabei die Leitidee. Her­steller und Anwendungsentwickler werden in das Projekt eingebunden, um im „Se­mantic Building Lab“ innovative Technologien und Ser­vice­konzepte zu testen, die über bisherige Technologiegrenzen hinausgehen.

Mit „Foresight“ haben wir ein  übergreifendes Projekt gestartet, das den Ansatz um Künstliche Intelligenz (KI) erweitert. Nur eine KI-Plattform kann die komplexen Steuerungsaufgaben in einem hochgradig vernetzten, smarten Gebäude sowie der Individualität der Bewohner gerecht werden. Smart Living-Lösungen müssen Situations- bzw. Umgebungsveränderungen erkennen und mit den Nutzern abgestimmt interagieren, ohne das Recht auf Selbstbestimmung und Privatsphäre  zu verletzen. Darüber hinaus müssen die Lösungen der Wohnungswirtschaft ermöglichen, Wohnungen und vernetzte Gebäude über einen langen Zeitraum wirtschaftlich zu betreiben.

Mit der ForeSight-Plattform wird eine Grundlage geschaffen, durch KI neuartige Mehrwerte für zahlreiche Akteure im Kontext „Wohnen und Leben“ zu schaffen. Somit können branchen- und gewerkeübergreifende Anwendungen auf Basis interoperabler Systeme konzipiert und realisiert werden. Die Beteiligung marktrelevanter und zahlreicher assoziierter Partner  untermauert die gesellschaftliche Relevanz der ForeSight-Plattform. Das geschaffene Netzwerk spannt ein Ökosystem auf, in dem neben Forschung und Wohnungs­wirtschaft viele Hersteller , IT-Anbieter und maßgeblichen Verbände aktiv sind.

SicherheitsPraxis: Wird die konventionelle analoge Sicherheitstechnik bald keine Rolle mehr spielen?

Krapp: Schlicht gesagt kann jede Technik in diesen Systemen mitmischen, die Daten generieren und liefern kann. Denken Sie beispielsweise an die neueste Generation ferninspizierbarer Rauchwarnmelder, die automatisch erkennen, ob sie richtig montiert sind oder ob der Melder noch funktioniert. Mit den richtigen Daten hat auch analoge Sicherheitstechnik eine Eintrittskarte für smarte Anwendungen.

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