„Sicherheit ist immer ein subjektives Gefühl“

28.03.2018

Im Mai tritt die Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Was das für Facherrichter bedeutet und über Grenzen der Videoanalyse, darüber sprach die Sicherheitstechnik mit Karsten Kirchhof.

Karsten Kirchhof

Im Mai tritt die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft: Was kommt in diesem Zusammenhang auf die Facherrichter zu?

Karsten Kirchhof: Wir haben noch hundert Tage bis zum Ende der Übergangsphase, Stand Ende Januar. Alle Betreiber von Videosystemen hatten fast 2 Jahre Zeit, sich darauf vorzubereiten. Man weiß zum Beispiel, dass die Dokumentationspflicht gilt. Und auch, wenn einige Details noch offen sind, ist man bereits verpflichtet, jetzt dem Datenschutz nachzukommen. Besonderen Wert gewinnt in diesem Zusammenhang die Din EN 62676-4, die seit Juli 2016 gültig ist. Mit dieser Norm wird aus praktischer Sicht eine sehr gute Vorgabe gemacht, wie Systeme dokumentiert werden können gemäß den Anforderungen in der DSGVO. Die Din bietet ein klassisches Raster, um die Anforderungen zu erfüllen.

Hier liegt auch die Chance für den Errichter und für den Betreiber, sich die Anlagen noch einmal genau anzusehen. Man bekommt eine objektive Datengrundlage, auf deren Basis man arbeiten kann. Deshalb hat diese Din eine besondere Bedeutung. In Bezug auf die Datenschutzverordnung haftet zwar der Betreiber. Aber er kann den Errichter auch in die Pflicht nehmen. Daher kommt die Norm zweifach zum Tragen: Absicherung gegenüber DSGVO und auch gegenüber dem Facherrichter. Das ist den Errichtern derzeit noch nicht so bewusst.

Speziell im Bereich Videoüberwachung: Was ändert sich da?

Karsten Kirchhof: Tendenziell sollte sich der Facherrichter mit der Din auseinandersetzen. Es gibt dazu auch eine Reihe von Schulungen und Trainings, zum Beispiel beim BHE. Er sollte sich das Thema aneignen, da er es auch als zusätzliche Leistung gegenüber seinen Kunden anbieten kann. Das kann sich auch lohnen. Er kann sich damit auch vor Regressansprüchen absichern.

Möglich ist auch eine Abgrenzung gegenüber den Systemhäusern, die in diesem Markt unterwegs sind. Meistens sind sie im Bereich der Normen und Richtlinien überfordert. Das gilt nicht für alle, aber es ist doch ein klares Qualitätsmerkmal, das die meisten Facherrichter den Systemhäusern voraushaben. Hier können sie sich auch als Spezialisten hervortun. Als Fachmann, der das ganze unter dem Aspekt Sicherheit macht: technisch und datenschutzrechtlich. Damit haben alle Beteiligten Sicherheit.

Der Markt für Videoüberwachung wächst. Das hängt auch mit Gesetzesänderungen zusammen: Welche waren das und was hat sich konkret verändert?

Karsten Kirchhof: Es haben sich verschiedene Bedingungen verändert in Bezug auf Videoüberwachungssysteme im öffentlichen Bereich. Restriktive Bedingungen wurden etwas gelockert. Was sich geändert hat, ist auch die Diskussion in der Bevölkerung und die Akzeptanz. Video hat positive Anreize, es ist effizient. Das alles hat den Boom eigentlich noch verstärkt und die Prognosen wurden sogar übertroffen. Immer mehr private Betreiber fühlen sich animiert, hier zu investieren. Insgesamt ist der Eindruck entstanden, es scheint immer einfacher zu werden: gesetzlich und technisch. Die Schattenseiten dieses Booms sind, dass auch geringere Qualität verkauft wird.

Was ist Ihre Empfehlung: Wie soll sich der Errichter konkret auf diese Änderungen einstellen?

Karsten Kirchhof: Für viele Errichter bedeutet das erst mal noch: Formale und technische Aspekte. Datenschutz und Datensicherheit (Cyber Security) spielen eine Rolle. Fast alles ist mit dem Netzwerk, also dem Internet verbunden. Mein Rat an den Errichter ist: Sich umfassend und ernsthaft mit diesen Themen zu beschäftigen. Auch hier empfiehlt sich die DIN als Beratungsprotokoll, um sich abzusichern. Es dokumentiert, wie er den Kunden beraten hat und es ist an den entsprechenden Stellen dokumentiert, warum, was, wie gelöst wurde.

Stichwort Videoanalysetechnik: Worauf muss sich der Errichter einstellen?

Karsten Kirchhof: Gesichtserkennung ist ein Thema, das den Eindruck erweckt, als wäre es etwas Gängiges. Doch das ist in Wirklichkeit viel komplexer. Bewegungserkennung zählt auch als Videoanalyse. Dieses Instrument kann man nutzen, um zum Beispiel den Datenstrom zu reduzieren. Auch hier wird die Technik immer besser. Aber kein Hersteller ist in der Praxis bereit, Haftung zu übernehmen, für die hundertprozentige Funktion seiner Analysefunktion. Hier bleibt für den Facherrichter deshalb nur der umfassende Test unter Vor-Ort-Bedingungen. Es besteht trotzdem eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass eine hohe Anzahl an Ereignissen entsteht, die manuell ausgewertet werden müssen. Ein Restrisiko bleibt auch immer, das muss sich der Facherrichter bewusst machen und die Technik vor Ort nachsteuern. Diese Anpassungen müssen auch wieder dokumentiert werden.

Für großes Aufmerksamkeit in den Medien hat die automatische Personenerkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz gesorgt. Nach offiziellen Mitteilungen lag die Erfolgsquote bei 60 Prozent. Wie ist Ihre Einschätzung zu diesem Thema?

Karsten Kirchhof: Die Ergebnisse kann man sehr ambivalent sehen. Man kann es als Erfolg betrachten. Aber wenn man mit einfachen statistischen Regeln da ran geht, dann kann man das auch anders bewerten. Dass das System getestet wurde, finde ich schon einmal gut. Auch die Veröffentlichung dieser Ergebnisse ist besonders wichtig. Von daher ist das Projekt ein Erfolg, weil es ein Maß gibt, was derzeit technisch möglich ist.

Ob mehr möglich ist, das hängt immer vom Gesamtprojekt ab. Am Bahnhof Südkreuz hat man gezielt Flaschenhälse im Personenstrom ausgewählt, um diese dann mit Kameras zu beobachten. Man hat mehrere Hersteller parallel getestet, um auch die Qualität der einzelnen Systeme zu erfassen. Man ging mit sehr hoher Pixeldichte da rein. Ein normaler Bahnhof wird nicht mit einer solchen Pixeldichte überwacht, das muss man sich bewusst machen. Das ist immer auch eine Budgetfrage, was möglich ist. Verfahren, ähnlich wie beim Flughafen-Check-In, sind nicht praktikabel für den Alltag an Bahnhöfen.

 Es erfordert sehr viel Personal, das die Hinweise vom System auswertet, sobald Personen auftauchen, die gesuchten Personen ähnlich sehen, denn das kann die Software nicht alleine. Am Ende bleibt eine große Anzahl von möglichen Treffern, die von Menschen abgeglichen werden

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