Auf der Suche nach der Lüge

28.03.2018

Körpersprache und Mikromimik – Der sichere Blick auf die Unsicherheiten des Anderen

Körpersprache und Mikromimik

In unserer schnelllebigen Zeit ist auch das Kommen und Gehen in den oberen Etagen der Unternehmen zu einer ganz eigenen Herausforderung geworden. Es sollte zu denken geben, wenn das Magazin „Der Spiegel“ einen Beitrag zu diesem Thema mit „Im Zeitalter der Maulhelden“ überschreibt. Beim Vergleich verschiedener Bewerber kommt das Blatt zu dem Ergebnis: Und wer bekam den Job? „Der Schaumschläger!“ Und die Wochenzeitung „Die Zeit“ bemerkte zu diesem Thema: „Zehn Prozent sind Lügner.“ Ein Umdenken bei der Personalrekrutierung ist also dringend geboten, einfach ist es nicht.

Führungskräfte werden von weit her angeworben, doch die Bewerberflut kann zum Minenfeld werden. Werfen wir deshalb zunächst einen Blick auf das, was mit dem Begriff Pre Employment Screening umschrieben wird und im Kern nichts anderes bedeutet, als bei einer Bewerbung hinreichende Sorgfalt walten zu lassen. Diese Sorgfalt allerdings unterliegt einem ständigen Wandel.

Zwei Dinge machen es Firmenverantwortlichen zunehmend schwerer, bei Einstellungsgesprächen die Balance zu halten: Zum einen wird das rechtliche Korsett immer enger geschnürt, gleichzeitig wächst jedoch die Gefahr, einem Schaumschläger, Schwindler oder gar handfesten Gauner auf den Leim zu gehen. Um sich bei solchen Gesprächen nicht zwischen Skylla und Charybdis wiederzufinden, ist eine hinreichende Schulung Voraussetzung; besser noch ist es, sich professioneller Unterstützung zu bedienen.

Den Menschen in seiner Gesamtheit erfassen

Natürlich - davon sollte auszugehen sein - werden erst einmal die schriftlich eingereichten Bewerbungsunterlagen mit hinreichender Sorgfalt unter die Lupe genommen. Für diejenigen, deren Profil auf die neu zu besetzende Stelle zu passen scheint, kommt dann die Stunde der Wahrheit - oder sollte man vielleicht besser sagen die Sekunde der Wahrheit?

Für das erste Zusammentreffen mit einem Bewerber gibt es für einen Personaler kein da capo. Was er hier vergeigt, hängt ihm schlimmstenfalls noch lange an. Natürlich lassen sich Gespräche wiederholen und vertiefen, aber für den so wichtigen ersten Eindruck gibt es kein zweites Mal. Deshalb müssen für diesen Augenblick alle Sinne geschärft sein. „Man muss den Menschen lesen können“, erklärt Sabrina Rizzo ihre Maxime. Die Hamburgerin hat sich auf das Dechiffrieren von Mikrominik und Körpersprache spezialisiert. All jenen, die in der Mikromimik das allumfassende Mittel zur Überführung von Lügen und Betrügern sehen, erteilt sie eine Absage. Es sei unabdingbar, den Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen. Nur so ließe sich ein Eindruck gewinnen, der weiteren Entscheidungen eine sichere Basis bieten kann.

Emotionen richtig deuten

Die Befürchtung, hinters Licht geführt worden zu sein, hat wohl jeden in einer verantwortungsvollen Position schon einmal beschlichen. Ist mein gegenüber arrogant und unfähig, ist er nur unsicher oder tatsächlich so souverän wie er sich gibt? Diese und ähnliche Fragen beschäftigen uns täglich; im Wirtschaftsleben werden sie jedoch schnell substantiell.

Bewirbt sich jemand auf eine wichtige Stelle im Unternehmen, so werden dessen Unterlagen in der Regel eingehend geprüft. Aber nicht jedes Dokument und jedes Detail im Lebenslauf lässt sich bis aufs Komma verifizieren (siehe auch das Spitzengespräch mit Rolf Fauser auf S. 8). Hier kann eine professionelle Gesprächsführung weitere Klärung bringen. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Ein verächtliches Zucken im Mundwinkel, weit aufgerissenen Augen, ein gesenkter Blick und schon ist jemand überführt? „Nein!“, sagt Sabrina Rizzo. „Um die Emotionen eines Menschen deuten zu können, bedarf es vielmehr“ so die Expertin. Obwohl es von großer Wichtigkeit sei, solche kleinen, oft nur für Sekundenbruchteile ausgesendeten Signale zu registrieren, sei ihre richtige Deutung sehr viel schwieriger. Das Dechiffrieren der Mimik ist eine Kunst, aber sie ist erlernbar, wie Sabrina Rizzo anfügt. Aber die Bewertung der flüchtigen Mimik zeige nur im Kontext mit der Körpersprache brauchbare Erkenntnisse.

In der Schrecksekunde sind alle gleich

Nichtsdestotrotz bleibt Mikromimik ein wichtiger Schlüssel, um gegebenenfalls hinter die gekünstelte Fassade eines Gesprächspartners blicken zu können. Die aller erste Reaktion eines Menschen auf eine Frage oder eine Situation kommt - so erläutert Rizzo - aus dem limbischen System des Gehirns. Die von dort ausgehenden Impulse sind Zehntelsekunden schneller, als die von Verstand und Überlegung gesteuerten Reaktionen. Auch der bestpräparierte Gleisner hat seine (halbe) Schrecksekunde, bevor er sein trainiertes und einstudiertes Gebaren in die Waagschale werfen kann.

„Zumindest in diesen Sekundenbruchteilen“, so unterstreicht Rizzo, „sind alle Menschen gleich.“ Dies betreffe über alle Kulturen hinweg emotionale Reaktionen wie Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung, Ekel und Verachtung.

Die Vorstellung jedoch, man könnte als Gesichtszug-Begleiter einfach ein Gespräch abwarten und die untrüglichen Ergebnisse fielen einem sozusagen wie die Sterntaler in den Schoß ist eine Illusion. Die mikromimischen Reaktionen, vor allem jene, die eine besondere Aussagekraft besitzen, kommen relativ selten vor, gesteht Sabrina Rizzo. Es ist außerdem für den Gesprächsführer eine außerordentliche Konzentration vonnöten, immer und untrüglich die Blitze der Emotionswallungen zu entdecken und zu deuten.

Wo der Aspirant auch lügen darf

Hier kommt eine weitere Disziplin der Gesprächsführung, besonders bei Bewerbungen, ins Spiel. Es geht darum, den Dialog geschickt auf jene Punkte zu lenken, die zumindest augenscheinlich ein Stolperstein sein könnten. Hier können durch Fragen, bei denen der Aspirant gesetzlich gedeckt auch lügen darf, entsprechende Reaktionen stimuliert werden.

Ein solcher, kitzliger Punkt bei Bewerbungsgesprächen kann die Frage nach Vorstrafen sein, die nur in einem eng abgesteckten Kontext zulässig sind. So kann zum Beispiel bei einem Kraftfahrer nach Vorstrafen wegen Verkehrsdelikten gefragt werden. Der Bewerber darf sich als unbestraft bezeichnen und braucht den der Verurteilung zugrundeliegenden Sachverhalt nicht zu offenbaren, wenn die Vorstrafen im Bundeszentralregister gelöscht oder nicht in das Führungszeugnis aufzunehmen sind. Kein schöner Gedanke, dass jemand, der zu Gewalttaten neigt, unter Umständen in eine Position gebracht werden könnte, in der Ruhe und Ausgeglichenheit eine wesentliche Voraussetzung ist. Genau bei solchen Fällen wird es zu einer substantiellen Frage für das Unternehmen, ob er sich bei der Bewerbung überlisten lässt.

Die immer wieder vorgebrachte Faustregel, eine Vorstrafe, die sich nicht auf die beworbene Tätigkeit beziehen lässt, dürfe nicht als Kriterium für die Ablehnung eines Bewerbers herangezogen werden, ist so nicht mehr haltbar. Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hat im März vergangenen Jahres entschieden, dass ein Bewerber auf eine Stelle als Studienrat zu Recht abgelehnt worden sei, da er wegen Urkundenfälschung, versuchten Betruges und weiterer Straftaten rechtskräftig verurteilt worden war.

Den Lebenslauf rückwärts erzählen lassen

Nicht selten wird von solchen Straftätern die Auszeit in der Justizvollzugsanstalt als Studienaufenthalt im Ausland geschönt. Besonders in solchen Fällen bewährt sich eine bestens vorbereitete Gesprächsführung. Sabrina Rizzo, die auch für die Prüfung der Plausibilität von Bewerbungen hinzugezogen wird, kennt die Mechanismen, mit denen man den „Schummlern“ dezent die Maske abnehmen kann. „Den Lebenslauf einfach mal rückwärts erzählen lassen“, so erläutert sie, „kann einen Bewerber mit fingierter Vita schon mal ins Stottern bringen.“ Dazu sei eine ausgeklügelte Fragetechnik unabdingbar, so die Expertin. Es müsse auf jeden Fall gesichert sein, dass der Gesprächspartner für den Dialog offenbleibt.

Nach einem Beispiel befragt, wie ein solches Profiling in der Praxis angewendet werden kann, berichtet Sabrina Rizzo von einem Fall aus ihrer Praxis. Sie habe sich vor einiger Zeit im Auftrage einer österreichischen Firma, die für die UNO tätig ist, mit einigen unternehmensinternen Bewerbern beschäftigen müssen. Dabei ging es auch darum, dass diese Personen als Waffenträger eingesetzt werden sollten. Im Gespräch wurde dann auch - scheinbar eher beiläufig - das Waffentragen thematisiert. Bei einem der Bewerber wurde dabei schnell erkennbar, dass für ihn die Waffe eine besondere Bedeutung besaß. Als man ihm einen Dienst ohne Waffe in Aussicht stellte, verriet seine Mimik eine latente Aggressivität. Ein Grund, für diesen Mann keine Empfehlung auszusprechen. Was sich offensichtlich bald als richtig erwies, denn der vom Waffentragen ausgeschlossene quittierte seinen Dienst bei der Firma. Weshalb der Mitarbeiter eine solche Affinität zur Schusswaffe hatte, ließ sich natürlich nicht eruieren, zweifellos aber war ein übersteigerter Hang dazu zu bemerken.

Vorsicht bei gewissen Typen

Es kommt eben auch darauf an, von der Routine bei den Fragen wegzukommen. Viel zu häufig, so bemängelt Sabrina Rizzo, werden Standards abgearbeitet und die Antworten nicht weiter hinterfragt.

Charakterliche Grundeigenschaften sind schnell auszumachen. Der „Prestigetyp“, der mit der neuen Stelle gleichzeitig sein Ego bedienen will, neigt dazu, im Gespräch, so erklärt die Profilerin, Wörter, wie „schnell, Karriere, Wichtigkeit, Dringlichkeit“ bevorzugt zu verwenden. Der Prestigetyp springt darauf an, wenn ihm das größte Büro in der Etage in Aussicht gestellt wird. Sein auffällig dynamisches Auftreten unterstreicht seine persönliche Determinierung. Auch „Der Spiegel“ nahm sich in dem bereits erwähnten Beitrag eines solchen Prestigetypen an. Die nüchterne Erkenntnis: „Niemand kam auf die Idee, dass der Auftritt des lauten Kandidaten nur eine schauspielerische Leistung war.“ Für solche Kandidaten ist das Leben eine einzige Bühne. Bei ihnen ist von einer erhöhten Gefahr auszugehen, dass er betriebliche Internas in unangemessener Weise zur Darstellung seiner eigenen Bedeutung im Unternehmen missbraucht.

Weitere Einsatzfelder

Nicht nur, wenn sie den Personalern gegenüberstehen haben gewisse Menschen gute Gründe, sich „im Griff“ zu haben. Das kann beim Zoll sein, wenn im Gepäck deklarierungspflichtige Waren versteckt, oder sogar strafbewehrtes Schmuggelgut wie Drogen verstaut sind.

„Solche Leute geraten im entscheidenden Moment unter Stress“, erläutert Rizzo. „Das wird durch verschiedene Gestiken und Handlungen sichtbar, man muss sie nur herausfiltern, indem man Vergleiche zum normalen Verhalten zieht.“ Mit der Feststellung eines auffälligen Verhaltens, ist allerdings noch lange nicht die genaue Ursache erklärt. Ihre Funktion liegt in erster Linie darin, Kontrollen zielgerichteter durchzuführen. Hohe Trefferquoten hätten das Prinzip längst in seiner Funktion bestätigt.

Rizzos Formel für eine Tätererkennung heißt: „Er will nicht auffallen und fällt dadurch auf.“ Dabei können schon relativ belanglos erscheinende Handlungen als Auffälligkeiten gewertet werden. Die „Selbstberührung“ gehört zu diesen Merkmalen. Gewisse Handlungen sind dann nicht mehr logisch, das Verhalten wird auffälliger. Besonders bei der Fluggastkontrolle nehmen solche mentalen Observationen an Bedeutung zu.

Auch an anderen Stellen, an denen Sicherheit gewährleistet werden muss, ist das anwenden derartiger Erkennungssysteme angezeigt. Ein potentieller Täter lässt sich zum Beispiel an einem gewissen Vor-Tat-Verhalten erkennen. Für ihn ist - abweichend von der großen übrigen Menschenmenge - signifikant, dass er die Personen um sich herum scannt.

Ein ähnliches Verhaltensmuster sieht Sabrina Rizzo bei Tätern, die auf Großveranstaltungen Böses im Schilde führen. Ihnen deutlich zu machen, dass sie in den Fokus geraten sind und höchstwahrscheinlich mit Konsequenzen zu rechnen hätten, veranlasst Viele von ihren Absichten Abstand zu nehmen. Profiling, so betont die Expertin, ist im Wesentlichen eine Wissenschaft der Prävention.

Das heißt nicht, dass nach vollendeter Tat die keine Aufgabe mehr zufallen könnte. Auch in solchen Fällen kann sie in der Kombination zwischen präziser Fragestellung und ebenso präziser Beobachtung der Reaktion so etwas wie ein unsichtbarer Lügendetektor sein. Als Beispiel nennt sie die Vernehmung eines des Diebstahls Verdächtigten. Er hat 100 Euro mitgehen lassen und nun konfrontiert man ihn mit der Anschuldigung. Dabei kann es zu sehr interessanten mentalen Reaktionen kommen, wenn ihm statt der 100 Euro 500 Euro die abhandengekommen seien, vorgehalten werden. Die Überlegung im Kopf des Täters, „ich habe doch nur 100 Euro eingesteckt, was wollen die mir unterstellen“ führt zu ganz eigenen mikromimischen Reaktionen.

In diesem Sinne ist Profiling auch ein Mittel der Aufklärung, dass nicht nur von der Polizei eingesetzt werden kann. Auch mit betriebsinternen Ermittlungen können solche Techniken hilfreich sein, um Ungereimtheiten zu hinterfragen und Störungen im Betriebsablauf leichter lokalisieren zu können.

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