„Strategien gegen Gefahren, die wir noch gar nicht kennen!“

02.05.2019

Hermann Kühne, Leiter Unternehmenssicherheit der Berliner Wasserbetriebe

Mit Hermann Kühne, Leiter Unternehmenssicherheit der Berliner Wasserbetriebe, sprach Peter Niggl

Security insight: Herr Kühne, für den großen Stromausfall kennt man den Begriff des Blackouts, für den Ausfall der Wasserversorgung gibt es offensichtlich keine Bezeichnung. Weil es noch nie passiert und auch undenkbar ist?

Hermann Kühne: Vielleicht, weil es tatsächlich undenkbar erscheint. Wir müssen aber feststellen, dass beides eng zusammenhängt. Wenn es tatsächlich zu dem befürchteten und durchaus nicht unrealistischen Zusammenbruch der Stromversorgung in Europa kommt, wäre auch die Wasserwirtschaft betroffen. Dieser Gefahr vorzubeugen ist heute eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wenn wir vom großen Blackout sprechen, gehen wir davon aus, dass es mindestens eine Woche, eher sogar zehn Tage dauern würde, bis die Stromversorgung wieder hergestellt ist. Es ist nicht vorstellbar, dass die Menschen hierzulande einen solchen Zeitraum ohne Wasserversorgung überstehen können. Das Betriebsrisiko, einen völligen Stromausfall zu erleben ist also elementar. Deshalb haben wir auch ein Notstromkonzept entwickelt und üben auch den Ernstfall. Im Falle eines Blackouts würde zwangsläufig die Wasserentnahme drastisch sinken - die Industrie würde als Abnehmer wegbrechen und auch in den privaten Haushalten würde der Gebrauch der Waschmaschinen oder die tägliche Dusche weitgehend entfallen. Wir müssten also mit einem geringeren Druck arbeiten, aber das Wasser in den Rohren muss fließen! Denn in stehendem Wasser können sich Keime bilden. Wir können über unser Notstromkonzept die grundlegende Versorgung der Berliner Bevölkerung mit Wasser für mehrere Tage sicherstellen. 

Konkret heißt das?

Wir setzen Prioritäten. Das Trinkwassersystem mit den 17 Wasser-Pumpwerken ist notstromgesichert. Beim Abwasser sind das einige wichtige Pump- und Klärwerke, aber nicht alle. Eine Komplettvorsorge sehen wir als unverhältnismäßig, schließlich brauchen wir so viel Strom wie eine Stadt mit 270.000 Einwohnern.  Wir haben für unsere Ver- und Entsorgungssysteme übergreifende Sicherheitskonzepte mit einem prozessorientierten Ansatz entwickelt. In unserem Krisenmanagement, speziell im Ereignismanagement, spielen wir alle denkbaren Impacts wie  Stromausfälle,  Flugzeugabstürze,  Starkregen und dergleichen durch.

Die Wasserversorgung gehört zur Kritischen Infrastruktur. Sind da ihre Voraussetzungen zur Gefahrenabwehr nicht besonders gut?

Wasser ist das Lebensmittel Nummer eins. Aus dieser Verantwortung heraus nehmen wir unseren Auftrag der Gefahrenabwehr wahr und tun alles um die Wasserver- und die Abwasserentsorgung in Berlin sicherzustellen. Man muss aber hier erwähnen, dass das IT-Sicherheitsgesetz, das wir seit zwei Jahren haben, die einzige gesetzliche Regelung neben der Datenschutzgrundverordnung ist, die uns konkret Vorschriften macht, wie wir Sicherheit leben müssen. Es gibt keine gesetzliche Grundlage, die uns Wasserversorgern z. B. konkret vorschreibt, wie viele Stunden oder Tage wir beim Stromausfall Wasser vorhalten müssen. Jedes Bundesland hat ein eigenes Katastrophenschutzgesetz. Die Umsetzung der vom damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière angeschobenen „Konzeption Zivile Verteidigung“ lässt auf sich warten und scheint auch keinen bahnbrechenden Umbruch in Deutschland einzuleiten.

Wie sieht dann die „gesetzlose“ Sicherheit aus? Und vor allem, was umfasst sie?

Unsere Aufgabe ist es, Trinkwasser in hoher Qualität und ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen sowie das Abwasser aufzubereiten. Einen Anschlag mit toxischen Substanzen z. B. auf die gesamte Trinkwasser-Versorgung einer Stadt wie Berlin halte ich für sehr unwahrscheinlich, lokal aber für denkbar. Angriffe auf die Trinkwasserinfrastruktur gefährden die Wasserqualität. Wir sind in Sachen Qualitätskontrolle bestens aufgestellt. Fast 100 Mitarbeiter in unserem Labor überprüfen täglich die Qualität des Wassers und Abwassers. Mit Analysen von über 100 Messstellen im Trinkwassernetz sichern wir das auch in der Fläche. Bachflohkrebse und Indikatormessgeräte in unseren Wasserwerken ergänzen diesen Qualitätsprozess in Echtzeit. Natürlich haben wir auch die Gefahr eines Cyberangriffes im Blick. Für diesen Fall haben wir in den KRITIS-Bereichen ein übergreifendes Sicherheits- und Notfallmanagement. Bei unvorhergesehenen Veränderungen trennen sich z. B. wichtige Betriebsprozesse vom Netzwerk automatisch ab und gehen in einen Stand-alone-Modus über. Wir gehören in Berlin zu den größten Grundstücksbesitzern, mit über 600 Liegenschaften verteilt über das ganze Stadtgebiet und das nahe Umland von Berlin, die alle geschützt werden müssen. Viele Liegenschaften sind oder werden in naher Zukunft unbesetzt sein. Den Gebäude- und Perimeterschutz zu gewährleisten geht heute nur durch moderne Techniken. Vom Leitstand über Gefahrenmanagementsysteme, Videoüberwachung, Einbruchmeldeanlagen, Bewegungsmelder etc…

Für Angriffe werden häufig Schwachstellen beim Personal genutzt…

… die wir natürlich besonders im Fokus haben. Es gibt für unsere Mitarbeiter eine Sicherheitsfibel und alle 4.300 Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe durchlaufen alle 18 Monate eine Awareness-Schulung, bei der sie mit den aktuellen Herausforderungen konfrontiert werden, zum Beispiel gefälschten E-Mails etc. Für besondere Mitarbeitergruppen werden gesonderte Sicherheitsschulungen durchgeführt. Für die Gefahr von Innentätern kooperieren wir u. a. mit den Sicherheitsbehörden, um reagieren zu können. Auch die Berliner „Unterwelt“, das heißt das Abwassersystem, ist in einem hohen Maße für die Sicherheit in dieser Stadt relevant und wird oft unterschätzt. Sei es die Vermeidung von möglichen Sprengstoffanschlägen im Kanalnetz unter wichtigen Gebäuden bis zu Gullydeckeln, die bei Staatsbesuchen gesichert werden müssen. Und natürlich unsere sicherheitsüberprüften Kollegen beispielsweise, die turnusmäßig in Regierungsgebäuden und Botschaften den Wasserzähler auswechseln müssen.  

Das Sicherheitsbewusstsein hat in unserem Betrieb einen hohen Stellenwert, natürlich auch bei unserem Vorstand. Und „Security by Design“ wird bei uns gelebt. Bei Projekten, Vorstandsbeschlüssen, Verfahrensanweisungen u. a. mit sicherheitsrelevantem Bezug müssen wir als Sicherheitsabteilung zustimmen. Das ist oft viel Arbeit, aber anders ist „Security by Design“ nicht umzusetzen.

Was sind besondere Herausforderungen für Sie?

Als größter Wasserver- und Abwasserentsorger  in Deutschland  entwickeln wir Strategien für die kommenden 20, 30 Jahre. Wir bauen heute z. B. Techniken ein, die noch in Betrieb sein werden, wenn Gefahren entstanden sind, von denen wir heute noch gar keine Vorstellung haben. Und die Rolle der Sicherheit dabei? Wir müssen diese Entwicklung strategisch begleiten und sicher unterstützen.

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