DIE PHOTOSHOP-KARRIERE

13.07.2016

Qualifizierte Fachkräfte sind gefragt. Da machen Firmen schon mal verlockende Angebote – und locken die Falschen. Kleine oder größere Retuschen am Lebenslauf und den dazugehörigen schmückenden Dokumenten sind nicht nur auf der politischen Bühne scheinbar zum lästigen Alltag geworden.

Es scheint fast keine Position in Wirtschaft und Gesellschaft zu geben, auf die man sich nicht durch kleine Tricks und Schummeleien katapultieren kann. Was sind unsaubere Doktorarbeiten gegen einen unsauber arbeitenden Doktor? So war im Sommer 2012 ein 36-Jähriger von der Staatsanwaltschaft Potsdam wegen gewerbsmäßiger Urkundenfälschung und Missbrauch von Titeln angeklagt worden.

Eine typische Photoshop-Karriere, wie derartige „Korrekturen“ auf der eigentlich blassen Vita von Spöttern auch genannt wird. Höchst peinlich war die Affäre beim großen Internet-Dienstleister Yahoo: Wie vor einigen Monaten aufflog, hatte Scott Thompson, kurzzeitiger CEO des Unternehmens, kräftig bei seiner Bewerbung geschummelt: Er hat, anders als angegeben, keinen Abschluss in Informatik. Was soviel ist wie ein Priester ohne Theologiestudium.

Mit großen Hoffnungen hat die ehemalige Web-Großmacht Yahoo Anfang vergangenen Jahres den neuen Chef der Öffentlichkeit vorgestellt. Thompson, zuvor Manager beim Bezahldienstleister PayPal, einer eBay-Tochter, sollte das Ruder des angeschlagenen Portals herumreißen. Daraus wurde dann aber nichts: Wie sich nach wenigen Wochen herausstellte, besitzt Thompson keinen Abschluss in Informatik. Mit dieser Qualifizierung hatte er allerdings in seinem Lebenslauf geprahlt.

Ein „Hauptmann von Köpenick“

Entdeckt wurde der Schwindel vom bekannten Investor Daniel S. Loeb. Der Aktivist und Aktienbesitzer (ein so genannter Activist Shareholder) fand heraus, dass Thomson zwar tatsächlich von 1975 bis 1979 am Stonehill College in Easton im US-Bundesstaat Massachusetts nahe Boston studiert hat, allerdings nicht das, was er im Lebenslauf angegeben hat. Thompson hat einen „Bachelor of Science“-Abschluss in Business Administration, aber eben nicht Informatik. Das hat auch das Stonehill College dann auch bestätigt.

Die Möchtegern-Karrieristen lassen sich also schon etwas einfallen, um nach oben – und damit ans gewünschte Geld – zu kommen. Oft mit fatalen Folgen für die Hinters-Licht-Geführten. In der südostbayerischen Kleinstadt Trostberg schaffte es vor einiger Zeit ein Hochstapler, gleich zwei Unternehmen zu schädigen. Das Lokalblatt vergleicht den aus Österreich stammenden Prahlhans Michael S. mit dem Hauptmann von Köpenick und bemerkt: „S. hatte keine Verkleidung nötig, ihm reichte ein falsches Diplom und eine geniale Gabe der Selbstdarstellung, um die verschiedenen Arbeitgeber zu täuschen – aber immer nur so lange, bis der Betrug doch auffiel. Für S. bedeutet das berufliche Ende den Zusammenbruch seines Lebens-Kartenhauses, das er auf einer Lüge aufgebaut hatte. Für seine Familie das Aus, für die Stadtwerke einen Image-, möglicherweise auch einen materiellen Schaden.“

Bevor S. jedoch bei den Trostberger Stadtwerken den Posten des Geschäftsführers ergattert hatte, hatte er das Verlagshaus der Lokalzeitung an den Baum gefahren. Technische Innovationen bar jeden Sachverstands rissen die Druckerei in den Ruin. Im Zuge der Ermittlungen der Kriminalpolizei in Zusammenhang mit der Insolvenz des Druck- und Verlagshauses legten dessen Gesellschafter auch das Diplom von Michael S. vor, mit dem er sich seinerzeit in diesem Haus beworben hatte. Das Diplom wies S. als Wirtschaftsjuristen FH aus, einen Titel, den ihm angeblich die Fachhochschule in Mainz verliehen hatte. Dumm nur, dass eine mit dem Fall betraute Kripo-Beamtin aus eigenem Wissen heraus erkannte, dass mit diesem Diplom etwas nicht stimmen konnte.

Wieder war es der Zufall, der einem Hochstapler das Handwerk legte und nicht die Sicherungsmechanismen, die eigentlich dem betrügerischen Auftreten von vornherein einen Riegel vorschieben müssten. Geradezu sträfliche Arglosigkeit kostet Dutzenden Beschäftigten den Arbeitsplatz und ließ ein Unternehmen mit über 150-jähriger Tradition aus dem Stadtbild verschwinden.

Besser Experten zu Rate ziehen

Mit einem vergleichbar geringen Kostenaufwand ist es für Unternehmen verbunden, wenn sie bei der Einstellung von Führungskräften fachmännische Hilfe zu Rate ziehen. „Eine bessere Note hier, eine erfundene Arbeitsstelle dort: Immer mehr Unternehmen beauftragen Detekteien, um Betrügern auf die Schliche zu kommen“, schreibt das Wochenblatt „Die Zeit“. Geschulten Augen entgeht es nicht so leicht, wenn ein Bewerber seine mageren Zensuren und Bewertungen für eine schöne Karriere etwas frisiert hat. Oder gar völlig in eine fremde Haut schlüpft.

Es sei das Wort „Diplomökonom“ gewesen, das den Bewerber verraten habe, schreibt das Internetportal wissen.de über einen exemplarischen Fall: „Es war nicht ganz so zentriert auf das Papier gedruckt wie all die anderen Worte auf der Urkunde. Der Bewerber hatte das Zeugnis seiner Freundin kopiert, einer ‚Diplomökonomin‘, die letzten beiden Buchstaben des Wortes wegretuschiert und ihren Namen durch seinen eigenen ersetzt. Nun war das Wort ein paar Millimeter zu weit links auf dem Dokument.“

Der Mann, dem dies aufstieß, ist der Düsseldorfer Detektiv Manfred Lotze. Er hält, laut „Spiegel“, das Risiko, ertappt zu werden, für gering: „Die Personaler haben statistisch nur zwischen fünf und zehn Minuten Zeit für eine Bewerbungsmappe. Da ist wohl nur Daumenkino möglich.“ Selbst wenn der Schwindel entdeckt würde, kämen Lügner oft mit einem blauen Auge davon. „Eine schnelle Trennung ist dann das Ziel, gegebenenfalls mit Abfindung“, so Lotze.

Die fristlose Kündigung, so das Nachrichtenmagazin, die auch Jahre nach dem Betrug droht, sei ein wirksames Druckmittel. Dagegen entpuppt sich die Möglichkeit, Anzeige zu erstatten und Schadensersatz zu fordern, als Papiertiger: „Die Verurteilung unehrlicher Bewerber ist die Ausnahme“, weiß Lotze. Sogar strafrechtlich relevante Verfehlungen wie Urkundenfälschung oder unerlaubtes Führen eines akademischen Titels bleiben unter der Decke, beispielsweise weil das Unternehmen einen Imageverlust bei den Kunden fürchtet.

Aus der Traum – mit 51

Dass ihre Schummelei juristisch folgenlos bleiben würde, davon können die Fälscher aber nicht ausgehen. Ein mehrfach vorbestrafter Dortmunder, der sich für seine Bewerbung in einem Autohaus ein falsches Zeugnis am Computer gebastelt hatte, bekam vom Amtsrichter wegen Urkundenfälschung 2.700 Euro aufs Auge gedrückt.

Auch sehr spät enttarnte Fälschungen können fatale Folgen haben. 33 Jahre lang versah ein Polizist in Rosenheim seinen Dienst ohne Fehl und Tadel, diente sich sogar zum Polizeihauptmeister hoch. Bis zum Januar 2011. In zwei Briefen an den Rosenheimer Polizeipräsidenten und eine Lokalzeitung erklärte ein anonymer Tippgeber, dass der Polizeipräsident doch einmal die Zeugnisse des Polizisten überprüfen solle. Dieser habe in einer Zecherrunde gestanden, dass er sein Zeugnis gefälscht habe. Als 17-Jähriger, so stellte sich heraus, hatte der Mann, der in der Schule eine reichliche Flasche gewesen war, sein Zeugnis so frisiert, dass er seinem Traumberuf als Polizisten nichts mehr im Wege stand. Als 51-Jähriger wurde er deshalb aus dem Polizeidienst gefeuert.

Wer heute bei Google die Suchworte „gefälschtes“ und „Zeugnis“ eingibt, erhält etwa 129.000 Ergebnisse: Ganz sicher ein Indikator, welche Brisanz hinter diesem Thema steckt.

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