BÜRGERENGAGEMENT GEGEN EINBRUCH

13.07.2016 Allgemeines

Die Erkenntnisse aus dem Düsseldorfer „Feltes-Projekt“ sind nicht überholt und können einen wichtigen Beitrag zur kommunalen Sicherheit leisten.

Mehr Sicherheitstechnik heißt nicht automatisch weniger Einbrüche! So lautet, stark verkürzt, das Ergebnis einer Studie zur „Wirksamkeit technischer Einbruchsprävention bei Wohn- und Geschäftsobjekten – Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung von aktuellem Täterwissen“, die Prof. Dr. Thomas Feltes vom Lehrstuhl für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt hat. „Vielmehr müssen umfassende Präventionskonzepte gefunden werden, die man als kommunale Strategien zur Förderung der nachbarschaftlichen Beziehungen umschreiben könnte“, so der Kriminologe. Die Studie liegt zwar schon ein paar Jahre zurück, doch an ihrer Aussagekraft für die Gegenwart hat sich nichts geändert.

Die Forderungen der „Feltes-Studie“ wurden mit dem Düsseldorfer Modellprojekt, das von März 2005 bis Dezember 2006 in den Stadtteilen Unterrath (Stadtbezirk 6) und Hellerhof (Stadtbezirk 10) durchgeführt wurde, aufgegriffen. Modellhaft sollte im Zuge des nun auch so genannten „Feltes-Projekts“ neben der gezielten Information über technische Sicherungsmaßnahmen insbesondere der Nachbarschaftskontakt gefördert werden mit dem Ziel, zu einer gesteigerten Wahrnehmung von Bürgerverantwortung und Nachbarschaftshilfe beizutragen. Letztlich galt es, im Sinne der Studie zu verdeutlichen, dass der wirkungsvolle, nachhaltige Schutz vor Kriminalität – hier: der Einbruchskriminalität und insoweit durchaus exemplarisch – ganz entscheidend von der Mitwirkungsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger abhängt. Davon profitieren im Übrigen nicht nur diese selbst, sondern auch die hier angesiedelten Unternehmen!

Am Feltes-Projekt beteiligten sich neben dem Kriminalpräventiven Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf die Projektpartner Polizei, Kriminalpräventive Räte in den einbezogenen Stadtbezirken, die Provinzial-Versicherung, die Stiftung Deutsches Forum Kriminalprävention und das Amt für Statistik und Wahlen der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Projektschritte

Im ersten Projektschritt führte das Amt für Statistik und Wahlen im Frühjahr 2005 eine Bürgerbefragung zum technischen Einbruchschutz und zur Nachbarschaftshilfe in vier Düsseldorfer Wohnquartieren durch – davon je zwei in den zuvor genannten Stadtbezirken. Die Befragung erhob Daten zur nachbarschaftlichen Situation, zum vorhandenen technischen Schutz, zum Sicherheitsgefühl im Wohnquartier, zur Kenntnis und Inanspruchnahme polizeilicher Beratungsangebote und zum Bekanntheitsgrad präventiv wirkender Gremien sowie zum Versicherungsschutz. Das Befragungsergebnis bildete auf Grundlage der Empfehlungen von Feltes die Basis für den zweiten Projektschritt.

Darin erfolgte die Planung und Durchführung bedarfsorientierter Aktionen zur Aktivierung und Vertiefung von Nachbarschaftskontakten durch die kriminalpräventiven Räte in den Stadtbezirken in den genannten zwei Wohnquartieren (die beiden anderen dienten als „Vergleichsquartiere“) im November 2005 und März 2006. Eine Wiederholungsveranstaltung für eine höhere Nachhaltigkeit bei den Quartierbewohnern bildete den wesentlichen Bestandteil des zweiten Projektschritts. Ziel war es, die sozialen Kontakte messbar zu verbessern sowie Bürgerverantwortung und Bereitschaft zur Kontinuität zu erhöhen. Außerdem sollte durch Informationsbroschüren sowie -veranstaltungen im Stadtbezirk durch Polizei und Provinzial-Versicherung das Beratungsangebot zum technischen Einbruchschutz verstärkt bekannt gemacht werden. Insoweit war es das Ziel, die Ausstattung der Haushalte mit technischem Einbruchschutz zu verbessern.

Eine Abschlussbefragung im Frühjahr 2007durch das Amt für Statistik und Wahlen bildete den dritten Projektschritt. Hier wurde gemessen, inwieweit die Maßnahmen des zweiten Projektschrittes zu einer Veränderung im Vergleich mit der Ausgangsbefragung beigetragen haben.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 2005 und 2007 jeweils rund 1.800 Haushalte in Unterrath und 1.350 Haushalte in Hellerhof angeschrieben. Auf Grund des eher explorativen Charakters der Studie wurde die Anzahl der Interviews von vornherein auf jeweils rund 100 pro Befragungsgebiet begrenzt. Die Gesamtstichprobe beläuft sich auf jeweils rund 400 Interviews.

Ähnlich wie bei der Untersuchung 2005 informierten sich 2007 immer noch die meisten Befragten bei „Freunden/Nachbarn/Verwandten“ über die Möglichkeiten des technischen Einbruchsschutzes, wobei diese Quelle mit einem Anteil von knapp 30 % dennoch um insgesamt acht Prozentpunkte gesunken war. Die Information über „Versicherungen“ hingegen hatte sich nahezu verdoppelt (von 6 auf 13 %).

Im Fragenkomplex 3, in dem die vorhandenen Einbruchssicherungen hinterfragt wurden, konnten einige Veränderungen festgestellt werden. Insbesondere war erkennbar, dass auffallend mehr Aussagen bei „Sonstiges“ getroffen wurden als von den Teilnehmern der ersten Befragung. Dies ermöglichte eine individuellere Auseinandersetzung mit den einzelnen getroffenen Aussagen. Bei der Frage nach der Planung technischer Sicherungen in den nächsten zwölf Monaten konnten keine Veränderungen gegenüber 2005 festgestellt werden. Keine Sicherungen hatten die Haushalte vor allem, weil sie sie für „zu teuer“ hielten oder meinten, schon ausreichend gesichert zu sein.

Die Befragten schätzten das Risiko, dass es in ihrer Wohngegend zu Einbrüchen kommt, insgesamt niedriger ein als in der vorhergegangenen Untersuchung. Der Anteil derer, die dieses Risiko als relativ hoch einschätzten (Zusammenfassung der Werte 1 bis 3) sank von 69 auf 62 %. Die Befragten glaubten nun ebenfalls weniger stark daran, dass in ihrem eigenen Haushalt eingebrochen wird. Die Einschätzung des Risikos als „hoch“ (auch hier Zusammenfassung der Werte 1 bis 3) sank von 49 auf 46 %. Insgesamt konnte hier allerdings auch nur eine leichte Veränderung aufgezeigt werden. Die Einschätzung im Hinblick auf die Zunahme von Einbrüchen in den vergangenen zwei bis drei Jahren hatte sich in den zwei Jahren seit der letzten Befragung ebenfalls kaum verändert. So glaubten 46 % an eine Zunahme der Einbrüche, knapp 49 % gaben dies 2005 an.

Der Anteil an Personen, der angab, die Polizei über ungewöhnliche Beobachtungen zu informieren, stieg dagegen stark an. Während dies 2005 nur knapp 68 % bejahten, waren es in der Befragung 2007 bereits 91 %. Die Befragten hatten weiterhin zu einem recht großen Anteil an bestimmten Orten in ihrer Umgebung Angst. Der Anteil stieg von knapp 40 % 2005 auf gut 48 % 2007 an. Festgehalten werden konnte, dass die Brennpunkte von 2005 auch in der Abschlussbefragung gehäuft genannt wurden. Somit hatte sich die Wahrnehmung so genannter Angsträume nicht verändert.

Der Bekanntheitsgrad kriminalpräventiver Gremien stieg im Vergleich zur vorherigen Befragung stark an. So konnte der Anteil derer, die angaben „Es sind mir keine kriminalpräventiven Gremien bekannt“ von 60 auf 36 % reduziert werden. Die (Kriminal-)Polizei, die (kriminal-)polizeiliche Beratungsstelle sowie der Kriminalpräventive Rat wurden sehr häufig genannt.

Wirkung der Maßnahmen

Die Wirksamkeit der im zweiten Projektschritt durchgeführten Veranstaltungen zur Aktivierung und Vertiefung nachbarschaftlicher Kontakte wurde in der Folgebefragung hinterfragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Resonanz auf die Einladung zur Teilnahme an den Veranstaltungen bedauerlicherweise zum Teil sehr gering war. Im untersuchten Stadtteil in Hellerhof haben nur etwa 30 % der Befragten auch an den Veranstaltungen teilgenommen, im Unterrather Gebiet war es sogar nur 1 %. Insgesamt hat etwa ein Viertel der Befragten (26 %) an beiden Veranstaltungen teilgenommen. 39 % nutzten nur den Info-Abend und 32 % ausschließlich das Nachbarschaftsfest. Etwa die Hälfte der befragten Veranstaltungsteilnehmer ließ sich bei den Veranstaltungen auch beraten (52 %). Jene Befragte, die sich beraten ließen, taten dies überwiegend bei der Polizei (42 %). Weiterhin gaben 32 % an, sich beim Kriminalpräventiven Rat informiert zu haben. Eine Beratung bei der Provinzial-Versicherung nahmen etwa 26 % in Anspruch.

Offensichtlich haben sich für die meisten Befragten die nachbarschaftlichen Kontakte auf Grund der besuchten Veranstaltungen nicht verändert. So gaben insgesamt nur 5 % an, die „Kontakte haben sich verbessert“ und nur eine einzige Person war der Meinung, die „Kontakte haben sich verschlechtert“. Neben jenen, die an dieser Stelle keine Angaben machten, glaubte etwa die Hälfte, dass die Kontakte gleich geblieben seien. Dieser Anteil war im Stadtteil Hellerhof Nord mit gut 73 % sogar noch um einiges höher als im Unterrather Untersuchungsgebiet (hier nur 34 %).

Als Fazit aus der Auswertung des Amtes für Statistik und Wahlen konnte festgehalten werden, dass die Bürgerinnen und Bürger nach Projektabschluss besser informiert zu sein schienen als zu Beginn – insbesondere der Bekanntheitsgrad kriminalpräventiver Gremien hatte sich deutlich erhöht. Auch wurden ungewöhnliche Beobachtungen kritischer betrachtet. Die Einschätzung des persönlichen Risikos sowie das der Nachbarn ist in diesem Zusammenhang leicht zurückgegangen. Die von den Befragten als kritische Plätze angegebenen Orte hatten sich hingegen nicht verändert.

Fazit

Darüber hinaus ist als Ergebnis des Modellprojektes festzuhalten, dass sich die Bürgerinnen und Bürger ein verstärktes Engagement der Kriminalpräventiven Räte in den Stadtbezirken bei Bürger- und Straßenfesten oder ähnlichen Veranstaltungen wünschen, um Präventionsfachleuten in einem nicht formellen Rahmen zu begegnen und Ratschläge zur „richtig verstandenen sozialen Kontrolle“ einzuholen. Dabei war während des Modellprojekts erfreulicherweise feststellbar, dass die Bereitschaft zu mehr Bürgerverantwortung und Nachbarschaftshilfe bereits sehr ausgeprägt vorhanden ist, die Furcht vor „Topfguckerei“ jedoch ebenfalls eine – durchaus das Engagement bremsende – Rolle spielt.

Bei der Durchbrechung dieses Hemmnisses können niedrigschwellige Ansätze, zum Beispiel die gemeinsame Bepflanzung und Pflege einer Baumscheibe oder das Engagement bei stadtweiten Aktionen (in Düsseldorf beispielsweise der „Dreck-weg-Tag“), als „Türöffner“ fungieren und Vertrauen zwischen den Nachbarn – etwa eines Mietshauses – bilden. Langfristig führt die Stärkung des „Wir-Gefühls“ in einer sich immer weiter individualisierenden Gesellschaft zur Bereitschaft, wieder füreinander Verantwortung zu übernehmen. Den Kriminalpräventiven Räten in den Stadtbezirken oder ähnlichen dezentral arbeitenden Gremien fällt hier im besonderen Maße eine Vermittlerfunktion zu. Akzeptiert werden muss jedoch auch, dass die Bereitschaft, diesbezügliche Anregungen „von außen“ anzunehmen, ihre Grenzen hat.

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