GEKLAUT WIRD, WAS SICH ZU GELD MACHEN LÄSST

13.07.2016 Einbruchmeldetechnik

Drei Mitarbeiter eines Dortmunder Logistikzentrums haben über Monate hinweg Waren gestohlen, die sie eigentlich hätten ausliefern sollen – allem voran Alkohol. Die Polizei nahm die Männer im Alter von 38 bis 40 Jahren fest.

Ein Detektiv hatte den Diebstahl aufgedeckt. Dies wurde Ende Januar bekannt. Nach Ansicht von Experten besteht für Unternehmen die Gefahr, durch Mitarbeiterdiebstahl geschädigt zu werden, 50:50. Die Möglichkeit, die Gefahr zu minimieren, besteht für die Unternehmen zum einen in konsequenten Sicherungs- und Kontrollmaßnahmen oder, wie im Fall des Dortmunder Logistikers, in der raschen und konsequenten Aufklärung und Verfolgung solcher Taten. Das ist bei dringendem Anfangsverdacht möglich und geboten. Auch Großunternehmen wie BASF oder BMW sind allein in Einzelfällen um Millionen geschädigt worden.

Wegen auffällig vieler Diebstähle im eigenen Haus hatte die Geschäftsleitung des Logistikzentrums einen privaten Ermittler mit der Ursachenforschung beauftragt. Mit Erfolg: Am frühen Morgen des 18. Januar beobachtete er, wie drei Mitarbeiter mit ihren Auslieferungs-Lkws das Firmengelände verließen und zu ihren Privatwagen fuhren. Dort luden sie einige Kartons um – mit Ware, die eigentlich zur Auslieferung bestimmt war. Die sofort hinzugezogene Polizei nahm die Männer, die aus Dortmund und Lünen stammen, unmittelbar nach ihrer verdächtigen Aktion fest. In den Kofferräumen der Autos fanden die Beamten dann auch das Diebesgut – vornehmlich Spirituosen.

Kriminelles Zusammenwirken

Noch am selben Tag führte eine Anordnung des Amtsgerichts zu Durchsuchungen der Wohnungen der drei Tatverdächtigen. In den jeweiligen Kellerräumen entdeckte die Polizei große Warenlager. Pro Wohnung wurde jeweils Diebesgut sichergestellt, das drei Kleintransporter füllte. Neben alkoholischen Getränken waren dies auch Lebensmittel und Reinigungsmaterial. Die Werte der sichergestellten Waren liegen laut Polizeiangaben pro Tatverdächtigen im hohen fünfstelligen Euro-Bereich.

Einer der Fahrer legte bei der Vernehmung ein umfassendes Geständnis ab und räumte ein, dass man schon über Monate ausgiebig gestohlen hätte. Überwiegend wurde das Diebesgut verkauft, um die eigene Kasse aufzubessern. Die Dortmunder Polizei bezeichnete in ihrer Pressemeldung zu dem Fall die Tatverdächtigen als „Diebesbande“, was faktisch ein kriminelles Zusammenwirken bezeichnet.

Dass sich Mitarbeiter zu einer Tätergruppe zusammenfinden, ist ein Trend, der sich in verschiedenen Fällen der jüngeren Vergangenheit feststellen lässt. Kurz vor Weihnachten vergangenes Jahr meldete „Radio Hamburg“, dass Beschäftigte eines Krematoriums der Hansestadt jahrelang Zahngold von Toten geklaut und verkauft haben sollen. Acht Mitarbeiter des Krematoriums sollen über Jahre hinweg Dutzende Kilo Zahngold von Toten gestohlen und sich damit einen lukrativen Nebenverdienst gesichert haben. Die Staatsanwaltschaft hat die Männer jetzt unter anderem wegen versuchten gewerbsmäßigen Diebstahls und Störung der Totenruhe angeklagt, wie Sprecher Wilhelm Möllers der Nachrichtenagentur dpa sagte.

Helfende Ehefrauen

Die Ehefrau eines Beschuldigten soll sich nach dem Willen der Behörde wegen Beihilfe verantworten. Außerdem hat die Staatsanwaltschaft gegen den Geschäftsführer einer Firma für Münzen und Edelmetalle Anklage wegen gewerbsmäßiger Hehlerei erhoben. Ein Termin für den Prozess vor dem Landgericht steht bisher nicht fest. „Die acht Einäscherer sollen wertvolle Rückstände wie Zahngold aus den Ascheresten an sich genommen haben“, erklärte Möllers. Mit dem Goldverkauf hätten sie sich rund fünf Jahre lang „eine permanente zusätzliche Einnahmequelle“ verschafft – und ihren Lebensunterhalt damit aufgebessert.

Die Ehefrau eines Beschuldigten, dem die Anklage 68 Taten vorwirft, soll mit dem Verkauf von 25,5 Kilo Gold fast 218.000 Euro kassiert haben. Die – inzwischen verstorbene – Lebensgefährtin eines weiteren Mitarbeiters verkaufte laut Möllers 15 Kilo Zahngold für mehr als 178.000 Euro.

Als die Männer anfingen, in dem Krematorium zu arbeiten, hätten sie eine Ehrenerklärung abgegeben, berichtete der Oberstaatsanwalt. „Darin haben sie versichert, niemals wertvolle Materialien – wie zum Beispiel Gold – aus den Einäscherungsrückständen zu entnehmen.“ Im Krematorium wird das oberflächlich sichtbare Zahngold eingeäscherter Toter üblicherweise gesammelt, eingeschmolzen und verkauft; der Erlös geht dann als Spende an die Deutsche Kinderkrebshilfe.

Kameras als Ermittlungshilfe

Juristisch gesehen galt Zahngold nach dem Tod seines Trägers bis vor kurzem noch als „herrenlose Sache“, die auch den Erben nicht automatisch zusteht. In seinem Urteil wertete das Oberlandesgericht Bamberg (Urteil vom 29.1.2008 – 2 Ss OWi 125/07) Zahngold als Teil der Asche. Diese steht unter dem Schutz der Totenruhe; sie zu stören, ist strafbar. Insofern hatten die Krematoriumsmitarbeiter gegen die Betriebsverpflichtung verstoßen und sich der Störung der Totenruhe strafbar gemacht.

Um den Verdächtigen auf die Spur zu kommen, hatten die Ermittler mehrere Videokameras in den Räumen des Krematoriums installiert. Die Geschäftsleitung hatte sich zuvor an Polizei und Staatsanwaltschaft gewandt, als sich ein Anfangsverdacht geradezu aufdrängte. „Dem Krematorium in Hamburg-Öjendorf war aufgefallen, dass es im Vergleich zu anderen Krematorien nur einen Bruchteil der Goldmengen hatte“, sagte Möllers. Solche schwunghaften Geschäfte mit Diebesgut sind meist nur zu bewältigen, wenn auch außerhalb des Betriebes Helfer und Abnehmer bereit stehen. Im vorliegenden Fall soll der mutmaßliche Hehler von einem der Krematoren rund 3,4 Kilo Zahngold für knapp 30 000 Euro gekauft haben. „Zur Verschleierung dieses Geschäfts“ habe er „eine fingierte Rechnung über den angeblichen Ankauf von Münzen ausgestellt", sagte Möllers. Sechs Beschuldigte hätten in den polizeilichen Vernehmungen Teilgeständnisse oder umfassende Geständnisse abgelegt.

Holzpaletten als Diebesgut

Vergolden konnte ein Mitarbeiter der BASF hingegen recht sperriges Gut. Ihm wurde vorgeworfen, jahrelang Holzpaletten aus dem Konzern entwendet und damit einen Schaden in Millionenhöhe angerichtet zu haben. Von 2008 bis 2010 seien rund 300.000 neue Holzpaletten unrechtmäßig aus dem Werk in Ludwigshafen abtransportiert und an Dritte geliefert worden, wie der Chemiekonzern mitteilte. Ein logistisch nicht ganz einfach zu bewerkstelligender Diebstahl; immerhin ergäben die Paletten übereinandergestapelt einen Turm von etwa 30 Kilometer Höhe. Die Transporte seien mit Hilfe eines BASF-Mitarbeiters erfolgt. Der Schaden liege bei mehr als zwei Millionen Euro. Man werde Schadenersatzansprüche geltend machen.

Dem verdächtigten Mitarbeiter wurde fristlos gekündigt. Extern hatte der diebische Palettenfahrer Komplizen. Deshalb durchsuchte die Polizei auch die Arbeitsplätze von zwei Mitarbeitern eines BASF-Vertragspartners auf dem Werksgelände. Gegen drei Mitarbeiter einer Fremdfirma und 16 weitere „externe Personen“ seien Werkverbote verhängt worden, teilte BASF weiter mit.

Fahrzeugteile auf Bestellung

In München hatten ein Fertigungsmeister des Automobilkonzerns BMW und zwei Kollegen Fahrzeugteile auf Bestellung gestohlen. Dies räumten die Männer im Alter zwischen 52 und 56 Jahren vor einem Münchener Landgericht Ende vergangenen Jahres ein. Sie verkauften die Artikel international weiter, der Schaden lag nach ersten Erkenntnissen bei zwei bis drei Millionen Euro.

Den Fall nahm Volker Schlehe von der Rechtsabteilung der IHK für München und Oberbayern zum Anlass, Einiges zu Mitarbeiterdiebstählen zu erläutern. Schlehe, der Firmen zum Umgang mit Wirtschaftskriminalität berät, betont: „Diebstahl und Unterschlagung sind mit Abstand die häufigsten Straftaten im Wirtschaftsleben. Und man muss es so deutlich sagen: Gelegenheit macht Diebe. Die Unternehmen können also Einiges tun, um es nicht so weit kommen zu lassen.“

Mehr Sonderuntersuchungen

Der Fachmann mahnte einen umfassenderen Überblick in den Unternehmen an: „In den vergangenen Jahren wurde hier ein starker Fokus auf Einkauf und Vertrieb gelegt, aber auch in Lagern und Produktionsabteilungen ist die Diebstahlgefahr groß. Man wird sicherlich die interne Revision ausbauen müssen. Wichtig ist auch, immer wieder Sonderuntersuchungen zu machen – und zwar zu nicht angekündigten Zeitpunkten.“ Schlehe sieht grundsätzliche Ansatzpunkte beim Mitarbeiterdiebstahl: „Es ist immer wichtig, die Ursache für Diebstahl im Blick zu halten. Meist sind Diebstähle auf fehlende Loyalität dem Unternehmen gegenüber zurückzuführen. Das gilt wiederum oft da, wo wenig bezahlt wird. In der Gastronomie etwa sind die Löhne niedrig, deswegen kommt es in dieser Branche schon öfter vor, dass ein Mitarbeiter mal wertvolles Besteck oder Geschirr mitnimmt.“

Besonders anfällig für Diebstahl seitens der Mitarbeitern sei der Handel, so Schlehe, „und da reicht es ja oft schon, einen kleinen Artikel in eine Manteltasche zu stecken. Allerdings haben viele Handelsketten da längst reagiert: Es gibt Häuser, da müssen die Mitarbeiter beim Gehen ihre Taschen öffnen, oder sie müssen bestimmte Arbeitskleidung ohne Taschen tragen.“

Experten warnen jedoch die Unternehmen davor, bei Diebstahlsverdacht allzu eigenmächtig vorzugehen. Flächendeckende Videoüberwachung oder eine Spindkontrolle nach eigenem Gutdünken können sich juristisch schnell als Rohrkrepierer erweisen und die eigenen Positionen bei einem möglichen Gerichtsverfahren erheblich schwächen. Professionelle Hilfe ist das beste Mittel, um gerichtsverwertbare Beweise zu sammeln.

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