„Sprachalarmierung kann Leben retten“

14.09.2017 Kommunikationstechnik

Joachim Bruyers ist Vorsitzender des Fachausschuss Sprachalarmierungssysteme (FA-SAS) im BHE und Mitarbeiter in diversen Gremien des DKE und DIN. Als Referent für Sprachalarmierung und Elektroakustik bereitet er unter anderem Planer und Errichter auf die Prüfung zur Verantwortlichen Person DIN 14675/ SAA vor. Durch seine langjährige Erfahrung hat er sich als Spezialist einen Namen gemacht und gilt in der Branche als Koryphäe auf dem Gebiet der Sprachalarmierung. Mit der SicherheitsPraxis sprach Joachim Bruyers über den Nutzen von Sprachalarmierung, wie sich Errichter dafür zertifizieren lassen können und warum Sprachalarmierung im Ernstfall Leben retten kann.

Joachim Bruyers ist Vorsitzender des Fachausschuss Sprachalarmierungssysteme (FA-SAS) im BHE und Mitarbeiter in diversen Gremien des DKE und DIN. Als Referent für Sprachalarmierung und Elektroakustik bereitet er u.a. Planer und Errichter auf die Prüfung zur Verantwortlichen Person DIN 14675/SAA vor.

SicherheitsPraxis: Herr Bruyers, moderne Sprachalarmierungssysteme gehören zu den neuesten technischen Entwicklungen im Brandmeldebereich, wann kommt Sprachalarmierung zum Einsatz und wie hat sich der Markt in den letzten Jahren geändert?

Joachim Bruyers: Die klassischen Einsatzgebiete für Sprachalarmierung bleiben Gebäude mit starkem öffentlichen Charakter. Also Veranstaltungshallen beziehungsweise Stadien, Verkaufsstätten, Hotelbetriebe oder Schulen. Auch wenn die letztgenannte Schule nicht direkt den Eindruck eines öffentlichen Gebäudes macht, finden hier nicht selten in den Nachmittag- und Abendstunden Veranstaltungen im Sport- und Bildungsbereich mit ortsunkundigen Teilnehmern statt. Das Thema Alarmierung im Allgemeinen und Sprachalarmierung im Besonderen nimmt erfreulicherweise – nicht zuletzt durch die zunehmenden aktuellen Gefährdungslagen – einen breiteren Stellenwert in den entscheidenden Phasen ein. Das heißt allerdings noch nicht, dass es keinen Aufklärungsbedarf für Beteiligte, insbesondere in der Konzeptphase, geben muss. Außerdem gibt es Überarbeitungsbedarf einschlägiger Regelwerke, wie zum Beispiel der Schulbaurichtlinie.

Was ist das Besondere an Sprachalarmierung und warum kann sie Leben retten?

Sprachalarmierung konkretisiert die Evakuierungs-Situation für die Betroffenen enorm. Gegenüber reiner Signalalarmierung können hier wichtige Informationen und Handlungsanweisungen besser vermittelt und nachvollziehbar gemacht werden. Dies führt in der Regel zu einer Verkürzung der Reaktions- bzw. Evakuierungszeit und zu einem geordneten Verlauf ohne negative Momente, wie zum Beispiel Panik.

Gibt es dafür konkrete Beispiele, wenn ja, können Sie zwei bis drei Fälle schildern?

Ich möchte hier mal drei außergewöhnliche, vielleicht auch überraschende Beispiele für eine positive sowie zwei gänzlich missglückte Notsituationen benennen:

Die erste Situation war bei Rock am Ring 2017, am 2. Juni. Rund 87.000 Zuschauer folgen am Freitagabend gerade den Bands. Es ist 21 Uhr, als der Veranstalter Marek Lieberberg mitten im Konzert Terroralarm bekannt gibt. Er muss das Festival unterbrechen. Die Fans nehmen die Nachricht trotz verständlicher Enttäuschung gut auf und verlassen das Gelände vorbildlich und ohne Panik. Um 21.05 Uhr beginnt die Evakuierung des Festgeländes hin zu den Campingplätzen, um 21.30 Uhr ist die Räumung desGeländes komplett abgeschlossen. Hier hat „Sprachalarmierung“ und ja, das war auch eine Form von Sprachalarmierung, alles richtiggemacht und zu einem guten Ende ohne nennenswerte Probleme oder Schäden geführt.

Die zweite Notsituation, die ich hier nennen möchte, war die Loveparade 2010 in Duisburg am 24. Juli mit, bedauerlicherweise, 21 Toten und 541 Schwerverletzten durch eine Massenpanik. Neben den vielen Fehlern in der Vorbereitung zu dieser Veranstaltung sei auch auf das Fehlen von jeglicher Audiokommunikation zur Ansprache an die mehrere Hunderttausend Besucher auf ihrem Weg zum Veranstaltungsgelände hingewiesen. Laut Pressemeldungen hätten den Ordnungskräften noch nicht einmal Megaphone zur Verfügung gestanden.

Die dritte Notsituation war der Hochhausbrand im Grenfell Tower in London 2017, am 14. Juni mit vielen Toten und Verletzten. Für die meisten wohl noch aktuell gut in Erinnerung. Es gab hier gar keine Form der Brandalarmierung!

Sie schulen regelmäßig Facherrichter und Fachplaner im Bereich Sprachalarmierung: Welche Voraussetzungen braucht ein Facherrichter, um Sprachalarmierungssysteme einbauen zu können?

Zur Pflicht gehören: Der Nachweis eines zertifizierten Qualitätsmanagementsystems gemäß ISO 9001 im Unternehmen. Eine Verantwortliche Person gemäß DIN 14675/SAA für Sprachalarmanlagen. Sie muss Schulung und Prüfung mit Zertifikat nachweisen können. Liefer- und Schulungszusage eines oder mehrerer Systemlieferanten, Produktschulung eines oder mehrerer Systemlieferanten mit Zertifikat sowie die Zertifizierung der Firma gemäß DIN 14675/SAA. Hier muss unter anderem eine geeignete Werkstattausrüstung nachgewiesen werden. Alles in allem sollte dies für den typischen Facherrichter keine große Herausforderung sein. Das erlebe ich auch in der Praxis bei meinen Seminaren und Fortbildungen.

Zur Kür zählt: Eine Weiterbildung in den Bereichen Projektierung und Audio, zum Beispiel STI-PA Sprachverständlichkeitsmessung. Hier gibt es auf dem Seminarmarkt entsprechende Kursangebote für den perfekten Einstieg in die Audiowelt.

Was muss sich Ihrer Meinung nach im Bereich Sprachalarmierung ändern, damit die Technik ihre volle Wirkung entfalten kann?

Erfreulicherweise ist das Thema Sprachalarmierung und dessen technische Umsetzung bei vielen Planern und Errichtern schon ganz gut angekommen. Wir reden hier jetzt allerdings auch über einen Zeitraum von gut zehn Jahren, die seit der Einführung der DIN VDE 0833-4 schon ins Land gegangen sind. Dringenden Aufklärungsbedarf sehe ich allerdings nach wie vor am vorderen Ende der Kette, in der Phase Konzepterstellung. Hier werden die wichtigen Entscheidungen getroffen und die Weichen gestellt. Und hier entscheidet sich oft, ob ein Sprachalarmprojekt gut gelingt bzw. überhaupt stattfindet.

Auch technisch gesehen bleibt die Sprachalarmierung in den nächsten Jahren durch Weiterentwicklungen sicherlich weiter spannend. Ich denke dabei zum Beispiel an Aktivtechnik und die Netzwerktechnik.

Online-Forum

Im Online-Forum www.sprachalarmforum.de beantwortet Joachim Bruyers die wichtigsten Fragen zum Thema Sprachalarmierung, unter anderem durch Video-FAQs. Dort finden sich auch aktuelle Termine für Schulungen und Seminare zu dem Thema.

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