Videoüberwachung: Trends, Perspektiven, Chancen

26.07.2018 Allgemeines

Der Markt für Videoüberwachung wächst, die Technik entwickelt sich weiter und die neue Datenschutzgrundverordnung bietet Chancen für Facherrichter, verlorene Marktsegmente zurückzuholen.

Bildnachweis: fotolia / Urheber: phonlamaiphoto

Die Videotechnik war die erste Sparte, in der die Digitalisierung bereits vor über einem Jahrzehnt Einzug gehalten hat in der Sicherheitstechnik. Doch obwohl im Bereich der Videoüberwachung die Digitalisierung wohl am weitesten fortgeschritten ist, lässt sich am Markt beobachten, dass viele Unternehmen aus Kostengründen ihre analoge Technik weiter betreiben und nicht auf digitale Systeme umstellen. Die Hersteller haben darauf reagiert und bieten spezielle Video-Encoder, die das analoge Material digitalisieren. So lassen sich die Vorteile der digitalen Technik voll ausschöpfen, wie das Erkennen und Analysieren von sicherheitsrelevanten Ereignissen, die Verknüpfung mit Alarmanlagen oder die Integration in Zutrittskontrollsysteme.

In den vergangenen Jahren hat sich bei der automatischen Detektion viel getan. Wofür früher gesonderte externe Rechenleistung gebraucht wurden, genügt heute beispielsweise eine Überwachungskamera. Auch, wenn die Algorithmen immer komplexer werden, steckt die Analyse-Technik heute in vielen Fällen im Kameragehäuse. So lassen sich etwa herrenlose Gepäckstücke auf Bahnsteigen problemlos erkennen. Man kann die Technik aber auch für Marketing-Analysen einsetzen, um Kundenströme zu messen und um die Zielgruppe nach Alter und Geschlecht zu analysieren.

Projekt am Bahnhof Südkreuz zeigt, was technisch möglich ist

Die Bundespolizei testet am Bahnhof Berlin Südkreuz seit dem 1. August 2017 den Einsatz drei unterschiedliche automatisierte Gesichtserkennungssysteme. „Das Projekt findet unter Verwendung der vorhandenen Videoinfrastruktur bei realen Bedingungen an einem Bahnhof mit zahlreichen Reisenden statt“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung aus dem Innenministerium. „Diese neue Technik kann in der Zukunft von enormem polizeilichen Nutzen sein und damit einen erheblichen Sicherheitsgewinn für die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes darstellen“, so die Einschätzung von Innenminister Thomas De Maiziere. Die Erkennungsrate liege nach einer ersten, noch nicht vollumfänglichen Auswertung, im Bereich von mehr als 70 Prozent positiver Erkennungsrate. „Dies bedeutet, dass in über 70 Prozent der Fälle, in denen beispielweise ein Straftäter den Erkennungsbereich der Kameras durchschreiten würde, dieser Straftäter durch das System als solcher erkannt werden würde und dann der Polizist vor Ort sofort entsprechende Maßnahmen einleiten könnte.“ Die Fehlerrate sei dabei sehr gering gewesen: „Bisher wurde nur in durchschnittlich weniger als 1 Prozent der Fälle eine Person irrtümlich einem Datensatz in der Datenbank zugeordnet.“ Das Projekt soll um weitere sechs Monate verlängert werden und die Testbedingungen erhöht werden.

Im Expertengespräch teilt Karsten Kirchhof die durchweg positive Bewertung nicht uneingeschränkt: „Die Ergebnisse kann man sehr ambivalent sehen. Man kann es als Erfolg betrachten. Aber wenn man mit einfachen statistischen Regeln da ran geht, dann kann man das auch anders bewerten. Dass das System getestet wurde, finde ich schon einmal gut. Auch die Veröffentlichung dieser Ergebnisse ist besonders wichtig. Von daher ist das Projekt ein Erfolg, weil es ein Maß gibt, was derzeit technisch möglich ist.“ Doch das bedeutet eben auch, dass das Thema Gesichtserkennung noch kein Selbstläufer ist.

Auch Thorsten Kamp, Diplom-Informatiker bei datenschutz nord in Bremen, wertet die Ergebnisse kritisch. Er schreibt in seinen Blog datenschutz-notizen.de: „Weniger als 1% klingt erstmal gut, aber wenn man bedenkt, wie viele Reisende den Bahnhof nutzen, sieht es anders aus.“ 100.000 Menschen sind es pro Tag, laut Angaben der Bahn. „Nehmen wir nun eine Fehlerquote von nur ca. 0,5 Prozent an, so bedeutet dies, dass pro Tag 500 Personen fälschlicherweise als gesuchte Person erkannt wird.“ Wenn am Tag 100 gesuchte Personen im Bahnhofsbereich wären, würden von diesen nur 70 Personen erkannt werden. Am Ende des Tages gäbe es 570 Kontrollen, davon wären 500 fehlerhaft und nur 70 ein Treffer. „So gesehen liegt die Erfolgsquote (bei 70 von 570) nur noch bei ca. 12 Prozent“, schreibt Kamp.

Kontinuierliches Wachstum für Videoüberwachung weltweit

Der deutsche Markt für elektronische Sicherungstechnik wird seinen Umsatz auch im Jahr 2017 deutlich steigern. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Schätzung des BHE Bundesverband Sicherheitstechnik e.V.. Demnach wird der Umsatz der Branche um 5,1 % auf ein Gesamtvolumen von 4.145 Mio. Euro anwachsen – ein neuer Rekordwert. Eine besonders hohe Zunahme – rund 7 Prozent – wird für die Video-Überwachungstechnik prognostiziert.

„Professionelle Video-Technik wird vom Kunden immer öfter gewünscht, egal ob im Privathaus, im Gewerbe oder in öffentlichen Einrichtungen“, erklärt Dr. Urban Brauer, Geschäftsführer des BHE. Eine Rolle spiele hierbei auch der Regierungsbeschluss aus dem Jahr 2017, die Einführung von Videoüberwachung in öffentlichen Bereichen zu erleichtern.

Im Jahr 2016 lag das Wachstum im Bereich Videoüberwachung bei 8 Prozent. Bereits vor dem neuen Beschluss der Bundesregierung konnte der Bundesverband Sicherheitstechnik e.V. konstatieren: „Immer mehr Bürger lassen Video-Technik installieren. Auch in Betrieben, behördlichen Einrichtungen oder auf öffentlichen Plätzen wird verstärkt auf Kameras gesetzt.“ Dr. Urban Brauer, Geschäftsführer des BHE führte dies darauf zurück: „Das Image der Videoüberwachung hat sich in den letzten Jahren verändert.“ Durch die angespannte Sicherheitslage finde die Video-Überwachung gerade im öffentlichen Bereich eine höhere Akzeptanz und werde als wichtiges Instrument der polizeilichen Aufklärungs- und Präventionsarbeit verstanden.

Wirft man einen Blick über den Tellerrand und in die Märkte der Nachbarländer, so fällt auf, dass sowohl Österreich als auch die Schweiz ein Wachstum verzeichnen konnten genauso wie der europäische Markt. Auch weltweit prognostizieren Experten ein Wachstum in den kommenden Jahren. Der Anteil Europas am weltweiten Wachstum werde sich dennoch halbieren. China werde im Vergleich dazu seinen Marktanteil am Wachstum verdoppeln. Von 22 Prozent im Jahr 2009 werde dieser auf 44 Prozent im Jahr 2019 steigen. Experten rechnen damit, dass davon vor allem die Hersteller von Überwachungskameras profitieren werden.

Zurück