Briefbomben und USBV: Grundsätzlich ist jeder gefährdet

18.05.2018

Zahl der Taten bleibt auf relativ hohem Niveau stabil. Thilo Ohrmundt hat eine Checkliste zur Risikobewertung für Sicherheitsbeauftragte entwickelt, um Gefährdungspotential einzuschätzen.

Darstellung einer Briefbombenexplosion

Wie sieht die aktuelle Bedrohungslage durch USBV und Briefbomben in unserem Land aus?

Thilo Ohrmundt: Aus den statistischen Zahlen kann man ersehen: Die Anzahl der Straftaten gegen das Sprengstoffgesetz sind relativ stabil auf hohem Niveau, und im Straftatbestand „Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion“ sehen wir einen stark steigenden Trend. Selbstverständlich handelt es sich hierbei nur in wenigen Fällen um Anschläge oder Attentate, dennoch ist hier ein Trend zur „Sprengbereitschaft“ zu erkennen. Obwohl wenig darüber gesprochen wird, waren und sind Briefbomben präsent. Die DHL-Erpressung bringt uns das in unser Bewusstsein. Diese Serie ist ein Sonderfall, da es sich nicht um Taten nach bisherigen Risikostrukturen handelt. Der oder die Erpresser suchen sich scheinbar wahllos Ziele aus. Das kann eine Apotheke sein oder ein Online-Händler, also Unternehmen, die aus dem klassischen Risikoraster herausfallen. Deshalb kann man allen Sicherheitsbeauftragten in Unternehmen raten, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Was müssen Sicherheitsbeauftragte in Unternehmen, Behörden und Organisationen darüber wissen?

Thilo Ohrmundt: Man muss sich der grundsätzlichen möglichen Gefährdung bewusst sein. Das ist der erste Schritt. Danach muss ich mich fragen: Inwieweit stellt das in meinem Unternehmen ein tatsächliches Risiko dar? Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten. Denn grundsätzlich ist jeder gefährdet. Die spannende Frage ist, wer ist aus bestimmten Gründen mehr gefährdet als andere.

Ich kann aus den Erfahrungswerten der Vergangenheit ziemlich schnell herausfinden, ob mein Unternehmen zum Beispiel in eine Risikogruppe gehört. Alle Ämter oder Unternehmen, die mit der EU zu tun haben, haben eine erhöhte Gefährdung durch überzeugte EU-Gegner. In Italien oder Griechenland haben wir eine sehr aktive Briefbombenszene, die gezielt gegen diese Organisationen vorgeht. Hier haben wir es mit keinem Einzeltäter zu tun, sondern mit einer Gruppe. Wer mit seinem Unternehmen eine EU-Funktion wahrnimmt und sich nicht mit dem Thema beschäftigt, handelt fahrlässig.

Ein erhöhtes Risiko haben auch alle Unternehmen der Finanzbranche. Banken beispielsweise, aber auch die Pharmaindustrie oder Unternehmen, die mit Tierversuchen in Verbindung gebracht werden. Auch hier müssen sich die Verantwortlichen damit beschäftigen.

Um das Risiko für Unternehmen im konkreten Einzelfall herauszufinden, habe ich eine Checkliste entwickelt. Komme ich nach dieser Analyse zum Beispiel zum Ergebnis, dass das Risiko gering ist, dann reicht ein Minimalkonzept, das zum Beispiel darin bestehen kann, die am meisten gefährdeten Personen, die Öffner von Briefen, zu schulen.

Wenn das Risiko erhöht ist, muss man sich Gedanken über ein Konzept zur Vermeidung dieser Gefahren machen. Möglicherweise bestehen auf Unternehmensebene sogar rechtliche Verpflichtungen sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Als Maßnahmen sollten dann zum Beispiel die Wege der Post in das Unternehmen analysiert und gegebenenfalls neu gestaltet werden. In der Regel macht man bei den Schutzmaßnahmen eine Unterscheidung zwischen den Hochrisikobereichen eines Unternehmens – das sind zum Beispiel die Vorstandsebene oder die Personalstelle – und den Bereichen, denen ein geringeres Risiko attestiert wird. In solche Konzepte fließen dann auch interne Postwege mit ein. Ich bringe einmal ein Beispiel: Wir hatten ein Unternehmen mit erhöhtem Risiko, da gab es einen Briefkasten auf Vorstandsebene für die Mitarbeiter, der außerhalb dieser Zustellungsstrukturen lag. Auch der musste fortan mit einbezogen werden.

Welche Maßnahmen und Leistungen bieten Sie Ihren Kunden neben der ersten Risikobewertung?

Thilo Ohrmundt: Im Grunde bieten wir das Gesamtspektrum an. Von der Unternehmensanalyse, über die Konzeptgestaltung, bis hin zu Schulungen für Mitarbeiter oder weiteren organisatorischen Maßnahmen. Grundlage ist immer eine Risikoanalyse. Dabei vergeben wir Punkte für die einzelnen Bereiche und das gesamte Unternehmen. Das Risiko ist immer etwas Abstraktes. Durch die vergebenen Punkte kann ich es konkretisieren und einstufen.

Sofern notwendig unterstützen wir die Unternehmen beim Aufbau eines Konzeptes und schulen die Mitarbeiter, die im Postkreislauf sowie in der Gefahrenbearbeitung beschäftigt sind.

Gerade hier hat die Erfahrung gezeigt, dass wirklich alle beteiligten Mitarbeiter für ihren Bereich geschult werden müssen. Auch hier ein Beispiel: Die geschulte Sekretärin stellt fest, hier ist ein verdächtiger Brief. Daraufhin meldet sie das gegebenenfalls dem Wachdienst, wie es im Konzept vorgesehen ist. In vielen Fällen ist hier ein neuralgischer Punkt. Denn weiß auch der Wachdienst, was er jetzt genau tun soll? War er vorher schon involviert oder hat vielleicht sogar der Dienstleister in der Zwischenzeit gewechselt? All das beziehen wir ein, wenn wir die Strukturen anschauen und berücksichtigen es im Gesamtkonzept.

Um die Mitarbeiter zum Beispiel in der Poststelle und im Umgang mit den Röntgengeräten zu schulen, verwenden wir auch nachgebaute Briefbomben, wie sie in der Realität vorkommen können. Das ist wichtig, denn woher sollen die Mitarbeiter vorher wissen, wie eine Briefbombe unter dem Röntgengerät aussieht. Das sind Erfahrungswerte, die ich auch regelmäßig auffrischen muss.

Sofern möglich, sprengen wir auch Briefbomben im Rahmen eines Seminars. Ich habe eine staatliche Genehmigung, dass ich Briefbomben bauen und sprengen darf. Das reale Erleben schafft eine besondere Sensibilisierung für dieses Thema, welche eine Hauptmotivation für unsere Schulungen ist.

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