„Grundsätzlich gilt: Mechanischer Schutz vor elektronischem Schutz“

18.09.2018

Mit der Soko Castle gelang es der Polizei Hamburg, eine Vielzahl an Einbruchdelikten aufzuklären. Im Expertengespräch erläutert Ulf Wundrack, wie dies gelang und gibt Ratschläge zur Prävention.

Ulf Wundrack, stellvertretender Polizeisprecher der Polizei HamburgBildquelle: Polizei Hamburg

Seit zweieinhalb Jahren bekämpft die „Soko Castle“ in Hamburg sehr erfolgreich Einbruchsdelikte. So ist die Zahl bei den Wohnungseinbrüchen um fast 36 Prozent von 9.006 Einbruchsdelikten 2015 auf 5.769 im Jahr 2017 erheblich gesunken. Im April wandelte die Hamburger Polizei nun die Soko Castle in eine Dienststelle im Landeskriminalamt (LKA) um. Erklärtes Ziel ist es, die Einbruchszahlen 2018 zu halbieren. Die Sicherheitspraxis sprach mit Ulf Wundrack, stellvertretender Polizeipressesprecher der Polizei Hamburg darüber, wie dies gelingen konnte, wie sich Einbruchsdelikte unterscheiden und was Facherrichter und Betreiber tun können, um Einbrüchen vorzubeugen.

Welche Erfahrungen haben Sie beim Thema Einbruchbekämpfung in den letzten Jahren in Hamburg gemacht? Gibt es Besonderheiten im bundesweiten Vergleich?

Ulf Wundrack: Zunächst gilt es das Thema Einbruchsbekämpfung in die Bereiche Bekämpfung des Wohnungseinbruchdiebstahls und des Einbruchdiebstahls in sonstige Objekte zu trennen und diese differenziert zu betrachten. Aufgrund von stark gestiegenen Fallzahlen im Bereich des Wohnungseinbruchdiebstahls wurde in Hamburg am 1. Mai 2015 die Soko Castle eingerichtet, um Fallzahlen zu senken und die Aufklärungsquote zu erhöhen. Im Fokus der Soko Castle standen reisende und überregional agierende Täter sowie Täter mit einer hohen Tatfrequenz.

Die Erfahrungen der Soko zeigten sehr schnell, dass sich der Erfolg aus den Elementen operative Auswertung und Analyse, täter- und tatorientierten Ermittlungen sowie dem daraus resultierenden zielgerichteten Einsatz von operativen, fest zugeordneten Kräften generiert. Als besonders wertvoll hat sich zudem eine enge Verzahnung mit dem Hamburger Umland erwiesen, um Informationen zu Taten und Tätern auszutauschen. Weiterhin wurde die Serienerkennung, also die Zuordnung von Taten zu einer Serie unter anderem durch eine intensive Tatortbefundaufnahme, vorangetrieben, da im Bereich des Wohnungseinbruchdiebstahls der Grundsatz „Einbrecher sind Serientäter“ gilt. Als Besonderheit der Stadt Hamburg im bundesweiten Vergleich gelten die mit einer Großstadt verbundenen Spezifika, wie eine hohe Anzahl von Tatgelegenheiten, eine Vielzahl von Verkehrsanbindungen für die Täter, eine höhere Anonymität, günstige Wohnunterkünfte und Absatzchancen für das Diebesgut.

Im Bereich des sonstigen Einbruchdiebstahls sind die Erscheinungsformen und die Täterstrukturen vielfältig. So werden die Einbrüche in Lauben, Keller, aber zum Teil auch in Bürogebäuden, in der Regel von wenig spezialisierten Tätern, zum Beispiel im Zusammenhang mit Beschaffungskriminalität verübt. Die Einbrüche in Gewerbeobjekte, wie Reifenhändler, Bekleidungsgeschäfte, Elektronikgeschäfte etc. werden dagegen von spezialisierten Banden begangen. Tresore erfordern wiederum einen anderen Tätertypus.

Wie hat sich die Zahl der Einbrüche entwickelt und konnten Sie eine Veränderung beim Vorgehen der Einbrecher feststellen? 

Ulf Wundrack: Die Zahl der Fälle der Schweren Einbruchskriminalität hat sich in den Jahren zwischen 2013 und 2017 verringert. Dazu zählen Einbruchsdelikte ohne Wohnungseinbruchdiebstahl. Die Zahlen selbst stammen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS Schlüssel 8860). So ist die Zahl der Delikte von 9.582 im Jahr 2013 auf 9.917 im Jahr 2015 zunächst einmal angestiegen, bevor sie dann im Jahr 2017 auf 7.710 Delikte gesunken ist. Aufgrund der Vielzahl von Phänomenen und Täterstrukturen kann nicht sicher beurteilt werden, ob sich das Vorgehen der Täter verändert hat. Da die Polizeiliche Kriminalstatistik in vielen anderen Bereichen ebenfalls rückläufig ist, dürfte allerdings ein Ausweichen in andere Deliktsbereiche wenig wahrscheinlich sein.

Ähnlich verlief auch die Entwicklung der Fälle des Wohnungseinbruchseinbruchdiebstahls der Jahre 2013 und 2017 (Quelle PKS Schlüssel 8880). So stieg die Zahl der Delikte zwischen 2013 und 2015 von 6.924 auf 9.006 an und erreichte 2017 mit 5.769 Delikten den niedrigsten Wert innerhalb der fünf Jahre. Zahlreiche Tatverdächtige konnten identifiziert und festgenommen werden. Nach hiesiger Einschätzung konnten dadurch Fallzahlen reduziert und die Stadt Hamburg für andere Täter unattraktiv gemacht werden. Ob noch andere Ursachen eine maßgebende Rolle spielten, kann von hier aus nicht sicher beurteilt werden. Ein Ausweichen in andere Deliktsbereiche wurde bislang nicht festgestellt.

Wer ist besonders betroffen: Privatleute oder Unternehmen und wie unterscheiden sich die Einbruchsdelikte?

Ulf Wundrack: Im Bereich des Wohnungseinbruchdiebstahls sind Privatpersonen vorrangig betroffen. In der Betroffenheit sind die Einbrüche in Wohnungen auch besonders herauszustellen. Hier dringt der Täter in den innersten und intimsten Lebensbereich einer Person ein. Geschädigte eines Wohnungseinbruchdiebstahls fühlen sich nach der Tat in ihrer Wohnung häufig nicht mehr sicher und geborgen. Das subjektive Sicherheitsgefühl des Einzelnen erleidet zum Teil erheblichen Schaden. Einbrüche in Gewerbeobjekte werden in der Regel anders eingestuft bzw. wahrgenommen.

Wie kann man am besten Einbrüchen vorbeugen? Welche Empfehlungen können Sie Privatleuten und Unternehmen geben?

Ulf Wundrack: Grundsätzlich gilt: mechanischer Schutz vor elektronischem Schutz. Eine Alarmanlage meldet lediglich, dass der Täter soeben eingebrochen ist, die mechanische Sicherung verhindert sein Eindringen und die damit verbundene Verletzung der Privatsphäre. Die Polizei empfiehlt den Einbau von geprüften und zertifizierten einbruchhemmenden Materialien, zum Beispiel neue Fenster oder Türen nach DIN EN 1627 bzw. DIN V ENV 1627 bzw. Zusatz- oder Nachrüstprodukte nach DIN 18104, Teil 1 und 2, am besten durch einen zertifizierten Fachbetrieb.

Wichtig ist auch präventives Verhalten, dazu gehört zum Beispiel, dass bei Abwesenheit Fenster und Türen abgeschlossen werden. Die Tür nur ins Schloss zu ziehen, reicht nicht aus, ein gekipptes Fenster ist ein offenes Fenster. Auch Beleuchtung kann ein Objekt weniger attraktiv für potentielle Täter erscheinen lassen. Licht im Inneren lässt die Anwesenheit von Personen vermuten. Lichtquellen außerhalb des Objektes verhindern, dass ein Täter ungesehen agieren kann. Zeitschaltuhren, Bewegungsmelder und/oder Dämmerungsschalter können hier eingesetzt werden. Auch eine aufmerksame Nachbarschaft, die aufeinander achtet und zum Beispiel fremde Personen auf dem Grundstück oder im Hausflur anspricht – bzw. auch beim kleinsten Verdacht den Notruf 110 wählt – oder sich beim abwesenden Nachbarn um die Leerung des Briefkastens und das Gießen der Blumen kümmert, kann einen Beitrag zum Einbruchschutz leisten.

Unternehmen sollten – neben den oben genannten Einbruchschutzmaßnahmen – je nach Einzelfall auch Themen wie Absicherung des Geländes (Perimeter-Schutz), Zugangskontrollen, Sicherung abgestellter Fahrzeuge sowie von Maschinen und Werkzeugen oder den Einsatz von Einbruchs- bzw. Überfallmeldeanlagen und Videotechnik in den Blick nehmen.

Die Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle bietet individuelle Beratungen für Privatpersonen und für Unternehmen an. Die Adresse: Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle, LKA FSt 33, Caffamacherreihe, 20355 Hamburg. Für eine Beratung wird um eine Terminvereinbarung unter Tel.: 040 4286 70777 (Dienststellen-Service-Telefon, besetzt von Montag bis Freitag jeweils von 08.00 Uhr bis 16.00 Uhr) oder per E-Mail unter: kriminalberatung@polizei.hamburg.de gebeten.

Worauf müssen spezialisierte Facherrichterbetriebe beim Thema Perimeter- und Einbruchschutz achten, wenn Sie zum Beispiel ein Unternehmen absichern wollen? Haben Sie hier Empfehlungen auch in Bezug darauf, wie die Facherrichter up-to-date bleiben können?

Ulf Wundrack: Fachbetriebe können sich beim Landeskriminalamt Hamburg auf Grundlage der bundeseinheitlichen Pflichtenkataloge für Errichterunternehmen für die Errichterlisten „Mechanik“, „Videoüberwachungsanlagen“ und „Überfall- und Einbruchmeldeanlagen“ aufnehmen lassen. Der Pflichtenkatalog sieht unter anderem wiederkehrende Fortbildungs- und Schulungsmaßnahmen vor, die den fachgerechten Einbau zertifizierter Produkte gewährleisten sollen.

Grafik:

Entwicklung der Fälle der Schweren Einbruchskriminalität der Jahre 2013 - 2017 (ohne Wohnungseinbruchdiebstahl, Quelle PKS Schlüssel 8860):

2013

2014

2015

2016

2017

9.582

9.661

9.917

8.384

7.710

Entwicklung der Fälle des Wohnungseinbruchseinbruchdiebstahls der Jahre 2013 – 2017 (Quelle PKS 8880):

2013

2014

2015

2016

2017

6.924

7.490

9.006

7.510

5.769

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