„Ich brauche Lösungen, die bei einer Massenpanik funktionieren“

22.11.2018

Der 66-jährige Diplom-Ingenieur (FH) Hans-Joachim Keim aus Stuttgart hat sich als Brandschutzgutachter international einen Namen gemacht.

Hans-Joachim KeimFoto: Regio TV Stuttgart

Der Maschinenbau- und Kunststofftechnikingenieur Hans-Joachim Keim aus Stuttgart, der seit 1989 ein Ingenieurbüro für angewandte Kunststofftechnik, Prüflabor und Gutachten betreibt, war unter anderem Gutachter nach der Brandkatastrophe in Kaprun. Bei dem Unglück starben 155 Menschen. Für das Magazin Stern hat er im Juni 2018 das Ende März vorgelegte Brandschutzkonzept zu Stuttgart21 analysiert und kommt darin, wie so viele Experten, zu einem vernichtenden Ergebnis. Die SicherheitsPraxis sprach mit ihm, worauf es beim Brandschutz ankommt.

Warum sind Sie Brandschutzgutachter geworden? Was schätzen Sie an dieser Aufgabe?

Diplom-Ingenieur (FH) Hans-Joachim Keim: Der Auslöser dafür liegt in meiner Jugend: Mit 16 Jahren habe ich im 12-Familienhaus meiner Eltern am Nikolaustag 1968 einen Brand löschen müssen. Der Nikolaus, der für die über 10 Jahre jüngeren Brüder da war, hatte damals offensichtlich vergessen, die Kerze auszumachen. Der Docht ist ausgeschwemmt worden und traf eine Polstergarnitur. Meine Eltern haben die Feuerwehr gerufen und ich habe den ersten Versuch gemacht, mit einem Pulverfeuerlöscher, den Brand zu löschen. Dabei habe ich trotz Rauchschutz über Nase und Mund festgestellt, dass diese Feuerlöscher ganz schön viel Sauerstoff der Luft in der Umgebung entzogen haben. Wir haben schließlich zusammen mit den Nachbarn eine Löschkette gebildet und mit Wassereimern den Brand gelöscht. So habe ich die Gefahren eines Feuers zum ersten Mal hautnah erlebt. Aufgrund dieser Erfahrung hat mich das Thema Brandschutz nie mehr losgelassen.

Ich besitze die Fähigkeit, dass ich mir Szenarien und Abläufe sehr gut bildlich vorstellen kann, das läuft bei mir im Gehirn ab wie ein Film. Diese Fähigkeit hilft mir dabei, mir in einem ersten Schritt vorzustellen, was bei einer Entfluchtung geschieht. Diese Fähigkeit hat mir unter anderem auch geholfen, den Ursachen und dem Verlauf für Brandkatastrophen auf die Spur zu kommen. Ich bin der deutsche Gutachter, der die Brandkatastrophe in Kaprun gelöst hat, dabei habe ich auch den Verlauf des Brandes im Labor nachvollzogen.

Ich schätze an dieser Aufgabe besonders, dass ich Antworten den Menschen geben kann, die in einem solchen Fall verwickelt waren und somit eine Chance geben kann, das Erlebte aufzuarbeiten. Ohne Erklärungen stehen sie machtlos da und wissen nicht, wie sie das Erlebte verarbeiten sollen. Was ich mindestens genauso wichtig finde an dieser Aufgabe ist es, den Verantwortlichen das rationale Denken klar zu machen. Es geht nicht um Schuld, sondern um die Fragen, was hat man versäumt, wieso hat man das Risk-Management im konkreten Fall so gehandhabt und ist nicht einen sicheren Weg gegangen. Es ist einfach notwendig, dass man ahnungslose Menschen, nicht einfach zu Geschädigten macht, die dann am Erlebten, am Unglück zerbrechen oder es sogar mit dem Leben bezahlen. Genau davor muss man die Menschen schützen, dass sie so etwas nicht erleben müssen. Darin sehe ich meine zentrale Aufgabe als Brandschutzgutachter.

Wie beurteilen Sie die Situation beim Brandschutz in Deutschland? Wo liegen die Stärken, wo gibt es Schwachstellen und wo sehen Sie aktuell Handlungsbedarf?

Hans-Joachim Keim: Es werden, so wie ich das sehe, manche Dinge staatlich gefördert, die extrem gefährlich sind. Schaumstoff-Isoliermaterial beispielsweise an der Fassade von Gebäuden, das höchst toxische Rauchgase bei Bränden erzeugt. In Frankfurt am Main hat zum Beispiel Reinhard Ries, deutscher Architekt und ehemaliger Leiter der Feuerwehr dort, Versuche mit Vollwärmedämmung gemacht, wobei herauskam, dass die Brandriegel nicht funktionieren. Da der Kamineffekt wirkt und der Brandriegel mit ca. 1000 Grad Celsius übersprungen wird und der relativ leicht brennbare Werkstoff zum Brennen kommt. Dieses System ist nicht zu Ende gedacht und unbrauchbar. Es ist der größte Schwachsinn. Styropor hat außerdem die Eigenschaft, dass sich der fette Ruß auf die Lungenbläschen setzt und somit die Sauerstoffzufuhr verhindert. Daher kann man eigentlich gar nicht ohne Schutzmaßnahmen im Rauch verweilen. Dadurch gefährdet man auch die Rettungskräfte. Von daher muss man in diesem Punkt viel schärfer durchgreifen und perfekte Lösungen suchen und umsetzen. Auch der Hochhausbrand wie in London ist bei uns denkbar.

Es kann auch nicht sein, dass ein Bahnhof wie Stuttgart 21 nur planfestgestellt ist und es keine Baugenehmigung gibt und sie dürfen trotzdem weiter bauen. Hier habe ich mich sehr deutlich und sehr kritisch zu dem Vorhaben geäußert. Nehmen wir beispielsweise den neun Kilometer langen Fildertunnel. Er besitzt alle 500 Meter einen Querstollen. Hier soll eine gewöhnliche Löschwasserleitung als Löschmittel verbaut werden. Ein brennender ICE-Triebkopf soll also mit Wasser gelöscht werden? Da muss ich schon einmal bei den Verantwortlichen nachfragen, ob sie schon einmal versucht haben, Fett mit Wasser zu löschen. Außerdem: Die modernen Züge sind rollende Chemiefabriken, mit ihren Transformatorenölen, Dichtstoffen, Polstersitze und sonstigen Kunststoffen. Wenn diese im Brandfall mit Wasser besprüht werden, entsteht ein unheimlicher Chemiecocktail: unter anderem Senfgas, Phosgen, Blausäure usw.. Das wird im Katastrophenfall für die Fahrgäste zur Todesfalle. Denn diese Art von Feuer im Tunnel mit Kamineffekt ist dann nicht mehr beherrschbar. Für mich ist hier die Grenze zum Vorsatz überschritten.

Ein weiteres Problem des gesamten Projektes ist: Die Rettungswege sind unterdimensioniert, ziemlich eng und oft recht steil. Außerdem gibt es in den Tunneln viele Engstellen. Die Fluchtwege sind an diesen Stellen gerade mal rund 90 Zentimeter breit. Ein Fluchtweg ist aber nur so gut wie an der engsten Stelle. Wie wollen da mehrere hundert Fahrgäste durchkommen, ohne dass sich Staus bilden? Menschen werden dort gedrückt, bedrängt, umgestoßen und zerquetscht. Mobilitätseingeschränkte Personen, wie zum Beispiel Rollstuhlfahrer, Mütter mit Kleinkindern usw., haben in den beschriebenen Szenarien keine reelle Chance.

Bei Flugzeugabstürzen fließen die Erkenntnisse aus den Katastrophen in konkrete Handlungsempfehlungen ein. Wie verhält sich das beim Brandschutz?

Hans-Joachim Keim: Aus den Erkenntnissen im Fall von Kaprun wurde wenig in die Praxis umgesetzt. Man hat in den vergleichbaren Zügen in Österreich Videoüberwachung nachgerüstet, hat Notknöpfe, Nothammer und eine Gegensprechanlage eingebaut. Auch die Türen wurden von innen öffenbar gemacht. Dies alles fehlte zum Zeitpunkt des Unglücks in der Gletscherbahn aus Angst vor Randalierern. Aber ich bitte Sie: Das muss doch die Mindestausstattung sein.

Haben Sie Empfehlungen für unsere Fachplaner und Facherrichter?

Hans-Joachim Keim: Grundsätzlich muss darauf geachtet werden, dass es keine unnötigen Engstellen gibt, dass die barrierefreien Fluchtwege immer nach unten gehen oder ebenerdig hinausführen um eine sichere und rasche Entfluchtung zu ermöglichen. Es ist auch wichtig, dass man die Bereiche gut abschotten kann, wo viel Rauch entsteht, der nach oben geht. Man sollte auch darauf achten, dass die Menschen möglichst kurze Fluchtwege in den rauchfreien Raum bekommen können. Und immer die Physik mit einbeziehen! Warum ich das so betone: Mir fällt immer wieder auf, es werden fundamentale Prinzipien der Physik missachtet. Bei manchen Planungen gewinnt man sogar den Eindruck, der Rauch und die Wärme steigt nach unten.

Es klingt immer gut, wenn man Sensoren hat, die alles messen können. Ich finde es toll, dass man in jeder Wohnung Rauchmelder hat, aber man vergisst das Treppenhaus in einem Mehrfamilienhaus. Dort dürfen auch nicht die Wohnungen miteinander verbunden werden. Denn die entscheidende Frage muss sein: Wie setze ich ein Brandschutzkonzept um und wie beziehe ich die technischen Möglichkeiten mit ein, dass der Mensch möglichst unbeschadet und rasch in einen sicheren Bereich kommt, wenn er in Panik ist. Das ist für mich die entscheidende Frage.

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