Mit neuen Einsatzformen und Sicherheitstechnik flexibler sein

10.01.2019

Mit Dirk Fleischer, Geschäftsführer Operations DB Sicherheit GmbH, sprach unser Chefredakteur Peter Niggl

SECURITY insight: Herr Fleischer, die Bahn steht wegen des Themas Sicherheit immer wieder im Fokus medialer Aufmerksamkeit. Wie ernst ist die Situation wirklich?

Fleischer: Die Bahn ist ein offenes System. Damit werden auf Bahnsteigen und in Zügen auch all jene Konflikte ausgetragen, die auch auf Plätzen und Straßen in den Städten stattfinden. Aber Bahnhöfe und Züge sind sicherer als andere öffentliche Räume. Große Stationen werden am Tag von bis zu einer halben Million Menschen passiert. Diese Menschenmenge lockt natürlich etwa Taschendiebe oder Leute, die betteln wollen, an.

Bahnhöfe sind im engeren Sinne kein öffentlicher Raum. Sie haben also weitergehende Rechte, mit welcher Konsequenz?

Bahnhöfe sind komplexe Gebilde. Wenn sie sich beispielsweise den Bahnhof von Leipzig genauer anschauen, dann stellen sie fest, dass der eigentliche Bahnhof nur ein kleiner Raum vor den Gleisen und auf den Bahnsteigen ist, der Rest ist ein Shoppingcenter, dass in der Verantwortung eines großen Betreibers liegt. Viele Bahnhöfe sind heute Mischgebäude und man muss davon ausgehen, dass nicht jeder Bahnhof zu 100 Prozent eine DB-Immobilie ist. Diese Situation führt auch dazu, dass es eine starke Fragmentierung der Verantwortlichkeiten gibt. Eine weitere Herausforderung ergibt sich daraus, dass unser Verantwortungsbereich oft direkt an der Tür endet. Die Vorplätze liegen meist im Verantwortungsbereich der Kommunen. Unsere Aufgabe ist es, Konzepte zu erarbeiten, die diesen unterschiedlichen Verantwortungsbereichen gerecht werden.

Wo sind sie präsenter, in den Zügen oder auf den Bahnhöfen?

Kurzgefasst: Wir sind in den Zügen genauso präsent wie in den Bahnhöfen. Aber für die Fahrgäste zeichnet sich oft ein sehr subjektives Bild. Unsere Mitarbeiter, die in den Bahnhöfen Dienst tun, werden von vielmehr Menschen wahrgenommen, als diejenigen die zum Beispiel in der S-Bahn mitfahren und die in diesem Moment nur von den Leuten im jeweiligen Waggon gesehen werden. Deshalb ist unser Ziel, unsere Dienstleistung so zu disponieren, dass wir als Streife in der Verkehrsstation, wie auch im Zug oder auch in anderen Bereichen präsent sind.

Wie flexibel können ihre Mitarbeiter eingesetzt werden? 

So wie bei jedem guten Sicherheitsdienstleister sind die Mitarbeiter vordisponiert. Die eine Streife ist auf dem Bahnhof, die andere ist in der S-Bahn usw. Wir haben in jeder Region eine Lage- und Einsatzzentrale, kurz LEZ, die unsere Sicherheitskräfte natürlich ad hoc bei gewissen Gefahrensituationen oder Vorkommnissen umdisponieren kann. Außerdem haben unsere Teamleitungen in bestimmten Bereichen die Möglichkeit, Kräfte anlassbezogen einzusetzen. Wir sind gut ausgestattet mit digitalen Kommunikationsmitteln, so dass die Mitarbeiter miteinander kommunizieren können. Und es steht uns eine Smartphon-Anwendung zur Verfügung, mit der wir Aufträge sehr kurzfristig erteilen und Tätigkeiten dokumentieren können. 

Haben Sie beim Einsatz der Sicherheitskräfte freie Hand?

Nicht in allen Fällen. Es gibt viele Rahmenbedingungen und Regeln, die unsere Arbeit beeinflussen. So zum Beispiel sogenannte Verkehrsverträge, die dezidiert die Bestreifung von Zügen regeln. Es kann durchaus sein, dass der Verkehrsvertrag vorschreibt, dass Sicherheitskräfte auf bestimmten Strecken, zu bestimmten Zeiten oder auch in bestimmten Waggons zwingend in der S‑Bahn als Doppelstreife mitfahren müssen. Dies führt bei unseren Mitarbeitern teilweise zu Interessenskonflikten, wenn sie eine sicherheitsrelevante Situation am Bahnsteig wahrnehmen und eingreifen müssen. Wir arbeiten deshalb gegenwärtig gemeinsam mit den Aufgabenträgern und Verkehrsunternehmen daran, einen lage- und raumbezogenen Ansatz umzusetzen. Das heißt konkret, dass wir stärker auf die aktuellen Bedürfnisse reagieren können und nicht starren Vorgaben zu folgen haben.

Wie wollen Sie das praktisch umsetzen?

Wir sind dabei, neue robustere Einsatzformen zu erproben. Das ist zum Beispiel eine mobile Unterstützungsgruppe, kurz MUG genannt, die wir in Berlin als Pilotprojekt auf die Beine gestellt haben. Diese würde ich gerne bundesweit ausbauen. In einer solchen MUG sind zehn Kollegen zusammengefasst, die wir, wenn es notwendig ist, auch mal als ganze Gruppe einsetzen können. Das ist in Berlin sehr gut angekommen, weil wir damit sehr viel präsenter sind und sie auch zu Zeiten einsetzen können, an denen sich Schwerpunkte ergeben, wie zum Beispiel beim Fußballreiseverkehr. Das Ganze besteht aus einer Kombination von flexiblen Konzeptionen, neuen Einsatzformen und zusätzlicher Technik.

Welche Technik setzen Sie ein?

Wir haben Bodycams, die wir sehr erfolgreich einsetzen. Es ist festzustellen, dass die Zahl der Angriffe dadurch zurückgegangen ist; sie sind ein stark deeskalierendes Mittel. Wir haben autonome Wachstationen eingerichtet, um Abstellanlagen zu überwachen. Wir haben Flächen- und Streckendetektionsgeräte, bildlich gesprochen: Bodenradargeräte. Diese werden sehr erfolgreich zum Bekämpfen von Graffiti oder Buntmetalldiebstahl eingesetzt. Mit eigenen Drohnen überwachen wir Abstellanlagen und Streckenabschnitte.  Der Einsatz von Technik ist für uns unverzichtbar, so dass wir kontinuierlich neue innovative technische Lösungen entwickeln.

Die Polizei klagt, dass die verbalen und tätlichen Angriffe auf die Beamten zunehmen. Ein Phänomen, das auch ihre Kollegen registrieren?

Wir nehmen auch wahr, dass es häufig zu Übergriffen auf Mitarbeiter kommt. Qualitativ registrieren wir eine Steigerung, quantitativ vor allem in einzelnen Regionen. Aber deshalb haben wir auch das Thema Eigensicherung für uns zu einem Thema gemacht. Ein Problem ist, dass diese Angriffe oftmals gar nicht unmittelbar aus einer Auseinandersetzung heraus passieren. Häufig sind es ganz banale Situationen, zum Beispiel ein Mann schläft auf dem Bahnhof, die Streife beugt sich über ihn, um ihn zu wecken und wird geschlagen. Andere Situation: ein Schwarzfahrer wird aus der S-Bahn geholt, zunächst läuft alles ganz ruhig, dann merkt der Erwischte, dass die Polizei gerufen wird, er beginnt um sich zu schlagen und will fliehen. Deshalb müssen wir die Eigensicherung noch stärker trainieren und unsere Mitarbeiter vielmehr dafür sensibilisieren. Der größte Feind der Eigensicherung ist die Routine. Da werden 15 Hausverbote am Tag ohne Probleme ausgesprochen, beim 16. kommt es zum Übergriff. Deshalb auch der Einsatz der MUG. Das Zeigen von Präsenz kann eben auch deeskalierend wirken. Deshalb ist auch das Thema Diensthunde auf unserer Tagesordnung. Wir werden mehr Hundestreifen einsetzen.

Wo liegen die Schwierigkeiten?

Das Thema Sicherheit ist eben deshalb so hoch komplex, weil es so viele unterschiedliche Akteure gibt. Wenn sie den Sicherheitsmitarbeiter sehen, der bei den anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen mitfährt, dann ist dies nicht die DB Sicherheit. Was macht der, wenn er am Bahnhof aussteigt? Am Bahnhof hat er überhaupt keine Kompetenz. Jetzt steht aber unter Umständen Sicherheit oder Security auf dem Rückenschild der Einsatzkraft, nicht DB-Sicherheit wie bei uns, aber er wird als Sicherheitsmann wahrgenommen. Deshalb sind die ganzen Schnittstellen so kompliziert. Und darin liegt meines Erachtens die große Herausforderung für die Zukunft, diese raum- und lagebezogenen Konzepte mit allen Akteuren so abzustimmen, dass man Personal als auch Ressourcen bestmöglich einsetzt.

Man kann es ja den Leuten nur schwer erklären, wenn wir beispielsweise eine Gruppe von Fußballfans in einem DB-Regio-Zug begleiten, dann steigen die an einem Bahnhof in einen Zug eines anderen Unternehmens ein und wir von der DB-Sicherheit müssen dann sagen: Das war's. Wenn unsere Leute in einem anderen Unternehmen mitfahren, haben sie in der Regel keine Befugnisse, denn es ist ihnen kein Hausrecht erteilt worden.

Gibt es Lösungsvorschläge für diesen Zustand?

Wir glauben, dass diese Aufgabe nur durch eine abgestimmte Kombination aus personellen, technischen und prozessualen Sicherheitsmaßnahmen gelöst werden kann. Als Teil eines Sicherheitsnetzwerks zwischen Verkehrsunternehmen, Infrastrukturbetreibern und staatlichen sowie kommunalen Stellen, erstellen wir Lagebilder und setzen unsere Kolleginnen und Kollegen zielgerichtet ein. Diesen vernetzten Ansatz gilt es zukünftig noch stärker zu verankern, um gemeinsam für Sicherheit im öffentlichen Raum zu sorgen.

Wie weit ist ihr Aufgabenfeld gesteckt?

Ich empfinde unsere Aufgabe als extrem herausfordernd, da wir bundesweit die Verantwortung für die Sicherheit eines Großteils des öffentlichen Raums gewährleisten. Dabei nehmen unsere Kolleginnen und Kollegen klassische Sicherheitsaufgaben wie die Durchsetzung des Hausrechts und der Beförderungsbedingungen wahr. Durch unser Agieren wirken wir Verwahrlosung und Unordnung entgegen. Unsere Sicherheitskräfte verstehen sich aber auch als Teil des Systems Bahn. Sie geben Reiseauskünfte und helfen unseren Kunden.

Eine schwierige Aufgabe?

Ich habe größten Respekt vor der Arbeit unserer Mitarbeiter, die jeden Tag in die Konfliktsituationen geraten. Sie haben die Aufgabe, neben dem Hausrecht die Beförderungsbedingungen durchzusetzen, Kontrolltätigkeiten wahrzunehmen und das sind potenziell immer konfliktträchtige Situationen. Das System Sicherheit lebt nicht von Doppelstreifen, dazu gehört das Thema Lage und das Thema Training. Dazu gehören Sicherheitskooperationen und die Ordnungspartnerschaft der Deutschen Bahn mit der Bundespolizei. Wir haben aber auch kommunale Ordnungspartnerschaften, in denen wir mit kommunalen Ordnungsdiensten von Städten und Gemeinden Streife laufen, wenn es im Umfeld ein Problem gibt. Wir initiieren runde Tische, wenn sich besondere Herausforderungen ergeben. Das Sicherheitspaket ist also schon etwas Umfassenderes. Das ist vielleicht auch das, was uns von anderen Sicherheitsdienstleistern unterscheidet, wir werden nicht nur bezahlt, dass wir irgendwo eine Streife hinschicken, sondern wir werden dafür bezahlt, dass wir die Sicherheit in einem Raum gewährleisten.

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