Zwischen Koffer und Knarre

04.09.2018 Personenschutz

Über Nutzen und Entbehrlichkeit von Personenschützern

Politik könne auch in einer Demokratie eine Frage von Leben und Tod sein, sagte der Schriftsteller Navid Kermani im November vergangenen Jahres während der Verleihung des Staatspreises von Nordrhein-Westfalen in Köln. Er bezog sich dabei unter anderem auf die Oberbürgermeisterin der Stadt, Henriette Reker, die am 17. Oktober 2015, einen Tag vor ihrer Wahl, angegriffen und schwer verletzt wurde. Der später wegen versuchten Mordes angeklagte Täter aus dem rechtsextremen Milieu, begründete sein Messerattentat mit der Ablehnung von Rekers Flüchtlingspolitik. Dieselbe Motivlage war ausschlaggebend für den Angriff auf den Bürgermeister der sauerländischen Kleinstadt Altena und CDU-Politiker, Andreas Hollstein, am Abend des 27. November 2017. Angriffe, wie die auf Reker und Hollstein, sind längst keine Ausnahme mehr. Aber es werden auch andere schockierende Vorfälle bekannt.

Der Anschlag auf Bernhard Günther, Finanzvorstand des in Essen ansässigen Energieunternehmens Innogy SE, der am 4. März dieses Jahres in einem Park überfallen und mit Säure, womöglich Schwefelsäure, übergossen wurde, brachte das Thema wieder einmal in die Schlagzeilen. Für „welt.de“ war die Schlussfolgerung: „Zu einem Top-Manager gehört auch ein Bodyguard.“

Eigene Statistik des BKA 

Inzwischen werden Politiker und Amtsträger nahezu regelmäßig tätlich angegriffen. Das Bundeskriminalamt hat für dieses Deliktsfeld sogar eine eigene statistische Rubrik geschaffen. Allein im Jahr 2016 registrierte man beim BKA rund 1800 Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger. Zwar habe der Mehrheit dieser Attacken keine physischen Übergriffe zu Grunde gelegen, aber die tätlichen Angriffe seien dennoch alarmierend.

Holger Münch, der Präsident des BKA, kommentierte gegenüber der Presse den Trend: „Wir beobachten, dass Straftaten gegen Entscheidungsträger, Politiker, Betreiber von Flüchtlingsunterkünften und Helfer keine Einzelfälle sind.“ Während sich in dieser Bestandsaufnahme das Tatmotiv relativ präzise im rechtsextremistisch-fremdenfeindlichen Lager verorten lässt, ist die Sachlage bei Angriffen auf Vertreter der Wirtschaft bisweilen komplizierter. Das scheint sich auch bei dem Attentat auf „Innogy“-Manager Günter zu bestätigen. Dem Kölner „Express“ fiel in diesem Zusammenhang das „eiserne Schweigen der Ermittler nach dem Säure-Angriff“ auf.

Personenschutz in Bataillonsstärke

In diesen Taten sehen viele Beobachter gleichzeitig eine allgemeine Zunahme der Gewaltbereitschaft gegen Personen; schlicht eine Verrohung der Sitten. Schärfere Gesetze, wie sie unisono gefordert werden, wenn wieder einmal etwas passiert ist, sind zweifellos nur bedingt als Lösung zu gebrauchen. Einem an Leib und Leben Geschädigten helfen sie wenig. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist...

Sich Gedanken über präventive Maßnahmen zu machen, liegt auf der Hand. Es ist  wiederholender Umstand, dass bei besonders schockierenden Vorfällen die Diskussion wieder aufflammt, wie der Personenschutz im jeweiligen Fall hätte aussehen können oder warum er versagt hat. Das Thema ist vielschichtig, rechtlich kompliziert, operativ diffizil und finanziell problematisch.

Die Geschichte des Personenschutzes lässt sich bis etwa zum Jahr 1000 v.u.Z. zurückverfolgen, als die Krether und Plether unter ihrem Anführer Benaja die Leibwache König Davids bildeten. Heutzutage wird die Leibgarde als Personenschutz bezeichnet. Salopp wird gewöhnlich von Bodyguards gesprochen. Ihr Bild in der Öffentlichkeit ist nicht mehr geprägt von Gardeuniformen, sondern wohl eher von glatt rasierten Schädeln, Sonnenbrillen und dunklen Anzügen der Konfektionsgröße 66. Allerdings können sie, je nach Schutzperson, bisweilen zahlenmäßig mit den alttestamentarischen Regimentern mithalten. So war der US-Präsident mit einem Stab von Personenschützern in Bataillonsstärke zum Hamburger G-20-Gipfel angereist.

Stilmittel des Politikers

Dem staatlich organisierten Personenschutz tritt nun schon seit geraumer Zeit ein auf privatrechtlicher Basis arbeitender Personenschutz gegenüber. Zwischen den beiden Namensbrüdern aber liegen Welten. Dem durch hoheitliche Rechte ausgestatteten Schutz von Personen, setzen private Anbieter solcher Dienstleistungen leider allzu oft auf geradezu karikierendes Imponiergehabe. Andererseits kokettieren bisweilen vermeintlich oder tatsächlich gefährdete Schutzpersonen mit ihren Bodyguards. Vom österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider wusste eine Zeitung zu berichten, „die Männer, allesamt gut gebaut und mit schwarzen Sonnenbrillen ausgestattet“ seien „alsbald schon Stilmittel“ seiner Politik gewesen. Bei seinem tödlichen Autounfall im Jahre 2008 war jedoch keiner seiner Personenschützer zugegen. Andere Vertreter der Zunft sind wahre Meister der Selbstdarstellung. Er sei „Deutschlands bekanntester Bodyguard“, schrieb vor einigen Jahren das Berliner Boulevardblatt „BZ“ und meinte damit Ahmad Mohammed, der sich bei seinen Aufträgen nahezu genauso medienwirksam in Szene zu setzen wusste, wie seine Klientel aus der Welt der Stars und Sternchen von Prinzessin Caroline von Monaco bis zum Schwimmtalent Franziska van Almsick.

Diese Beispiele seien nur aufgeführt, um zu verdeutlichen, wie das Berufsbild des Personenschutzes in den Medien transportiert und somit in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Kritische Stimmen sind hingegen meist weitaus leiser. Das Berufsbild des Bodyguards hat „in der Vergangenheit mehrere Wandlungen durchlaufen“, meinte vor einiger Zeit „Focus online“. „Der klischeebeladene Wachmann“, hieß es dort, „der ‚breite Schrank‘ mit finsterem Blick und Glatze oder das imponierende Muskelpaket mit Sonnenbrille, haben im heutigen Anforderungsprofil keinen Platz mehr.“

Die kriminelle Bedrohung

In der Sicherheitsbranche jedoch wird das Thema Personenschutz immer noch mit spitzen Fingern angefasst. Aus verständlichen Gründen. Wird doch der Schutz von Personen, die quasi ihrer gesellschaftlichen Stellung oder Funktion von der Polizei als gefährdet eingeschätzt werden, von den staatlichen Spezialkräften übernommen. Sie und mit ihnen die anderen Sicherheitsdienste des Staates besitzen auch die notwendige Expertise, um den Grad einer Gefährdung möglichst präzise einzuschätzen und die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Sie bewerten auch das Maß an konkreter Gefährdung einzelner Personen.

Anders und weit komplizierter verhält es sich mit dem Feld, auf dem sich eine Vielzahl von Vertretern der Crème de la Crème, der Reichsten, der sprichwörtlichen oberen Zehntausend tummeln. Oder bei Personen, denen alleine ihre herausragende Stellung in der Politik, Religionsgemeinschaften und anderen konfliktbeladenen Einrichtungen, zum Verhängnis werden kann. Die Zielrichtung eines Angriffs gegen eine Person oder Personengruppe kann dementsprechend ebenso vielschichtig sein. Sie kann von gezieltem Mordanschlag bis zur möglichst unblutigen Entführung für eine Lösegeld-Forderung gehen.

Aber damit nicht genug. Während die oben genannten Kriterien zwar schwierig abzuwägen, aber doch irgendwie handhabbar erscheinen, gibt es eine Komponente, auf die die Antwort besonders schwerfällt: Die der nicht zu unterschätzenden Gruppe psychisch Gestörter.

Wachmann endete im Rollstuhl

Unter diesen, keineswegs unkomplizierten Voraussetzungen, wird schnell deutlich, dass auch im privaten Einsatzbereich Personenschutz nicht gleich Personenschutz ist. „Traumberuf Bodyguard“, betitelte die ARD einen Beitrag, der mit einem eher abwegigen Aspekt dieser Tätigkeit beginnt: „Madonna und Stephanie von Monaco hatten Affären mit den Männern, die von Berufs wegen ihr Leben beschützten. Popsängerin Anastacia heiratete sogar ihren Bodyguard.“ Triviale Randerscheinungen, die der ernsthaften Darstellung des Berufsbildes eines Personenschützers kaum förderlich sind. Ein Umstand, der seriösen Dienstleistern die Tätigkeit nicht gerade einfach macht. Hier wäre ein Umdenken hilfreich.

Eher ausgeblendet wird die Kehrseite dieser Medaille, die Gefahren wie der Beruf mit sich bringt. Für einen Personenschützer endete der Dienst im Rollstuhl. Er war von einem Immobilienunternehmer engagiert worden, nachdem er einen guten Grund hatte, um seine Familie zu fürchten. Im Oktober 2011 erfolgte tatsächlich ein weiterer Überfall, wobei der 31-jährige Wachmann im brandenburgischen Bad Saarow durch Schüsse lebensgefährlich verletzt wurde. Nach diesem Vorfall wurde die Familie unter Polizeischutz gestellt.

Noch immer ist der private Personenschutz nur eine Nische in der Sicherheitswirtschaft. Wie sie sich entwickelt, wird sich zeigen müssen. Beobachter gehen davon aus, dass die negativen gesellschaftlichen Trends der Branche in die Hände arbeitet.

Diskussionen zu RAF-Zeiten

Die Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) hat bereits vor einiger Zeit einen Leitfaden zum Personenschutz herausgegeben und damit signalisiert, dass die Problematik im Spektrum der wirtschaftlichen Sicherheitsaufgaben ihren Platz findet. Ganz neu ist das jedoch nicht. Angesichts der terroristischen Bedrohung für Politiker und Wirtschaftskapitäne durch die RAF in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde dem Thema bereits damals einige Aufmerksamkeit gewidmet, wie Dr. Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft (BDWS) in einem Jubiläumsrückblick seiner Verbandszeitschrift „DSD“ jüngst bemerkte: „Vergabethemen und Rechtsfragen rund um den bewaffneten Personenschutz im öffentlichen Raum standen verstärkt im Fokus der Berichterstattung.“ Die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Jahr 1977, wie auch das Attentat auf den Bankier Alfred Herrhausen 1989, verdeutlichten aber auch, dass selbst professioneller Personenschutz überwunden werden kann und keine hundertprozentige Sicherheit bietet.

Nach dem Abklingen dieser Gefahren wurde es wieder etwas ruhiger in der Diskussion um die Gefährdung und den Personenschutz dieser gesellschaftlich exponierten Gruppe. Richteten sich diese politisch motivierten Anschläge vor allem gegen bestimmte Personen, so zeigte sich schon bald, dass kriminelle Absichten schwieriger vorauszusehen und zu verhindern sind. Von der Entführung von Richard Oetker im Dezember 1976, über das Kidnapping der Kronzucker-Töchter 1980 in Italien bis zur Ermordung des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler im Herbst 2002 führt ein roter Faden, dass es das Ziel ist, wohlhabende Personen oder Familien an ihrer empfindlichsten Flanke zu treffen, indem ihre Kinder als Geiseln für enorme Lösegeldforderung genommen wurden. Spätestens an diesen Fällen verdeutlicht sich, dass ein Personenschutz in Rambo-Manier keine seriöse Grundlage haben kann. Der Schutz von Angehörigen, besonders den Kindern, von gefährdeten Personen bedarf eines großen Fingerspitzengefühls. Allein minderjährigen Schutzbefohlenen ihre Situation zu verdeutlichen, setzt enormes psychologisches Einfühlungsvermögen voraus. Walter Kohl, Sohn des Bundeskanzlers Helmut Kohl, beschreibt den Moment, an dem man ihm im Grundschul-Alter seine terroristische Gefährdung vor Augen führte. Dabei sei es auch um die Möglichkeit einer Entführung gegangen. Dem Jungen wurde klargemacht, „dass man den Terroristen natürlich nicht jede beliebige finanzielle Forderung erfüllen könne.“ Walter Kohl über den entscheidenden Moment: „Der Mann atmete einmal tief durch, bevor er die Katze aus dem Sack ließ. ‚Der Höchstbetrag ist ...‘ – und jetzt schaute er meine Mutter an – ‚so bis maximal fünf Millionen Mark.‘ Ein Preisschild auf meinem Leben!“[*]

  

Unterricht wurde eingestellt

 

Das Spektrum an Voraussetzungen, das ein fachgerechter Personenschutz erfordert, ist zweifellos sehr breit gefächert. Diverse private Bildungseinrichtungen bieten eine Ausbildung in dieser Sparte an, die Qualität ist schwer zu verifizieren. Wer zum Beispiel mindestens 18 Jahre alt ist, ein polizeiliches Führungszeugnis „ohne relevante Eintragung“ mitbringt, in einem halben Jahr die knapp 1000 Unterrichtsstunden absolviert und knapp 8000 Euro berappen kann, hat in einer Hamburger Akademie beste Voraussetzungen, mit einem Zertifikat ausgestattet zu werden, das ihn dann als „Personenschutzfachkraft“ ausweist. In nur drei Monaten schaffte man diesen Karrieresprung (bei Eignung) an der TÜV Süd Akademie in Mannheim, bis das Bildungssegment vor Jahren die Segel strich. Die Begründung ist mehr als ernüchternd. Zum einen sei die Sicherheitslage in Deutschland nicht so schlecht, dass Personenschützer spielend eine Anstellung finden würden, zum anderen waren die Bewerber zu über 90 Prozent für diese Tätigkeit ungeeignet. Bewerber mit einer besonderen Affinität zu Waffen, mussten schnell aus den Wolken der Illusionen geholt werden. Die staatlichen Stellen sind bei der Vergabe von Waffenscheinen an vermeintliche Personenschützer alles andere als großzügig. Unter diesen Bedingungen konnte man sich beim TÜV Süd gegen die Konkurrenz der wirklichen Profis aus Polizei und Militär nicht behaupten. Das bedeutete 2015 das Aus für diese Lehrgänge.

 

Personalchefs ahnungslos?

 

Ob andere Bildungsträger gegenüber den Aspiranten so offen mit den Problemen umgehen, muss dahingestellt bleiben. Nicht wegdiskutiert werden kann, dass der Markt für Personenschützer sehr eng ist. Auch beim TÜV Süd musste man feststellen, wie schwer es für die Absolventen später war, in ihrem Traumjob eine angemessene Anstellung zu finden. So mancher, der sich schon in aufregenden Situationen als Held mit Knarre sah, musste sich später als Kofferträger zufriedengeben.

 

Helwig Finger, Oberfeldwebel a. D. und sieben Jahre im Personenschutz eines ehemaligen Bundeswirtschaftsministers, sieht für den Bereich eines Unternehmens die Tatsache in der Regel als problematisch an, „dass der Personalchef naturgemäß fachlich nicht die geringste Ahnung hat was einen professionellen Bodyguard ausmacht.“

 

Allerdings wird das Thema Personenschutz schnell virulent, wenn ein Unternehmen sich international positioniert. In Afrika oder Lateinamerika gehören Entführungen von Geschäftsleuten praktisch zum Alltag. Ein professioneller Personenschutz gewinnt in diesen Breitengraden eine ganz andere Bedeutung. Hier gehört er als fester Bestandteil zum Sicherheitskonzept der ausländischen Dependance. Die finanziellen Dimensionen der Lösegeldforderungen sind dementsprechend hoch. Unter diesen Gesichtspunkten stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Personenschutz ganz anders. In Deutschland wird das Thema wohl (und hoffentlich) in nächster Zeit marginal bleiben. Nichtsdestotrotz würde eine gewisse Ordnung auf diesem Markte dem Berufsbild und der tatsächlichen Seriosität zuträglich sein. Das Spielfeld der Action-Helden ist die Leinwand.

 


  
 

[*] Walter Kohl, Leben oder gelebt werden, München 2011, S. 73

   

Bildquelle: David Stuart / Fotolia.com
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