PRÄVENTIVER PERSONENSCHUTZ: UNTERSCHIEDE ZWISCHEN KONZERNEN, KMUS UND FAMILY OFFICES

02.08.2016 Personenschutz

Das Ende der „Rote Armee Fraktion“ ging einher mit der erheblichen Reduzierung des Personenschutzpersonals einiger DAX-Konzerne und ebenso exponierter Familien. Abgeschafft oder zumindest auf Sparflamme gehalten wurden die behördenähnlichen Strukturen und Kommandos – überwiegend geleitet von erfahrenen, ehemaligen Führungsbeamten der Polizei des Bundes und der Länder – mit entsprechendem ständigem Objektschutz, Aufklärungskräften, einem Vor- und Begleitkommando mit variablem Strecken- und Zeitwechsel, sogar teilweise Double-Taktik, sowie einer Sicherheitszentrale/eines Lagezentrums.

Überwiegend wurde zum präventiven, anlassbezogenen Personenschutz übergegangen, wobei bis heute das Rückgrat die permanente oder zumindest anlassbezogene Raum- und Umfeldaufklärung bildet. Spürbar wurde freilich die erneute Aufwertung des Personenschutzes im Rahmen der Reise- und Auslandssicherheit sowie des Krisen- und Notfallmanagements nach dem „11. September“.

Der Generationswechsel ist nicht nur auf Führungs- und Leitungsebene von Konzernsicherheit und Personenschutz spürbar. Gerade die jungen Manager in Aufsichtsräten, Vorständen oder der Geschäftsführung prägt eine neue Sicherheitskultur und ein anderes Sicherheitsbewusstsein. Dominiert von einigen DAX-Personenschutzkommandos, Security Family Offices und Beratungsunternehmen ist der Personenschutz eine Nische in der Sicherheitswirtschaft. Das heißt im Umkehrschluss, dass beispielsweise über die Hälfte der DAX-Konzerne und einige der vermögendsten Familien über gar keinen Personenschutz mehr verfügen, von kleinen und mittelständischen Unternehmen ganz zu schweigen.

Unterschiede DAX, KMUs und Family Offices

Hat man sich dafür entschieden, dem Personenschutz einen gewissen Stellenwert beizumessen, so manifestiert sich dies entweder in direkter Festanstellung oder über Beratungsunternehmen, in einigen Fällen auch durch Outsourcing an selbstständige Kleinunternehmer. Der Unterschied besteht insbesondere in Organisation und Struktur des jeweiligen Konzerns, KMUs oder des Familienbaums. Eine der größten Herausforderungen für Personenschutz und andere Sicherheits-Verantwortliche ist die Frage der Angliederung am Entscheidungsträger (oder eben nicht) und die unterschiedlichen Hierarchieebenen. Im Konzern sind klare Hierarchieebenen vorgegeben, mitunter hat der Personenschutz-Verantwortliche mit dem übergeordneten Leiter Konzernsicherheit, dem angegliederten Vorstand und mit der eigentlichen Schutzperson, dem Aufsichtsrat- und/oder Vorstandsvorsitzenden, eine Vielzahl von Rädchen im Getriebe zu beachten.

Im schlechtesten Fall bleibt sein direktes Wirken auf und mit der Schutzperson sehr schwierig, bisweilen unmöglich. In einigen wenigen Fällen ist die direkte Angliederung an den Vorstandsvorsitzenden möglich, wobei der Personenschutz-Verantwortliche diese Lösung verständlicherweise stets bevorzugt. Eine weitere Herausforderung ist der stetige Wechsel der Vorstandsvorsitzenden. Selbst wenn die Personenschutzmaßnahme im Aufsichtsratsbeschluss fest verankert wurde, ist es jederzeit möglich, dass ein neuer Vorstandsvorsitzender alles neu evaluiert und den Rotstift ansetzt. Dies kann in einem Konzern zu einem Auf und Ab im Personenschutz führen.

In KMUs und auch Family Offices ist der klare Unterschied die Nähe zur Schutzperson. Bisweilen gibt es noch einen zwischengeschalteten Vorgesetzten, aber die Abstimmungen erfolgen oft ausschließlich direkt und haben eine unmittelbare Absprache und Umsetzung zur Folge – ein klarer Vorteil zu den oft trägen Mechanismen eines Konzernes mit mehreren Vorgesetzten. Als mangelhaft kann sich bei KMUs und exponierten Familien dagegen das Gesamtbild Sicherheit erweisen. Sind im Konzern möglicherweise ganze Abteilungen oder zumindest Verantwortliche für Lageinformation, Krisen- und Notfallmanagement, Reise-, Informations-, Objekt- oder Veranstaltungssicherheit vorhanden, müssen Entscheidungsträger bei KMUs und exponierten Familien möglicherweise erst von der Notwendigkeit dieser Themen überzeugt werden. Die Installation dieser auch den Personenschutz berührenden Punkte kann mitunter ein langwieriger Prozess sein und heißt für den Sicherheits-Verantwortlichen, dass er die Argumentation, natürlich in geringerem Ausmaß als in einem Konzern, ausarbeiten muss. Seine Aufgabe zielt aufgrund der Komplexität also mehr in Richtung eines Sicherheitsmanagers.

Sicherheitskonzeptionen

Während sich im Konzern der Personenschutz aufgrund der Gefährdung überwiegend auf den Vorstands- oder Aufsichtsratsvorsitzenden fokussiert, sind in einer exponierten Familie auch die Angehörigen und Kinder Hauptaugenmerk des Schutzprogramms. Das Überstülpen behördlicher, starrer Personenschutzmodelle kann in der freien Wirtschaft auf Dauer nicht funktionieren. Die Unterscheidung zwischen unmittelbarem, mittelbarem und weiträumigem Personenschutz gibt es in der Praxis letztlich nicht mehr, vielmehr fließt alles ineinander über. Es könnten zwar beispielsweise Postüberprüfung, Nachbarschaftspflege, Datenbankpflege und Behördenabsprachen als mittelbarer Personenschutz bezeichnet werden, aber im Grunde ist dies Wortklauberei.

Wichtig ist, dass die organisatorischen, baulich-technischen und personellen Schutzmaßnahmen wenn irgendwie möglich aus Kostengründen genau in dieser Reihenfolge umgesetzt und auch an die Gefährdungsbeurteilung angepasst werden. So sind beispielsweise die Maßnahmen des Identitätsschutzes oder des Krisennotfallprogramms als kostenneutral, aber auch am wertvollsten darzustellen.

Ob eine behördliche Gefährdungseinstufung beantragt werden soll, muss jeder Sicherheits-Verantwortliche in Absprache mit der Schutzperson entscheiden. Vorteile sind die höhere behördliche Priorität sowie einige bessere Zugangsgenehmigungen und die steuerliche Absetzbarkeit der Maßnahme. Nachteile sind die Öffnung der Maßnahme nach außen und bei Nichteinstufung die Gefahr, dass das Sicherheitsbewusstsein der
Schutzperson nachlässt. Eines jedoch bleibt klar: Letztlich entscheidet die Schutzperson, gegebenenfalls auch subjektiv, über die Maßnahmen, denn: Wer zahlt, bestimmt, was und wie die Empfehlungen umgesetzt werden. So ist es möglich, dass in einer als Gefährdungsstufe 3 eingestuften Maßnahme unmittelbarer Personenschutz für die Kinder gewünscht wird, obwohl dies eine formal nicht angepasste Schutzmaßnahme wäre.

Fazit

Unabhängig von einer behördlich beantragten Gefährdungseinstufung sollten sich alle Schutzmaßnahmen (organisatorisch, technisch und personell) immer adäquat zur Gefährdungseinschätzung bewegen. Die subjektiven Sicherheitswünsche der Schutzperson fügen sich dann in ein passendes Gesamtkonzept ein.

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