Wenn ein Mitarbeiter an seine Grenzen stößt

22.11.2018 Prävention

PTBS werden nur zögerlich und partiell in ihrem Ausmaß erkannt

PTBS - eine nur zögerlich und partiell erkannte KrankheitFoto: pixabay

Jeder kann Zeuge eines schweren Unfalls oder einer Gewalttat werden. Solche Erlebnisse sind nicht selten ein Einschnitt in die Psyche eines Menschen . Aber auch Bedrohungen, tägliche Angriffe und verletzende Beleidigungen können tiefe Spuren im Seelenleben eines Menschen hinterlassen. Eine Rangliste der Berufe, die solchen Belastungen besonders ausgesetzt sind, gibt es offensichtlich nicht. Gemeinhin bekannt ist, dass Polizei, Feuerwehr und medizinische Ersthelfer ganz oben auf der Skala stehen. Genauso ist unbestritten, dass täglich Menschen, die im Führerstand von Schienenfahrzeugen stehen, mit Suiziden konfrontiert werden, unbedingt dazu hinzuzurechnen sind. Aber wie sieht es mit den Mitarbeitern der privaten Dienstleister aus?

Wenn man in die Panzerfaust blickt

Sie, die oft aus beruflichen Gründen in der „zweiten Reihe“ und dennoch ganz nahe am Geschehen zu finden sind, stehen weit weniger im Blick des öffentlichen Interesses. Es kann als exemplarisches Szenario gesehen werden, was jüngst bei einer Erfolgsmitteilung der Hagener Polizei noch einmal an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Eine Bande, die über Jahre hinweg Geldtransporter überfallen hatte, war ausgehoben worden. Zu ihrem Vorgehen konnte man in der Presse lesen: „Mit gestohlenen Autos keilten die Täter die Geldtransporter ein und zwangen die Wachleute zum Anhalten. Ohne Vorwarnung beschossen sie dann die gepanzerten Transporter aus Schnellfeuerwaffen. In zwei Fällen wurden die Wachleute auch mit Panzerfaust-Attrappen bedroht. In einem weiteren Fall haben die Ermittler noch nicht klären können, ob es sich nicht doch um eine funktionsfähige Panzerfaust handelte.“ Solche Erlebnisse hinterlassen wohl bei jedem Spuren. Ob sie am Ende zu Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) führen, kann nur durch einen Befund medizinischer Fachleute geklärt werden. Tatsache ist jedoch, dass auch weniger spektakuläre Vorfälle Menschen aus dem seelischen Gleichgewicht bringen können.

Die Bewertung hat sich geändert

Unter dem Begriff „Posttraumatische Belastungsstörung“ sind alle psychischen, körperlichen und psychosomatischen Folgen zusammengefasst, die aus einer extrem belastenden Situation resultieren und den Betroffenen nach einem schockierenden Erlebnis lange Zeit verfolgen und sein Leben negativ beeinträchtigen.

Auf wie viele der 257.000 Beschäftigten im privaten Sicherheitsgewerbe diese Formel zutrifft, lässt sich nicht eruieren. Berufsgenossenschaften und Fachverbände zeigen sich außer Stande, hierzu belastbare Aussagen zu machen. PTBS wurde als echtes Problem noch vor nicht allzu langer Zeit medizinisch infrage gestellt. Der als Psychiatriereformer gelobte Klaus Dörner vertrat noch 2005 in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ die Auffassung: „Posttraumatische Belastungsstörungen sind zu einer Modediagnose geworden. Menschen können nach existentiell einschneidenden Erlebnissen in sehr seltenen Fällen innerlich so zerbrechen, dass sie ihr ganzes Leben lang gezeichnet sind und Hilfe benötigen. Aber dieser an sich richtige Gedanke wird im Augenblick völlig überspannt.“

Da verwundert es nicht, dass diese medizinische Disziplin noch in den Kinderschuhen steckt. Inzwischen wurde Dörner von der Realität eingeholt. Es waren wohl die Militärs, die ihn eines Besseren belehrten. Es waren die Folgen des Afghanistan-Krieges, die PTBS einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machten. 2006 mussten 55 Soldaten, die am Hindukusch ihren Einsatz hatten, wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt werden. Im Jahr 2015 waren es 694 Soldaten. Steigerungsrate ist wohl in erster Linie der gewachsenen Sensibilisierung geschuldet. Aus gutem Grunde ist Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Schirmherrin der Deutschen Traumastiftung. Nicht zuletzt aus volks- und betriebswirtschaftlichen Gründen wird PTBS inzwischen auch auf anderen gesellschaftlichen Gebieten ernst genommen.

Bahn besonders von dem Problem betroffen 

Auch in den Instanzen wie den Gerichten hat sich in jüngster Zeit die Sichtweise auf PTBS geändert. Ein jahrelanger Rechtsstreit, der im August 2017 seinen Abschluss fand, mag als beredtes Beispiel dienen (OVG Bremen, Urteil vom 29.8.2017 - 2 LB 36/169). Kläger war ein Polizeibeamter, der am 7. Februar 2010 als SEK- Mitglied zu einen schwierigen Einsatz beordert worden war. Ein 26-jähriger Mann hatte seine 18-jährige Ex-Freundin in ihrem Elternhaus erschossen, deren Mutter mit der Schusswaffe schwer verletzt und anschließend Suizid begangen. Der Beamte war anschließend in psychotherapeutischer Behandlung. Die Gutachten, die ihm attestierten, durch eine PTBS dienstunfähig zu sein, wurden vom Gericht nicht anerkannt. Das Gericht hatte unter anderem argumentiert, es habe kein „plötzliches Ereignis“ stattgefunden, das eine PTBS ausgelöst habe. Erst nach sieben Jahren wurde der Klage des Beamten vor dem Oberverwaltungsgericht in Bremen stattgegeben.

Die Deutsche Bahn, die mit vielen Folgeerscheinungen gesellschaftlicher Probleme konfrontiert wird – die von alltäglichen Stresssymptomen, über verbale Aggression und Übergriffe bis hin zum Suizid auf den Schienen reichen – hat ein breites Angebot für betroffene Beschäftigte entwickelt. Die Bahn und die auf Trauma-Folge-Störungen spezialisierte Klinik Medical Park Chiemseeblick in Bernau am Chiemsee haben eine  Kooperation vereinbart, um eine entsprechende Diagnostik anzubieten um in besonders schwierigen Fällen Mitarbeitern aus dem ganzen Bundesgebiet zu helfen.

„Grübler“ besonders gefährdet

Die Ursachen von PTBS müssen nicht in einem singulären schrecklichen Erlebnis liegen. Obwohl in solchen Fällen psychische Folgeerscheinungen sehr schnell vermutet werden können. In wissenschaftlichen Studien, in denen die privaten Sicherheitskräfte nach wie vor ein Phantomdasein pflegen, wird auf Ursachen wie auch deren Auswirkungen auf den Menschen eingegangen. Die Ergebnisse können deshalb auch – zumindest in einem gewissen Maße – für die private Sicherheitswirtschaft als Maßstab genommen werden. Das Webportal „Medscape“ verweist auf eine Studie des Autorenteams um Prof. Dr. Anke Ehlers und Dr. Jennifer Wild von der Abteilung für experimentelle Psychologie der Universität Oxford aus dem Jahre 2016, in der der Frage nachgegangen wurde, ob gewisse Personen besonders anfällig für PTBS sind. Sie kommen zu einem auf Notfallsanitäter bezogenem, der noch sicher verallgemeinerbaren interessanten Ergebnis: „Grübler sind gefährdeter!“ Hier aber scheint sich der Teufelskreis zu schließen. Diplom-Psychologe Tobias Teismann von der Ruhr-Universität Bochum hat in seinen Studien die Gefahr des Grübelns definiert. Für ihn sind sie oftmals das erste Symptom einer beginnenden Depression.

Zusammenhang von Vereinsamung und PTBS?

Dies scheint jedoch nur die halbe Wahrheit zu sein. Ob Depression oder nicht, für PTBS scheinen auch gesellschaftliche Entwicklungen den Nährboden zu bereiten. So sei zu beobachten, erzählen Fachleute aus der privaten Sicherheitswirtschaft, dass das gemeinsame Verarbeiten belastender Erlebnisse an Bedeutung verliert. Man setzt sich nicht mehr nach Feierabend in lockerer Runde zusammen, um die Eindrücke zu verarbeiten. Viele Beschäftigte zögen sich nach Dienstschluss in das digitale Eremitentum zurück.

Zu den Folgeerscheinungen, vor allem von nicht therapierten PTBS können bekanntermaßen Aggressionsschübe gehören. Man muss die Konsequenzen für einen privaten Sicherheitsdienstleister und deren Mitarbeiter gar nicht im Einzelnen ausmalen, um sich vorzustellen, was dies für die tägliche Arbeit bedeutet.

Für die Unternehmen der privaten Sicherheitswirtschaft kann die Entwicklung Anlass sein, auf diesem Feld besonders die Sensoren auszufahren. Zum einen sind die bisher gewonnenen medizinischen Erkenntnisse durchaus dazu angetan, eine gewisse Vorgefährdung für PTBS bei Mitarbeitern zu erkennen. Zum anderen ist die Frage angebracht, ob alle belastenden Momente bei einem schwierigen Einsatz hinreichend bedacht sind (zum Beispiel in einer Tätigkeit, in der sich der Mitarbeiter ständigen Anfeindungen und Beleidigungen ausgesetzt sieht) und adäquate Maßnahmen zur Verfügung stehen.

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