Warum so viele Hoffnungsträger das Handtuch werfen

04.09.2018 Sicherheitsdienst

Bei der Ausbildung liegt in der Sicherheitsbranche noch vieles im Argen

Bildquelle: Kadmy / Fotolia

Die Sicherheitswirtschaft ist ein Wirtschaftszweig mit vielen Paradoxien. Auch wenn   der Umsatz 2017 zurückging, die Branche boomt. Nicht zuletzt mehr als eine Viertelmillion Beschäftigte machen dies deutlich. Doch dieses glänzende Fazit hat Schattenseiten. Zahlen und Qualität der Ausbildung von Berufsanfängern zeichnen den Verantwortlichen Sorgenfalten auf die Stirn. 1.143 Verträge für eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit wurden 2017 abgeschlossen – ganze 80 mehr als zehn Jahre zuvor, als die Branche noch 150.000 Beschäftigte zählte. Die 193 Ausbildungsverträge zur Servicekraft für Schutz und Sicherheit, die im vergangenen Jahr abgeschlossen wurden, können der aktuellen Bilanz auch kaum Glanz verleihen. 

Denn es kommt noch schlimmer: 50,6 Prozent der Auszubildenden schmeißen wieder hin. Diese Zahl könne nur minimal nach unten korrigiert werden, betont Frank Schimmel, der dem Arbeitskreis „Fachausschuss Ausbildung“ im Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) vorsitzt. In dieser Zahl kommen auch jene vor, die ihre Ausbildung in dem einen Unternehmen beenden, um sie dann in einem anderen derselben Branche fortzuführen. Aber deren Anteil fällt faktisch nicht ins Gewicht.

Ein Auszubildender auf drei Facharbeiter

Dabei sollte die Lage eigentlich ganz anders aussehen. In einer vor fünf Jahren herausgegebenen Broschüre des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und des BDSW wird für Berufseinsteiger im Sicherheitsgewerbe ein Schlüssel empfohlen, der auf je drei Fachkräfte „ein/e Auszubildende/r“ vorsieht. Schimmel, der in Hamburg eine Fachschule für Sicherheitskräfte leitet, setzt dem gegenwärtigen Ist-Zustand das numerische Soll gegenüber: „Es wird immer davon ausgegangen, dass die Ausbildungsquote bei rund fünf Prozent liegen müsste, dann wären wir bei 10.000 bis 15.000, die wir jährlich ausbilden müssten.“

Von dieser Vorgabe ist die Branche weit entfernt. Seit 2002 haben 12.000 junge Menschen einen der beiden Ausbildungsberufe erfolgreich abgeschlossen. Klagelieder darüber werden allerorts angestimmt, ein gangbarer Weg aus der Malaise aber scheint in weiter Ferne. Umso mehr drängt die Aufgabe, besonders auf diesem Gebiet entscheidende Schritte voranzukommen, um dem gesamten Gewerbe auf absehbare Zeit ein stabiles und fachlich adäquates Rückgrat zu verleihen. „Die hohe Qualität, die in der Sicherheitsbranche absolut erfolgsentscheidend ist, steht und fällt mit der Souveränität und Kompetenz der Beschäftigten“, diese Feststellung des BDSW kann nicht dick genug unterstrichen werden. An ihr muss sich jeder einzelne Ausbildungsgang wie auch die gesamte Ausbildungssituation messen lassen.

Ein Jahr länger billig

Während die Fachkraft für Schutz und Sicherheit, im allgemeinen Verständnis, in der Lage sein soll, selbstständig Maßnahmen zur Sicherung und präventiven Gefahrenabwehr zu planen und zu organisieren, ist die Ausbildung der Servicekraft mehr darauf ausgerichtet, die Einhaltung solcher Vorgaben sicherzustellen.

„Grundsätzlich ist die Ausbildung für die Absolventen/Innen aller Schulzweige offen,  heißt es in der DIHK-BDSW-Schrift, dem ein deutliches „aber“ folgt: „Da die Ausbildung aber auch Nacht- und Schichtarbeit umfasst sowie möglicherweise mobile Dienste geleistet werden, für die ein Führerschein notwendig ist, bevorzugen die Unternehmen volljährige Bewerber/Innen.“ Diese Präzisierung schließt den Sündenfall der Ausbildung bereits ein.

Schimmel schildert mit unmissverständlicher Kritik das Entstehen der gegenwärtigen Praxis. Als der Ausbildungsgang der Fachkraft für Schutz und Sicherheit 2002 eingeführt und ein zweijähriger Lehrberuf werden sollte, hätten die Sozialpartner auf eine dreijährige Ausbildungszeit bestanden. So wurde aus der für zwei Jahre geplanten Ausbildung der Fachkraft für Schutz und Sicherheit ein dreijähriger gewerblich-technischer Lehrberuf mit kaufmännischem Anteil. „Und als wir dann einige Jahre später die Servicekraft für Schutz und Sicherheit etabliert haben, behaupteten alle, dass irgendwann einmal die Ausbildungszahlen kippen würden und wir mehr Servicekräfte als Fachkräfte haben werden“, resümiert Schimmel im Rückblick. Dass es ganz anders gekommen ist, werde von Insidern wie Berufsschullehrern damit begründet, so der Experte, dass ein Auszubildender zur Fachkraft ein Jahr länger als billige Arbeitskraft zur Verfügung stehe. Zweifellos ein denkbar schlechter Start, der kaum vom Gedanken getragen ist, jungen Menschen das Berufsleben als Sicherheits-Fachkraft schmackhaft zu machen. „Es sei skrupellos, auf dem Rücken der mehr oder weniger schutzbefohlenen Auszubildenden, Preise zu gestalten“, heißt es ­– diese Einschätzung unterstreichend – in einer Verlautbarung der Wuppertaler Wach- und Schließ-Gesellschaft.

Leistungsstarke Schulabgänger gefragt

Damit stellt sich unweigerlich die Frage: Wie kommen dann noch junge Menschen zur Sicherheitswirtschaft? Die Branche steht vor dem Problem, dass potenzielle Auszubildende inzwischen ebenso rar geworden sind wie Arbeitskräfte insgesamt. Und die Köder, die ausgelegt werden, sind so verlockend nicht. Hier scheint es angebracht, den Blick für Gründe der hohen Quote an Ausbildungsabbrechern zu schärfen. Für Schimmel ein Themenfeld mit mehreren Facetten.

Für die kommenden Aufgaben benötigen die Unternehmen der Sicherheitswirtschaft eigentlich leistungsstarke Realschüler oder Gymnasiasten. Doch für diese steht in der Regel die Ausbildung im Sicherheitsbereich nicht als Traumberuf an der obersten Stelle ihrer Wunschliste. „Wer hier leistungsstark ist, bekommt in der Regel auch seine Traumausbildung“, konstatiert Frank Schimmel illusionslos. „Deshalb sind wir für viele natürlich nicht die erste Wahl, auch nicht die zweite, möglicherweise die dritte“, fügt er an und macht deutlich, wie weit Anspruch der Wirtschaft und Voraussetzungen der Berufseinsteiger auseinanderklaffen können.

In Dienstkleidung zur Schule

Sind schon die objektiven Ausbildungsbedingungen nicht allzu verlockend, kommen zuweilen unternehmensbedingte Besonderheiten hinzu, über die Frank Schimmel nur den Kopf schütteln kann. Ihm seien Fälle bekannt, so sagt er, wo Auszubildende in Dienstkleidung zum Unterricht in der Berufsschule erschienen sind. Dies war jedoch weniger einem besonderen Stolz auf das Unternehmen geschuldet, als dem Umstand, dass jemand auf Abruf die Schulbank drückte. Ebenso sei es keine Seltenheit, dass betriebliche Engpässe auf Kosten des Berufsschulbesuches gehen. Zwar solle man nicht alle derartigen Vorkommnisse über einen Kamm scheren, sagt der Hamburger Experte, jedoch seien Auswüchse anzuprangern.

Frage: Werden die Auszubildenden ausgenutzt? „Ja, sie werden ausgenutzt! Das ist schon am Beispiel Berufsschule zu sehen, wenn sie beispielsweise unentschuldigt fehlen. Es gibt Betriebe, die halten es noch nicht einmal für nötig, ihre Auszubildenden bei der Berufung abzumelden. Da kann natürlich mal ein positives Ereignis, wenn eine Firma einmal im Jahr ein großes Event abzusichern hat, dazu führen, dass der Auszubildende der Berufsschule fernbleibt. Das ist einzusehen, denn die betriebliche Aufgabe könne für ihn durchaus sehr lehrreich sein. Das befreit aber den Betrieb nicht davon, die Berufsschule zu informieren. Es geht aber nicht so, dass die Firma einfach sagt, das machen wir mal so. Die Berufsschule muss meines Wissens zustimmen.“

Ein faules Ei verdirbt den ganzen Brei

Die Liste der Verstöße gegen die Regeln einer fachgerechten Ausbildung ist lang. Da gibt es Unternehmen, die behaupten, dass die Berufsschulzeit keine Ausbildungszeit sei. „Das ist natürlich Blödsinn“, kommentiert Schimmel. Es seien auch Praktiken bekannt, bei denen der Auszubildende nach der Berufsschulzeit auf der Arbeitsstelle zu erscheinen habe, anstatt seine Hausaufgaben zu machen, und andernorts müssen die Auszubildenden ihr Lehrmaterial selbst kaufen. Dann wiederum gibt es Unternehmen, die ihre Auszubildenden über Monate ein und dieselbe Tätigkeit verrichten lassen, und an anderer Stelle Auszubildende, die schon im ersten Ausbildungsjahr, oft schon nach zwei Monaten eigenverantwortlich als Revier-Fahrer eingesetzt werden. Schimmel hat eine lange Mängelliste parat. Da ist auch vermerkt, dass es Auszubildende gibt, die am Ende des ersten Ausbildungsjahres ihren Ausbilder noch nicht kennengelernt haben.

Es versteht sich von selbst, dass die geschilderten Missstände nicht allen ausbildenden Unternehmen angelastet werden können. Aber wie heißt das deutsche Sprichwort so schön: Ein faules Ei verdirbt den ganzen Brei. Die Schattenseiten werden seit jeher stärker wahrgenommen als die lichten Momente. Dass so viele Hoffnungsträger in der Ausbildung das Handtuch werfen, ist ein ernstzunehmender Indikator.

Neue Wege mit der Ombudsfrau 

Um diese Abbrecherquote zu senken, hat sich der Landesverband Hamburg des BDSW vor Kurzem zu einem interessanten und vielversprechenden Schritt entschlossen. Die gelernte Bürokauffrau und Fachkraft für Schutz und Sicherheit, Johanna Reidt, wurde zur Ombudsfrau. Diese neu geschaffene Funktion ist Teil einer „Exzellenz-Initiative“, die gemeinsam durch den BDSW, den ASW Nord, die Gewerkschaft, die Handelskammer Hamburg und die Berufsschule 27 eingesetzt wird. „Die Auszubildenden können der neutralen Ombudsfrau ihre Probleme in den Betrieben schildern und dann gemeinsam mit ihr und gegebenenfalls dem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule eine Lösung suchen“, erläuterte der Vorsitzende der Landesgruppe Hamburg des BDSW, Jens Müller, diese, bisher einzigartige Maßnahme. Wer bei der „Exzellenz-Initiative“ mitmachen will, muss sich verpflichten, seinen Azubis beispielsweise überbetriebliche Ausbildungskurse anzubieten und einen Meister für Schutz und Sicherheit beschäftigen, der die Lehrlinge betreut.

Persönliche Kontakte oft ausschlaggebend

Auf welchen Wegen kommen also junge Leute zu einem Beruf, der in der öffentlichen Meinung noch immer um Anerkennung ringen muss? „Das Interesse an einer Ausbildung in der privaten Sicherheitswirtschaft entsteht beispielsweise durch einen Erstkontakt bei Großveranstaltungen, durch Medien und Berufsinformationszentren“, sagt Andreas Brink, Geschäftsführer des Westdeutschen Wachdienstes (s. a. Kasten). Die Branche ist also zu einem Gutteil ihr eigener Werbeträger.

Verschiedene Aspekte fließen hier zusammen. Sie reichen von den Bedingungen wie den Arbeitszeiten, Einsatzorten und das Arbeitsklima über die gesellschaftliche Akzeptanz, die Entlohnung bis zu den Entwicklungschancen. Die Anforderungen an die Sicherheitsnovizen sind, um dem künftigen Aufgabenfeld gewachsen zu sein, durchaus beachtlich. Die Neueinsteiger sollen nicht nur die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschen, sie sollen auch die kommunikative Gewandtheit mitbringen, um bei Konflikten deeskalierend eingreifen zu können. Gleichzeitig wird vorausgesetzt, dass auch eine einfache Verständigung in Englisch möglich ist.

Professorin: Die menschliche Seite wahrnehmen 

Dem steht entgegen, dass manche Sicherheitsdienstleister kaum mehr, als einfache Tätigkeiten bieten, was der Entscheidung junger Interessenten nicht förderlich ist. Geschweige denn, eine perspektivische Orientierung zu geben. Diese aber ist dringend geboten.

In der „Huffingtonpost“ wagte vor kurzem Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, einen Ausblick auf die zukünftige Ausrichtung der Sicherheitswirtschaft und damit auf das kommende Aufgabenprofil der Berufseinsteiger. „Natürlich haben wir es auf der einen Seite mit der Abwehr von faktischen Gefahren zu tun“, sagte die Innovationsforscherin, fügte jedoch hinzu, auf der anderen Seite gehe es, „aber auch ganz zentral um psychosoziale Faktoren. Sicherheit ist immerhin auch ein emotionaler Faktor.“ Sie zeigte sich überzeugt, „diese zutiefst menschliche Seite gilt es bewusst zu stärken und als ‚Wert schöpfend‘ wahrzunehmen. Ein Teil der Arbeit in der Sicherheitswirtschaft wird in Zukunft entsprechend weniger mit Technologie, als vielmehr mit Kommunikation und psychosozialen Bedarfen der Kunden zu tun haben. Daneben sehe ich sehr viel Arbeit durch die zunehmende Digitalisierung auf die Branche zukommen.“

Lehrberuf Unternehmenssicherheit

Deutlich attraktiver zeigen sich die Chancen, die Berufseinsteigern in Betrieben winken, welche den Nachwuchs für die eigene Unternehmenssicherheit ausbilden.

Dies bestätigt auch Matthias J., 41-jähriger Meister für Schutz und Sicherheit beim Automobilzulieferer Hella in Lippstadt, der bereits seit 23 Jahren auf dem Gebiet der Sicherheit tätig ist. Für ihn erfolgte der Einstieg in den Beruf bereits „während der Schulzeit als Nebentätigkeit und wurde während der universitären Ausbildung fortgeführt.“ Die Motivation für seinen Einstieg war, wie er betont, „die Suche nach einer bezahlten Tätigkeit, die an die Ausbildung flexibel angepasst werden konnte.“ Außerdem waren persönliche Kontakte in den Bereich der Berufswahl entscheidend. Trotz seiner positiven persönlichen Erfahrungen sind ihm die ausschlaggebenden Punkte für die große Abbrecherquote durchaus erklärbar „durch die hohe Flexibilität, die gefordert wird wie die Arbeit zu ungünstigen Zeiten wie am Wochenende und den Schichtdienst, die geringen Einkommensmöglichkeiten, die mitunter geringe soziale Anerkennung in manchen Bereichen als auch das hohe Konfliktpotenzial durch die überwachende Tätigkeit.“

Sein Schützling, Moritz Burkl, 22 Jahre alt und am Ende des zweiten Lehrjahrs seiner Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit, hatte zunächst ein Studium im kaufmännischen Bereich begonnen. Da ihm diese Berufsperspektive nicht ausreichte, entschied er sich für eine Ausbildung als Fachkraft für Schutz und Sicherheit. Ausschlaggebend sei für ihn gewesen, „die in der heutigen Zeit gestiegene Nachfrage an Sicherheit und eine abwechslungsreiche Tätigkeit in Theorie und Praxis.“ Er startete mit Pfortendiensten und lernte dann, wie er angibt, „alle relevanten Prozesse und Abläufe an den verschiedenen Standorten kennen.“ Momentan ist er in der Sicherheitszentrale, dem Herzstück der Sicherheit im Unternehmen eingesetzt. Seine Zukunft sieht er in einem „abwechslungsreichen und spannenden sicherheitsrelevanten Job.“ Und er peilt „den Meister für Schutz und Sicherheit oder diverse Studiengänge wie zum Beispiel Sicherheitsmanagement“ als interessante Perspektiven an. So attraktiv können Ausbildungsplätze sein. Sicherlich auch dem Umstand zu verdanken, dass der Auszubildende in diesem Falle nicht zum Kalkulationsfaktor in einem ruinösen Preiskampf degradiert wird. Ein Plädoyer für eine grundlegende Veränderung.

Viel wird in naher Zukunft darin liegen, inwieweit die Bundesregierung bei der Verabschiedung des angekündigten Sicherheitsgesetzes auch die Lösung der hervorstechendsten Probleme in der Ausbildung anzugehen bereit ist.

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