DIE SICHERHEITSLAGE IN AFRIKA

02.08.2016 Reisesicherheit

Meldungen über Aktivitäten deutscher mittelständischer Unternehmen in Afrika häufen – und widersprechen – sich: „Deutsche Mittelständler entdecken Afrika“ heißt es hier, „Mittelstand verpasst Chance in Afrika“ heißt es da. Einig sind sich freilich alle in einem Punkt: In wirtschaftlicher Hinsicht tut sich was in Afrika. Experten gehen davon aus, dass die Marktdynamik auf dem Schwarzen Kontinent deutlich zunehmen wird.

Der Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Christoph Kannegießer, riet deutschen Unternehmen bei der Vorstellung der Studie „Marktchancen in Afrika 2015 – Potentiale für den deutschen Mittelstand“ im Dezember 2014, sich baldmöglichst in Afrika zu engagieren. Ghana, Marokko sowie Tansania gehörten zu den wirtschaftlichen Aufsteigern der letzten drei Jahre. „Die deutsche Wirtschaft ist zwar auch präsent, hält sich aber in Afrika stärker zurück als in anderen Regionen der Welt“, so Kannegießer. Bislang würden nur etwa zwei Prozent des deutschen Außenhandels mit Afrika abgewickelt, obwohl der Anteil ganz Afrikas an der Weltwirtschaftsleistung rund drei Prozent beträgt. Auch nach dem weitgehend gescheiterten „Arabischen Frühling“ sollten die Länder Nordafrikas nicht abgeschrieben werden. Länder wie Ägypten, Algerien, Marokko und Tunesien würden ihre wirtschaftliche Bedeutung behalten.

Richtig ist, dass sich kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) auf dem afrikanischen Kontinent lange schwergetan haben. Die in Afrika vorherrschenden Marktbedingungen erfordern spezielle interkulturelle und juristische Kenntnisse, ein dickes Finanzpolster sowie viel Geduld und Ausdauer. Dies übersteigt häufig die Kapazitäten mittelständischer Unternehmen. Dennoch ist seit einigen Jahren eine erfreuliche Entwicklung bei den Afrika-Aktivitäten der deutschen Wirtschaft zu vermerken: Nachdem die meisten Großunternehmen den Kontinent für sich entdeckt haben, zieht der Mittelstand nach. Dies passiert häufig im Schlepptau der Großindustrie, wie das am Beispiel von Kfz-Zulieferbetrieben deutlich wird.

Für diese unternehmerische Entscheidung ist vor allem die Frage der Sicherheit von hoher Relevanz. Auch die regelmäßigen Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zeigen den hohen Stellenwert, den deutsche Unternehmen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit in den afrikanischen Ländern beimessen.

Das Institut für Wirtschaftsschutz und Sicherheitsforschung (IWiS) hat in einem Positionspapier die Risiken für deutsche Unternehmen in ausgewählten afrikanischen Ländern beleuchtet, um als Grundlage für eine eventuelle Investitionsentscheidung dienen zu können. Die genannte Studie des Afrika-Vereins dient dabei als Referenzrahmen für die Auswahl der Länder, deren Sicherheitslage dargestellt wird. Die Studie stellt die Top 10 der Länder mit der größten Verflechtung mit der deutschen Wirtschaft dar: Südafrika, Nigeria, Ghana, Marokko, Algerien, Angola, Tunesien, Ägypten, Mosambik, und Tansania. Zusätzlich geht es um Äthiopien, die Elfenbeinküste, Kenia und Namibia, die große Zukunftschancen versprechen.

Neben den Risiken durch Kriege, anderweitig bewaffnete Konflikte und den Terrorismus kommen noch Korruption, schlechte Regierungsführung, unsichere Rechtsverhältnisse, Kriminalität und Seuchen (Pandemien wie AIDS) hinzu. Diese Risiken müssen – gerade von KMUs – gegen die wirtschaftlichen Chancen abgewogen werden. Das Positionspapier korreliert Risiken durch bewaffnete Konflikte, Korruption sowie die Qualität des politischen Systems. Diese Korrelation wird für die bewaffneten Konflikte mit Hilfe des „Conflict Barometer 2014“ des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung vom März 2015 durchgeführt.

Den Angaben über Korruption liegt der „Corruption Perception Index 2014“ (CPI) von Transparency International zu Grunde. Für die Beurteilung der Qualität des politischen Systems mit Blick auf die politischen Rechte und die bürgerlichen Freiheiten, wird der jährliche Bericht „Freedom of the World“ des amerikanischen Think Tanks „Freedom House“ zu Grunde gelegt. Das Positionspapier kommt zu dem Schluss,dass die Sicherheitslage in den 14 afrikanischen Ländern – mit einigen Ausnahmen – als nicht ganz unproblematisch angesehen werden kann. Allerdings existiert eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Bedrohungsintensitäten:

  • Keine Bedrohung: Ghana, Namibia
  • Latente, gewaltfreie Konflikte: Angola (3 an der Zahl)
  • Krisen mit sporadischer Gewalt: Südafrika (1), Marokko (1), Tunesien (2), Mosambik (1), Tansania (1), Äthiopien (2), Elfenbeinküste (2)
  • Schwere Krise mit Einsatz organisierter Gewalt: Algerien (1), Ägypten (1), Kenia (1)
  • Kriege mit massiver und lang anhaltender Gewalt: Nigeria (2)

In dem mit Abstand für die deutsche Wirtschaft wichtigsten afrikanischen Land, in Südafrika, sind die politischen Rahmenbedingen weiterhin stabil. Trotz des signifikanten Rückgangs der Kriminalität bleibt sie aber nach wie vor auf hohem Niveau; hiervon sind aber meist die Wohngebiete der Unterschicht betroffen. Ein gesonderter Personenschutz oder besondere Vorsichtsmaßnahmen sind daher möglicherweise angebracht. Opfer von Gewalt werden zurzeit hauptsächlich Flüchtlinge aus den Nachbarländern, die die Bevölkerung als Konkurrenten um Jobs oder Sozialleistungen ansieht.

Als weitgehend unproblematisch ist die Sicherheitslage in Ghana, Namibia und Angola anzusehen. Der Bürgerkrieg in Libyen – im Zuge des „Arabischen Frühlings“ – hat das Land in einen failed state, einen „gescheiterten Staat“, verwandelt. In der Folge ist Libyen zurzeit kein interessanter Kooperationspartner für die deutsche Wirtschaft. Erstaunlich ist, dass Tunesien und Ägypten die Wirren des „Arabischen Frühlings“ relativ gut überstanden haben und weiterhin interessante Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland pflegen.

Allgemein haben sich die Aktivitäten islamistischer Terrorgruppen in den afrikanischen Ländern beträchtlich ausgeweitet, was nicht als unmittelbare Folge des „Arabischen Frühlings“ anzusehen ist. Allerdings hat der Zerfall Libyens und die vorübergehende Schwächung der Staatlichkeit in Tunesien und Ägypten eine Ausbreitung solcher Gruppen begünstigt. Als große, grenzüberschreitend agierende Gruppen sind hier vor allem diese vier zu nennen:

  • Boko Haram im Norden Nigerias mit Anschlägen und Übergriffen in Niger, Tschad und Kamerun
  • Al-Shabaab in Süd-Somalia mit Anschlägen und Übergriffen in Kenia und Äthiopien
  • Ansar-al-Sharia: Bezeichnung für mehrere in Libyen und Tunesien aktive Terrorgruppen
  • Al-Qaida im islamischen Maghreb ist eine weitverzweigte algerische Terrorgruppe mit Aktivitäten in Libyen, Tunesien, Tschad, Niger, Nigeria, Mali, Mauretanien und Marokko.

In Nigeria erreichen die Konflikte mit Boko Haram die Intensitätsstufe eines regelrechten Kriegs. Die dortige Sicherheitslage gilt aber auch sonst als äußert problematisch. Korruption ist zwar in allen afrikanischen Ländern ein Problem, dennoch gibt es gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Ins obere Drittel der geringsten Korruption schaffte es nur Namibia (Platz 55). Im mittleren Drittel befinden sich Ghana (Platz 61), Südafrika (67) Tunesien (79), Marokko (80), Ägypten (94), Algerien (100), Äthiopien (110) und die Elfenbeinküste (115). Im unteren Drittel sind Mosambik und Tansania (jeweils Platz 119), Nigeria (136), Kenia (145) sowie Angola (161) als Schlusslicht der untersuchten Staaten zu finden.

Nach dem Freedom-House-Index werden die Staaten Ghana, Namibia, Tunesien und Südafrika als „frei“ eingestuft. Die Staaten Marokko, Elfenbeinküste, Kenia, Nigeria, Mosambik und Tansania erhalten die Bewertung „teilweise frei“. Als „unfrei“ werden die Staaten Ägypten, Algerien, Angola und Äthiopien eingestuft.

Das Positionspapier kann kostenlos heruntergeladen werden unter www.iwis-institut.de

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