WER AUF ZEIT SPIELT, RISKIERT ZIVILKLAGEN

02.08.2016 Reisesicherheit

Den Abschlussbericht des britischen Untersuchungsrichters über die Ermordung von sieben Briten während der Geiselnahme in der algerischen Stadt In Amenas war für den BP-Konzern der Beginn einer längeren gerichtlichen Auseinandersetzung um Schadensersatzzahlungen. Seit dem 16. Januar 2016 liegt dem High Court in London eine zivilrechtliche Klage vor – drei Jahre nach dem Terroranschlag. Auch in den USA läuft eine Klage.

Schlussfolgerungen des Untersuchungsrichters Am frühen Morgen des 16. Januars 2013 stürmen Terroristen eine Gasanlage im Südosten Algeriens nahe der libyschen Grenze. Zu dem Betreiberkonsortium gehört auch BP. Neben zahlreichen algerischen Arbeitern halten sich zu diesem Zeitpunkt rund 145 Ausländer dort auf. Bei der viertägigen Geiselnahme und dem Einsatz algerischer Sicherheitskräfte sterben 39 ausländische Mitarbeiter und mehrere Algerier. Nach dem Anschlag nahm die britische Justiz Ermittlungen auf: Wer starb wo, wann und wie? Als der Untersuchungsrichter die Ergebnisse bekannt gab und zumindest Fragen zur Qualität des Sicherheits-Managements aufwarf, war das genau das, worauf die Anwälte gewartet hatten. Deutschen Unternehmen sollte bewusst sein, dass beim gewaltsamen Tod eines seiner britischen
Mitarbeiter die britische Justiz ermitteln wird, ähnlich wie es auch bei anderen Nationen der Fall wäre. Auch die deutsche Justiz untersucht von Amts wegen bei Gewalttaten gegen deutsche Staatsbürger im Ausland (§§ 5 bis 7 StGB). Es ist nicht auszuschließen, dass deutsche Anwälte, Opfer und Hinterbliebene solche Untersuchungsergebnisse als Grundlage für zivilrechtliche Klagen nutzen.

Im Wesentlichen kritisierte der Untersuchungsrichter drei Kernbereiche des Sicherheits- Managements, in denen es seiner Ansicht nach Fehler gegeben habe: Risikoanalyse, Sicherheitsmaßnahmen des Konsortiums sowie die starke Abstützung auf die algerischen Sicherheitskräfte für den Schutz des Gasfeldes.

Risikoanalyse und Lagebewertung

Das britische Außenministerium hatte in einer Reisewarnung zu Algerien dringlich empfohlen, nur dann näher als 50 Kilometer an die libysche Grenze zu reisen, falls es absolut erforderlich ist. Die Gasanlage befindet sich 40 Kilometer von der Grenze entfernt. Der Untersuchungsrichter kam zu dem Schluss, dass die Anwesenheit des jüngsten Todesopfers für das Projekt nicht unabdingbar war. Durch die Kombination des Anschlagsrisikos gegen die Gasanlage mit anderen Gefahren, etwa dem Anschlag auf eine Pipeline, verringerte sich das zu erwartende Schadensausmaß – zumal das Risiko eher in der operativen Auswirkung und weniger im Hinblick auf Menschenleben bewertet wurde. So war das Terrorrisiko am Ende lediglich als „mittel“ eingestuft worden.

Auch der Umstand, dass BP den Bericht einer algerischen Tageszeitung nicht gelesen und verifiziert hatte, der zwei Monate zuvor erschien war, wurde kritisch bewertet. Darin stand, dass die Terrororganisation Al Qaida dabei war, Fotoaufnahmen von petrochemischen Anlagen anzufertigen, um Anschläge vorzubereiten.

Sicherheitsmaßnahmen

Der Untersuchungsrichter kritisierte, dass die Leitung des Konsortiums Empfehlungen desSicherheits-Managements vor Ort nicht umgesetzthatte. So hatte das Haupttor während der Stoßzeiten, zu denen auch der Angriff erfolgte, offengestanden. Dadurch konnte das Vordringen der Terroristen nicht verzögert werden. Die zwölf Wachtürme waren zum Tatzeitpunkt nicht besetzt. Mitarbeiter sollen lediglich bei ihrer Ankunft ein Sicherheitsbriefing erhalten haben, aber kein Sicherheitstraining. Nur selten gab es Notfallübungen. BP konnte keinen Nachweis erbringen, dass die auf dem Papier vorgesehenen motorisierten Streifen in der Nacht vor dem Anschlag unterwegs waren.

Maßnahmen der Sicherheitsbehörden

Auf wenig Verständnis stieß auch, dass das Sicherheits-Management des Konsortiums nicht genau überprüft hatte, ob die Patrouillen der Gendarmerie ausreichen, um eine Annäherung

von Terroristen zu erkennen. BP habe sich zu sehr auf die algerischen Sicherheitskräfte verlassen. Der Angriff auf einen Bus mit Expatriates zu Beginn des Anschlags zeige, dass eine sofortige bewaffnete Gegenwehr erfolgreich sein könne. Es gab in der Nähe zu wenige bewaffnete Sicherheitskräfte. In seinen mündlich vorgetragenen Schlussfolgerungen bemängelt der Untersuchungsrichter,

dass das Management es verpasst habe, die Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen – teilweise aus Kostengründen.

Die britischen Anwälte

In weiten Teilen stützen sich die Anwälte auf die abschließende Kritik des Untersuchungsrichters. Die Anwaltskanzlei Irwin Mitchell führt noch weitere Argumente ins Feld. So habe einer der getöteten Mitarbeiter in einer E-Mail an seine Ehefrau die Sorge um seine Sicherheit ausgedrückt. Ein Sicherheitsmanager habe gekündigt, da er sich nicht mehr im Stande gesehen habe, die Sicherheit zu gewährleisten. Während BP argumentiert, dass der Anschlag nicht vorhersehbar war, sehen die Anwälte auch in einem Streik, der eskaliert und am Vorabend in massive Drohungen gemündet war, einen Grund, der erhöhte Sicherheitsmaßnahmen gerechtfertigt hätte. Auch soll der Schutz anderer Gasanlagen in der Region besser gewesen sein. Die beiden Familien werfen BP vor, nicht die erforderlichen Schritte unternommen zu haben, um die Mitarbeiter zu schützen. Laut den Familienangehörigen habe es im Vorfeld keine Informationen zur tatsächlichen Gefährdung gegeben, die eine Entscheidung der Mitarbeiter für oder gegen
den Aufenthalt erleichtert hätten.

Die jetzigen, verbesserten Schutzmaßnahmen in In Amenas werden von den Klägern als Beleg für Sicherheitsmängel vor dem Anschlag gewertet. Helfen dürfte den Anwälten, dass die interne Untersuchung eines anderen Konsortialmitglieds selbstkritisch zu dem Schluss kam, dass das Sicherheits-Management unzureichend war.

Konsequenzen für Unternehmen

Eine der Kernfragen, die betroffene Familien umtreibt: Hätte der Tod verhindert werden können? Angehörige suchen händeringend nach Antworten. Als Unternehmen auf Zeit zu spielen oder Familien im Unklaren zu lassen, ist häufig erst der Auslöser für Zivilklagen. Dies war der Fall nach dem verheerenden Sprengstoffanschlag auf französische Ingenieure in Karachi und der Entführung eines Kanadiers, dessen damaliger norwegischer Arbeitgeber zu umgerechnet einer halben Million Euro Schadensersatz verurteil wurde.

Risikoanalysen sollten in Bezug auf die Methodik kritisch hinterfragt werden. Das Lagemonitoring muss lokale Medienberichte beachten und in die Beurteilung einfließen lassen. Empfehlungen der Sicherheitsmanager sind schnell umzusetzen, und dies ist auch zu überprüfen. Sicherheitsmaßnahmen sollten auch einem regionalen Benchmark unterzogen werden. Bei einem folgenreichen Zwischenfall sollte es sehr schnell eine interne Untersuchung mit externen Spezialisten geben. Die Familien sind in diesen Prozess einzubinden. Ein professionelles Familienbetreuungskonzept ist vonnöten, auch um Reputationsrisiken zu minimieren.

Die Autoren Pascal Michel und Michael Pülmanns sind Geschäftsführer der auf Risiko- und Krisenmanagement spezialisierten SmartRiskSolutions GmbH.

Zurück