Securitas und Certitudo

26.10.2017

Ein Blick der Kirche auf das Thema Sicherheit

SECURITY insight: Herr Bischof, Sicherheit ist ein Thema, das mehr und mehr unseren Alltag bestimmt. Ist es auch ein Thema für die Kirche?

Dr. Bedford-Strohm: Ich habe kürzlich genau dieses Thema vor der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern ins Zentrum gerückt. Was heißt eigentlich Sicherheit und wie gehen wir mit Sicherheit um? Man kann das Thema gut anhand von zwei lateinischen Begriffen erläutern. „Securitas“ und „Certitudo“. Beides heißt Sicherheit, Gewissheit. Securitas ist die äußere Sicherheit, also der Versuch, uns beispielsweise gegen kriminelle Akte oder gegen Unfälle abzusichern. Certitudo betrifft die Frage, wie wir innerlich mit diesem Thema umgehen: Können wir aus dem Vertrauen leben? Ich sage: es muss das richtige Maß gewahrt werden.

Deshalb die Frage nach dem richtigen Maß: Eher Vertrauensseligkeit oder Bunkermentalität?

Beides ist falsch. Natürlich kann man nicht auf Sicherheit völlig verzichten. Es wäre Leichtsinn, wenn man überhaupt keine Maßnahmen etwa gegen Terrorismus ergreifen würde. Aber umgekehrt gibt es auch ein Zuviel, dann landen wir am Ende beim Polizeistaat. Und selbst dann können wir nicht gewährleisten, dass uns nicht doch etwas zustößt. Eine totale Sicherheit wird es nie geben und kann es auch gar nicht geben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir aus einem inneren Gefühl des Vertrauens leben, das unsere Fähigkeit stärkt, mit dem Rest an Unsicherheit konstruktiv umzugehen.

Ist das nicht Wunschdenken?

Keinesfalls. Ich finde, dass wir viele Beispiele im Umgang mit dem Terrorismus in den letzten Monaten und Jahren gesehen haben, die zeigen, dass das geht. Mich hat sehr beeindruckt, wie die spanische Bevölkerung auf den jüngsten Anschlag in Barcelona reagiert hat. Die überwiegende Stimmung war eindeutig: Lasst uns nicht aus der Angst leben, denn damit würden wir den Terroristen den größten Triumph gönnen.

Sicherheit wird aber auch in der Politik wie in der Wirtschaft zum Schlagwort – und leider auch missbraucht. Wo sollen aus kirchlicher Sicht die Akzente gesetzt werden?

Also es ist in der Tat so, dass mit dem Begriff Sicherheit immer auch Interessen verbunden sind. Das können wirtschaftliche Interessen sein, wie die einer Sicherheitsindustrie, die davon lebt, dass Menschen ein Bedürfnis nach Sicherheit haben. Das kann aber auch ein politisches Interesse sein. Etwa wenn man bestimmte politische Themen pusht, die dann erfolgreich sind, wenn Menschen Angst haben. Das ist der Vorwurf an bestimmte Varianten des Rechtspopulismus, dass er die Angst vor Terrorismus oder dem Islam als ganzer Religion schürt, damit man dann die eigenen politischen Antworten umso besser verkaufen kann. Das muss man aus meiner Sicht kritisch sehen, denn aus der Sicht des christlichen Glaubens ist eben die Angst nicht das Letzte, sondern die Angst ist dann berechtigt, wenn sie vor tatsächlichen Gefahren warnt. Aber sie darf nie überhandnehmen, sonst wird sie zur Hysterie.

Stichwort Angst. Sie wird ja auch benutzt, um Einschränkungen zu propagieren…

… was nicht immer verantwortungsvoll geschieht. Es gibt immer ein Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit. Die Menschenwürde, die im Grundgesetz den Ton angibt, beinhaltet ja auch, dass die persönliche Freiheit der Menschen nur eingeschränkt werden darf, wenn das notwendig ist, um die Freiheit der anderen zu sichern. Deswegen ist es sicher so, dass die Art, wie Menschen Sicherheit gewährleisten, sich messen lassen muss an diesem Kriterium der Menschenwürde. Brutale Methoden, die Menschen im Innern oder auch physisch beeinträchtigen, sind damit nicht zu rechtfertigen, aber auch eine Art von Überwachung, die den persönlichen Freiheitsraum komplett auffrisst, ist aus meiner Sicht damit nicht zu vereinbaren.

Wie wägt man tatsächliche und vermeintliche Gefahr ab?

Dazu kann ich ein eindrucksvolles Erlebnis berichten. In einer Konsultation mit unseren fünfzehn Partnerkirchen auf der ganzen Welt, über Gewalt und den Umgang mit Gewalt, hat jeder Kirchenvertreter von seinem Land berichtet. Da hat zum Beispiel der Präsident unserer Partnerkirche in Honduras berichtet, dass in seinem kleinen Land mit acht Millionen Einwohnern durchschnittlich 20 Morde am Tag begangen werden. Die Polizei sei machtlos dagegen, im Grunde können die Banden relativ frei agieren. Unsere damalige Synodalpräsidentin hat über die Situation in Bayern berichtet. Ich vergesse nie die ungläubigen Gesichter unserer Schwestern und Brüder, als sie von den sechs Morden in der Millionenstadt München sprach, die dort im ganzen Jahr vorher verübt wurden, und dass alle Täter gefasst wurden. Diese Erfahrung, einmal weltweit den Kontext zu sehen, in dem wir uns bewegen beim Thema Sicherheit, das hat mir die Augen geöffnet, wie gesegnet wir hier sind. Und trotzdem leben wir hier immer wieder mit einem Gefühl der Bedrohung und der Gefahr. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns fragen, wie wir aus einem inneren Vertrauen leben können.

Wie lassen sich solche objektiven Gegebenheiten in die Befindlichkeiten der Menschen übertragen?

Ich glaube, dass die Art, wie wir persönlich damit umgehen, eine große Rolle spielt. Religiöse Kraftquellen spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber auch politisch Verantwortliche können sehr unterschiedliche Botschaften aussenden. Ich denke, dass man in Deutschland damit verantwortlich umgeht. Ich erinnere mich an die Stellungnahme von Innenminister de Maizière nach dem Berliner Anschlag auf den Weihnachtsmarkt. Da hat er sehr besonnen reagiert. Und da finde ich, das ist durch die demokratischen Parteien hindurch ein relativ breiter Konsens, dass wir Hysterie nicht schüren dürfen. Trotzdem ist es natürlich so, dass Menschen persönlich, wenn sie Bilder sehen, Angst haben, etwa auf einen Weihnachtsmarkt oder in ein Stadion zu gehen, obwohl die statistischen Wahrscheinlichkeiten eine ganz andere Sprache sprechen.

Trotzdem wächst die Sicherheitswirtschaft rasant. Sie übernimmt immer mehr Sicherungsaufgaben, mit kirchlichem Segen?

Ich glaube, die Security-Branche sollte nicht wichtiger werden als die staatliche Polizei, denn die Polizei ist ja dazu da, dass sie die öffentliche Ordnung garantiert. Die Polizei hat gut geschulte Leute und ist dem staatlichen Auftrag, wie auch den ethischen Kriterien, die damit verbunden sind, verpflichtet. Ich war als Bischof sehr beeindruckt, als ich die Polizeischule in Eichstätt besuchte und gesehen habe, wie die Leute da trainiert werden, wie stark auch ethische Gesichtspunkte und die Frage des verantwortlichen Umgangs mit den Menschen, denen man als Polizist begegnet, in der Ausbildung eine Rolle spielen.

Wie wichtig ist es für Sie, mit der Vergangenheit im Reinen zu sein, wenn man bedenkt, dass der wichtigste Verband der Sicherheitswirtschaft immer noch eine belastete Person als Ehrenvorsitzenden führt?

Ich glaube, dass für alle gesellschaftlichen Organisationen und auch Wirtschaftsunternehmen die Regel gilt, dass der Umgang und die klare Aufarbeitung der dunklen Seiten der eigenen Geschichte nicht Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen innerer Stärke ist. Deshalb kann man nur ermutigen, Verstrickungen in nationalsozialistisches Unrecht offen anzusprechen. Nie so, dass man den Stab über andere bricht, aber immer so, dass man die Gefährdungen der eigenen Institution oder Organisation in der Vergangenheit so wahrnimmt, dass man für die Zukunft daraus lernt. Im Reformationsjubiläumsjahr habe ich öffentlich in einer Zeremonie in der Frankfurter Paulskirche die versammelten Vertreter des Judentums um Vergebung gebeten für die Hassreden Martin Luthers gegen die Juden. Ich bin überzeugt davon, dass das im Sinne Luthers selbst war. Denn die erste seiner 95 Thesen war eine These über die Buße!

Kurzvita Interviewpartner: Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2014 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der EKD und Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
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