Impostoren, Proxy-Ausstellungen und Morphing

20.02.2018

Erster Kriminalhauptkommissar Rolf Fauser, LKA Baden-Württemberg

Security insight: Wir leben in den Zeiten von Fake News. Also die Stunde der Fälscher?

Rolf Fauser: Oftmals braucht man die Fälscher schon gar nicht mehr. Alles was des Betrügers Herz begehrt, bekommt man heute über das Internet, über einschlägige Adressen im Darknet.

Ein großer Markt?

Gewaltig. Ich will nur die Zahlen nennen, die das Bundeskriminalamt zu dieser kriminellen Grauzone veröffentlicht hat. Zur Fahndung ausgeschrieben sind gegenwärtig 700.000 deutsche Reisepässe und 1,4 Millionen Führerscheine. Insgesamt rund fünf Millionen deutsche Ausweise aller Art sind mit der Gefahr des Missbrauchs in dunklen Kanälen verschwunden, ob verloren, gestohlen oder gefälscht.

Wie kommen Sie den Falsch-Dokumenten und deren Abnehmern auf die Spur?

Das ist nicht ganz einfach. Die Wege führen, wie wir sie auch vom Falschgeld kennen, über die Niederlande, über Amsterdam. Da sind sehr professionell arbeitende Fachdealer am Werk, die Fälschung EU-weit verschicken. Die Qualität der Ware – wenn man es so nennen will – ist sehr unterschiedlich. Da reicht das Spektrum von der relativ plumpen Fälschung bis zur Fälschung auf Originaldokumenten, welche beispielsweise als Blankodokumente aus einem Diebstahl stammen.

Also Fälschungen zu Discount-Preisen?

Das würde ich nicht sagen. Für einen gut gefälschten Reisepass müssen schon schnell mal 4.000 Euro hingeblättert werden. Plastikkarten, die einen Materialwert von 50 oder 60 Cent haben, werden für 500 Euro gehandelt. Für die Falsifikat-Dealer ist der Markt sehr lukrativ. Zum Einsatz kommen solche Falschidentitäten bei Gewerbeanmeldungen, bei Kontoeröffnungen, beim Autoverleih oder Autokauf, Sozialamt, Mietvertrag, vom Handykauf bis zum Standesamt, da gibt es eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten.

Hinzukommen noch sogenannte Proxy-Ausstellungen beispielsweise bei Reisepässen. Die gibt es unter anderem in Krisengebieten. Da geht jemand zur Behörde und sagt, mein Name ist xy und dann wird ohne weitere Prüfung das Dokument ausgestellt. In solchen Fällen ist es für uns fast unmöglich, nachzuweisen, dass der Inhaber dieses Passes eigentlich ganz anders heißt. Das ist allerdings kein neues Phänomen. Als erste hat 1996 die deutsche Botschaft in einem schwarzafrikanischen Staat darauf hingewiesen, dass man sich gegen Zuzahlung einen Pass auf jeden gewünschten Namen ausstellen lassen kann.

Damit will ich auf einen Kernpunkt dieses Problems kommen – die Bedrohungen für Unternehmen. Wie können die sich wappnen?

Das ist ein ganz schwieriges Thema. Letztendlich hängt es an demjenigen, dem die falschen Dokumente vorgelegt werden, ob er sie auch als solche erkennt. Ich möchte das Regierungspräsidium Stuttgart erwähnen, dort ist man beispielsweise zuständig für die Approbationen der Ärzte und dort kämpft auch mit dem Problem. Es gibt Bewerber, die haben im Ausland ein paar Semester Medizin studiert und dann ein „bisschen“ Geld draufgelegt und eine Bestätigung für ihren Abschluss erhalten. Dem Dokument, das amtlich ausgestellt wurde, sieht man das nicht an. Da wird der Nachweis einer Fälschung ganz schwierig. Oft ergibt sich der Anfangsverdacht aus Widersprüchen im Lebenslauf, wenn man zum Beispiel entdeckt, dass seine Meldeangaben zum Wohnort nicht zum Studienaufenthalt passen.

Wie können solche Schwindeleien aufgedeckt werden?

Man muss sich schulen und ständig weiterbilden. Ich unterrichte deshalb auch an der Frankfurt School of Finance and Management im Studiengang Certified Fraud Manager genau zu diesem Thema. Dieser Studiengang ist für Bank-Fachleute, die sich dieser Problematik verschrieben haben. Die schauen sich nicht nur verdächtige Kunden in Sachen Betrugsprävention an, sondern befassen sich auch mit den Mitarbeitern, wenn Verdachtsgründe vorliegen. Hier geht es um eine Vorstufe, bei der Polizei und Staatsanwaltschaft noch weit weg sind.

Davon können kleinere Unternehmen nur träumen…

Das heißt nicht, dass die sich nicht schützen können. Bei Betrugsdelikten liegt es mitunter auch an der Qualifikation des Verkaufspersonals, ein gefälschtes Personaldokument zu erkennen. Nicht jede Manipulation ist eine Top-Fälschung, die nur ein Experte mit Spezialgeräten entdecken kann. Manchmal werden bei solchen Betrügereien Personalausweise benutzt, die einfach nur am Computer zuhause zusammengebastelt und dann laminiert wurden. Dort fehlen oft die einfachsten Sicherheitsmerkmale. Wenn ein Mitarbeiter, der mit solchen Dokumenten konfrontiert wird, nicht ein Mindestmaß an Sensibilisierung für solche Falsifikate bekommen hat, haben Betrüger leichtes Spiel.

Gibt es Neuheiten in diesem „Gewerbe“?

Natürlich suchen die Betrüger nach immer neuen Wegen. Da haben wir das Phänomen, das mit dem Begriff Impostor beschrieben wird. Ein Impostor arbeitet mit dem gestohlenen oder überlassenen Dokument einer Person, deren Lichtbild sehr große Ähnlichkeit mit dem Aussehen des missbrauchenden Nutzers aufweist. Besonders bei fremden Ethnien tun sich da viele Europäer mit der Erkennung schwer. Man hat herausgefunden, dass die Anzahl solcher Impostoren relativ hoch ist. Einem BBC-Reporter wurde in Athen, das ist einer der Umschlagplätze für Falschdokumente, nach kurzer Recherche ein echter französischer Reisepass angeboten, bei dem das Originalbild zu 80 Prozent Ähnlichkeit mit dem Konterfei des potenziellen Käufers aufwies.

Apropos Konterfei. Dann muss sich der Kontrollierende eben die Person genauer ansehen – oder?

Auch hier sind die Fälscher auf dem neuesten Stand der Computer-Technik und machen uns das Leben nicht leichter. Ich nenne das Stichwort Morphing. Dahinter steckt eine Software, die aus den Gesichtern zweier sich ähnelnder Personen ein Konterfei „zaubert“. Mit diesem gemorphten Bild lässt sich eine Person ein Dokument ausstellen, mit dem eine andere dann gefahrlos agieren kann. Das Dokument ist ja echt. Dem laienhaften Betrachter fällt es sehr schwer, zu erkennen, dass da eine andere Person dahinterstecken kann. Dem Betrug ist Tür und Tor geöffnet. Wie ernst solche neuen Tendenzen von der Polizei genommen werden müssen, wird daran deutlich, dass das Landeskriminalamt Baden-Württemberg die Stelle eines Sachverständigen für Lichtbild-Vergleiche geschaffen hat.

Gibt die Polizei ihr Wissen zur Prävention auch an die Privatwirtschaft weiter?

Das Angebot besteht selbstverständlich.

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