Im Zweifel für die Unsachlichkeit

20.02.2018

Seit Jahrzehnten ignorieren die Medien die Rolle und Leistungen der Sicherheitswirtschaft. Prinzip?

Regelmäßig werden negative Vorfälle im Sicherheitsbereich in den Medien pars pro toto der ganzen Branche angekreidet. Im Februar dieses Jahres flimmerte in der Primetime, der besten Sendezeit eine Dokumentation über die Mattscheibe, mit dem reißerischen Titel „Sicherheit außer Kontrolle – Das zweifelhafte Geschäft der Sicherheitsdienste“. Der 45-Minuten-Streifen im ARD-Doku-Format „Die Story im Ersten“ hatte sich – wollte man der Website der Millionenpostille „Bild“ Glauben schenken – „mit den unzähligen Sicherheitsfirmen in unserem Land beschäftigt.“ Ein hehrer Anspruch. Eine Viertelmillion Beschäftigte zählt der Wirtschaftszweig inzwischen. Sie sorgen für den Schutz und reibungslosen Ablauf in Kernkraftwerken, im Öffentlichen Personennahverkehr, bei Großveranstaltungen und an unzähligen weiteren Einsatzorten. Ihre Arbeit ist Bestandteil des bundesrepublikanischen Alltags geworden, Defizite gibt es bei der medialen Wahrnehmung. Das hat seine Gründe.

„Only Bad News are Good News“

Der publizierte Blick auf das Sicherheitsgewerbe wird oft mit der Weisheit „only Bad News are Good News“ erklärt. Die Dokumentation im Ersten begann mit einem Vorfall, der sich in den frühen Morgenstunden des 29. Januar 2016 im Schwarzwald-Städtchen Villingen-Schwenningen abgespielt hatte. Die TV-Dokumentation stimmte die Zuschauer mit dramatisch inszenierten Bildern eines Handgranatenwurfes auf einen Container ein, der als Station eines Sicherheitsdienstleisters auf dem Gelände einer Flüchtlingsunterkunft diente. Der Sprengsatz detoniert nicht. Ein Blindgänger. Im Kommentar sagt der Sprecher, die Ermittlungen haben ergeben, zwei Securityfirmen „kämpfen um einen Auftrag, mit mörderischen Mitteln.“ Hier wäre der beste Ansatz für investigativen Journalismus gegeben.

Dieser könnte der Frage nachgehen, welcher unternehmerische Blindgänger glaubt, mit dem Wurf einer Eierhandgranate den großen Wurf für die leeren Auftragsbücher machen können? Die investigativen Filmemacher hätten fragen können, ob es tatsächlich Entscheidungsträger in den Kommunen gibt, die sich bei der Vergabe von Sicherungsaufträgen von einem derartigen Anschlag beeinflussen ließen? Ohne Resultate zum konkreten Fall zu liefern, kommen die Dokumentaristen schon nach zweieinhalb Minuten Sendezeit zum Fazit: „Sicherheitsdienste machen nicht nur in Villingen-Schwenningen die Straßen unsicher.“ Damit wird der Sicherheitsbranche ein Attribut angeheftet, das sonst nur Kriminellen zugeschrieben wird. Die Programmverantwortlichen der ARD, in der Regel nicht der Patronage knallharten Journalismus‘ verdächtig, hatten ganz offensichtlich keine Einwände gegen das äußerst zweifelhafte Branchen-Bashing.

Fernsehrat sprachlos

Damit drängt sich der Verdacht auf, dass die Berichterstattung über das Sicherheitsgewerbe und damit das Bild, das so in die Öffentlichkeit getragen wird, nicht nur Launen oder (Un‑)Fähigkeiten des Pressefußvolkes geschuldet ist. Im Fernsehrat des ZDF saß beispielsweise bis vor kurzem der langjährige Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses und sicherheitspolitische Sprecher seiner Partei, Wolfgang Bosbach (CDU). „Der Fernsehrat kontrolliert das ZDF-Programm und berät den Intendanten in Programmfragen. Zentrale Aufgabe ist es, die Programme und Online-Angebote zu beaufsichtigen“, erläutert das ZDF auf ihrer Website.

Im auffälligen Gleichklang mit den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten befinden sich auch ohne erlauchte Gremien die privaten Mainstream-Medien. So hatte auch „Spiegel Online“ seine griffige Formel für die Mitarbeiter der Sicherheitsdienstleister parat: „Mit Mütze, Taschenlampe und geborgter Autorität: Wenn staatliche Aufgaben an Privatfirmen weitergereicht werden, bewachen Menschen den Rand der Gesellschaft, die selbst am Abgrund stehen.“ (1. Okt. 2014)

Wenn zwei das Gleiche tun…

Ist es eventuell nur den Animositäten geschuldet, die in den Redaktionen gegen das Sicherheitsgewerbe gehegt werden, um die Branche in der Berichterstattung regelmäßig so schlecht abschneiden zu lassen? Die Sicherheitswirtschaft hat inzwischen - was die Personalstärke anbelangt - mit den Polizeien in der Bundesrepublik gleichgezogen. Auch bei der Polizei ließen sich immer wieder dunkle Flecken ausmachen. Hier sei nur der, in einem YouTube-Footage dokumentierte Polizeieinsatz im sächsischen Clausnitz erwähnt, als ein Polizist einen 15-jährigen Flüchtlingsjungen im Würgegriff aus einem Bus zerrt, unter Beifall eines wütenden Mobs. Zurecht nimmt die Presse deshalb nicht generalisierend die ganze Berufsgruppe in Kollektivhaftung. Anders nach den unschönen Bildern von Übergriffen privater Sicherheitsleute im Flüchtlingsheim in Burbach. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es eben noch lange nicht dasselbe.

Ein Blick in die jüngste Geschichte soll die Kontinuität einer widersinnigen Pressearbeit gegenüber den Sicherheitsdienstleistern verdeutlichen. Vor zwei Jahrzehnten kam es zu einem Zwischenfall im Bereich der Luftsicherheit. Am 7. Januar 1997 hatte der Bosnier Salko Loncaric einer behördlichen Anordnung folgend vom Flughafen Berlin-Tegel den Weg nach Wien angetreten, um von dort in seine Heimat zurückzukehren. Kaum hatte das Flugzeug der Austrian Airlines abgehoben, da brachte der 39-jährige Kriegsflüchtling mit zwei Holzknüppeln und einem Küchenmesser die Maschine in seine Gewalt. Der Vorfall verlief glimpflich, niemand kam zu Schaden. Loncaric wollte, so hieß es, damit gegen seine Ausweisung protestieren.

Jahrzehntelange Kontinuität

Die Zeitungen, Funk und Fernsehen aber hatten ihr gefundenes Fressen. Nicht die zahlreichen Ungereimtheiten, die in diesem Fall relativ schnell ans Tageslicht kamen, spornten die Medien an. Es war das Unternehmen, das zu diesem Zeitpunkt gerade sieben Tage die Aufgaben der Luftsicherheitskontrollen durchführte. Noch vier Jahre später, unmittelbar nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center, wurde der Vorfall vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ - mit dem gewohnt verkrampft erhobenen Zeigefinger - gegen die Luftsicherheitsassistenten ins Feld geführt. Die „peinliche Panne von Berlin-Tegel“ belege, so das Blatt, „eine fatale Entwicklung bei der deutschen Flugsicherheit, vor der Polizei und Gewerkschaften seit langem vergeblich warnen: Denn kurz vor dem Fall Loncaric hatte das Personal am Checkpoint gewechselt. Ein privater Sicherheitsdienst hatte mit einer Billigofferte den angestammten Deutschen Schutz- und Wachdienst unterboten. Die neuen Kontrolleure wurden nicht nur schlechter bezahlt, sondern offensichtlich auch schlechter geschult.“

Der Fall wurde nie richtig aufgearbeitet. Vor allem fragte keiner Journalisten, ob es sich hierbei um den Kampf „um einen Auftrag, mit mörderischen Mitteln“ handeln könnte. Interessant sind oft nicht die Fragen, die von den Pressevertretern gestellt werden, sondern die die nicht gestellt werden. Nach der Verurteilung zu sieben Jahren Haft nahm der Flugzeugentführer sich am Jahresende 1997 in der JVA Tegel das Leben, zwei Wochen später verübte der forensische Psychiater, der ihn begutachtet hatte ebenfalls Suizid.

„…überhaupt kein Rechtsstaat mehr“

Die Einstellung zu den privaten Luftsicherheitskontrollen – wie zu den privaten Sicherheitsdienstleistern insgesamt – hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bei einigen Leuten wenig verändert. Da gibt es beispielsweise den Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt. „Er fordert mehr Staatseinfluss auf die Luftsicherheit, die ‚wie ein Pizzadienst organisiert‘ sei“, zitiert ihn die „WirtschaftsWoche“, für die er „der schillerndste deutsche Gewerkschafter“ ist. Kann man es mit Zufall erklären, dass Wendt, obwohl er der Vertreter der kleineren der beiden Polizeigewerkschaften, in einer Gehaltsaffäre ins Zwielicht geraten ist „und zuweilen wie ein AfD-Mann spricht“ („Berliner Zeitung“), eine derartige Präsenz in den Fernseh-Talkshows erlangt? Anfang Februar dieses Jahres durfte er in der Talkrunde bei Sandra Maischberger mit dem Titel „Polizisten - Prügelknaben der Nation“ wieder drastische Worte wählen. Ein Talkshow-Pendent zum Sicherheitsgewerbe ist auch in weiter Ferne nicht zu sehen. Prinzip?

Wieder liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Meinungsmacher der höchsten Etagen an den Querschüssen dieses Saubermannes besonders interessiert sind. Keinem Vertreter der Sicherheitsbranche wird – obgleich dieser zu den brisantesten aktuellen Themen mindesten ebenso wichtige Erfahrungen vermitteln könnte – so viel Sendezeit oder Papier eingeräumt, wie dem DPolG-Lautsprecher. Was würde einem Vertreter des Sicherheitsgewerbes entgegenschlagen, der sich zu einem Satz hinreißen ließe: „Ich kann jeden verstehen, der sagt, dies ist überhaupt kein Rechtsstaat mehr“ (O-Ton Wendt)?

Offiziöses Bild vom „Teil der Sicherheitsarchitektur“

Es kann also festgehalten werden: Das Bild, das in den Köpfen der Öffentlichkeit zur privaten Sicherheitswirtschaft entsteht, ist nicht allein irgendwelchen Radau-Journalisten anzulasten. Sehr viel einflussreichere Kreise sind mit in die Verantwortung zu nehmen.

Wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière und seine Vorgänger perpetuierend die privaten Sicherheitsdienstleister als „Teil der Sicherheitsarchitektur“ bauchpinselten, dann bleibt bei diesen Schmeicheleien ein schaler Beigeschmack. Welches Bild vermittelt die Bundesregierung ihrerseits von diesem „Teil der Sicherheitsarchitektur“?

Fünf Jahre ist ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zur inneren Sicherheit inzwischen alt. In diesem offiziösen Rundumschlag gibt es ein langes Kapitel „Private Sicherheitsdienste“, das den offiziellen Blick der Politik, sprich Regierung auf die Branche widerspiegelt: „Die überwiegende Zahl der Beschäftigten im privaten Sicherheitsgewerbe nimmt ‚einfache‘ Bewachungsaufgaben wahr. Die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung sind im Vergleich zu anderen Berufen schlecht. Häufig werden Aufgaben von sozialversicherungsfreien Aushilfskräften übernommen. Die tariflich vereinbarten Entgelte im Sicherheitsgewerbe liegen regelmäßig erheblich unter denen anderer Branchen.“ Im selben Atemzug wird aber eingestanden: „Das Aufgabenspektrum und demzufolge die Unternehmensstruktur der privaten Sicherheitsdienstleister haben sich grundlegend verändert. Vor 20 Jahren beschränkte sich ihr Tätigkeitsfeld noch auf Dienstleistungen wie Objekt- und Werkschutz, Personenbegleitschutz, Pförtner- und Telefondienste, Fahrzeugbewachung, Geld- und Werttransporte sowie Kaufhausüberwachung. In den vergangenen Jahren sind mehr und mehr hoch spezialisierte Tätigkeiten hinzugekommen. Schutz von Atomkraftwerken, Botschaften und Veranstaltungen (vom Bundesligaspiel bis zur EU-Konferenz), Bahnhof-Security, Alarmüberwachung durch Notrufzentralen mit Alarmverfolgung, Datenschutzmaßnahmen, Videoüberwachung, allgemeine Sicherheitsanalyse und Beratung, Fluggastkontrollen, Bewachung und Management von Asylbewerberheimen, Abschiebegefängnissen und psychiatrischen Anstalten sowie zunehmend Kontrollen des ruhenden Verkehrs und Mautaufsichtsdienste haben sich zu eigenständigen Geschäftsfeldern privater Anbieter entwickelt.“

Die Formel lautet: Insider berichten

Man könnte den Widersinn als digitales Altpapier schreddern, wenn es nicht Material der Bundeszentrale wäre und damit zur Verbreitung in Bildungseinrichtungen oder als Grundlage für die öffentliche Meinung gedacht wäre. Dass sich die Innenminister bis heute weigern, die private Sicherheitswirtschaft in ihr Portefeuille zu übernehmen wird nicht problematisiert. Noch weniger, dass dadurch die regelmäßige Medienschelte an der Branche zwangsläufig bei den politisch Verantwortlichen landen müsste.

Allerdings, sicher ist das auch nicht. Noch einmal das Beispiel Luftsicherheit. Die Luftsicherheitsassistenten versehen ihren Dienst an den Kontrollstellen der Airports im Auftrag der Bundespolizei. Ein Prinzip, das von keiner der beteiligten Seiten infrage gestellt wird. Davon ist jedoch nichts zu spüren, wenn öffentlich-rechtliche Sensationsmache um Aufmerksamkeit buhlt. Der Hessische Rundfunk kündigte im Frühjahr dieses Jahres ein „Feature über mangelhafte Kontrollen an deutschen Flughäfen“ mit der Frage „Sind Reisende an deutschen Flughäfen noch sicher?“ an.

Die Arbeitsbedingungen des Sicherheitspersonals an deutschen Flughäfen, so der Begleittext, seien „mitunter haarsträubend, viele Bedienstete sind schlecht ausgebildet und haben Angst vor der Kündigung.“ Insider berichten dem für „investigative Reportagen“ gelobten Hörfunk-Macher Achim Nuhr „von daraus resultierenden massiven Sicherheitslücken.“ Tatsächlich „gelingt es Testern immer wieder erfolgreich ‚Waffen und Bombenbauteile‘ an der Security vorbei in den Sicherheitsbereich deutscher Flughäfen zu schmuggeln.“ Sicherheit im Luftverkehr ist eigentlich eine hoheitliche Aufgabe von Bundespolizei und Luftsicherheitsbehörden. „Zusammen mit dem Flughafen-Betreiber sind sie für die Unversehrtheit von Passagieren, Personal und Fracht verantwortlich. Um Kosten zu sparen, haben sie die Passagierkontrollen an vielen Flughäfen an private Sicherheitsdienste weitergereicht - mit nicht kalkulierbaren Folgen.“

Ein medialer Vorschlaghammer ist die Verallgemeinerung. Wenn irgendwo etwas schiefläuft, dann wird es der Branche angekreidet. Würde man jedes Fehlverhalten einzelner Polizisten der ganzen Truppe anlasten, ihre Existenzberechtigung stünde ständig zur Diskussion.

Die Sicherheitsdienstleister sind ihrerseits eher medienscheue Wesen, wenn man einmal von einigen publicity-affinen „Personenschützern“ u.ä. absieht. Dabei können sie in Redaktionsstuben durchaus auf wohlwollende, auf Sachlichkeit bedachte Pressevertreter stoßen. „Randale in der Notaufnahme eines Klinikums, Angriff mit einem Blumentopf auf Mitarbeiter des Jobcenters, im Rathaus gab es sogar eine Vergewaltigung auf einer Toilette – auch für Beschäftigte und Besucher in öffentlichen Einrichtungen werden die Zeiten unsicherer. Viele Einrichtungen setzen mittlerweile auf private Sicherheitsdienste – und haben damit gute Erfahrungen gemacht“, schreibt die Wolfsburger waz-online.de. Der Grundsatz „only Bad News are Good News“ ist wohl doch nicht so ehern wie manch einer glauben mag.

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