ZWISCHEN ANSCHLÄGEN, ANLEGERN UND ALLEINHERRSCHAFT

25.01.2017

Unternehmen, die sich in der Türkei engagieren, müssen auf eine Vielzahl von Gefahren vorbereitet sein. Die Türkei beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen. Das Land befindet sich im Konflikt mit mehreren Staaten und Akteuren: Russland, Syrien, Kurden und der Terrormiliz Daesh („Islamischer Staat“).

Blick auf Istanbul – die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Durch diese Konflikte steigt das Sicherheitsrisiko im Land: „Angesichts der Anschläge in Istanbul und Ankara muss in der gesamten Türkei grundsätzlich mit einer terroristischen Gefährdung gerechnet werden“, sagte Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Türkeiexperte an der Universität Duisburg-Essen gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“. Noch aber scheuen sich Politik und Verbände, die Entwicklungen in der Türkei, wie sie sich mit dem Kurs von Präsident Erdoğan anbahnen, mit allen Konsequenzen zu benennen.

Zu sehr miteinander verwoben sind bereits die Beziehungen zahlreicher deutscher Unternehmen mit der aufstrebenden eurasischen Wirtschaftsmacht. „Deutschland ist das führende Herkunftsland von ausländischen Direktinvestitionen in der Türkei, sowohl was die Dauer der Präsenz als auch was die Zahl der beteiligten Unternehmen anbelangt. Derzeit existieren rund 6.000 deutsche Unternehmen bzw. türkische Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Türkei“, listet man im Auswärtigen Amt in Berlin auf.

Schattig-attraktiv

„Deutsche Unternehmen, die seit vielen Jahren vor Ort sind“, beruhigt Jan Nöther, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer, seien „durch verschiedene – auch wirtschaftlich geprägte – Krisen gegangen.“ Sie hätten immer, so der „Wirtschaftsdiplomat“ im Gespräch mit SECURITY insight, „das starke Fundament, das es in den Beziehungen, die es zwischen türkischen und deutschen Unternehmen gibt, gehabt.“ Dies basiere auf langjährigen Kooperationen.

Die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Dekaden sei „eine sehr positive“. Insofern haben, so Nöther, „politische Entwicklungen diese Zusammenarbeit und die Tätigkeit insgesamt nicht signifikant beeinträchtigt.“ Das beachtliche Wirtschaftswachstum hat die Türkei in den vergangenen Jahren für viele deutsche Unternehmen attraktiv gemacht, auch wenn die Schattenseiten unübersehbar sind. „Der türkische Markt bietet erhebliche wirtschaftliche Potenziale, aber auch Risiken, die von Unternehmen nicht beeinflussbar sind“, konstatierte vor kurzem die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.

Doch das Engagement am Wirtschaftsstandort Türkei hat seinen Preis, nicht erst in jüngster Zeit. „Deutsche Unternehmen mit Produktionsstätten in der Türkei haben nach den neuen Bombenanschlägen in Istanbul mit mehr als zwei Dutzend Todesopfern ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärkt“, schrieb das Handelsblatt – im November 2003. Die folgenden Jahre relativer Ruhe haben der Türkei einen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht.

Die vergangen eineinhalb Jahre jedoch haben das Land verändert. Die jüngsten politischen Entwicklungen, die direkt mit der Person von Recep Tayyip Erdoğan in Verbindung gebracht werden, werden in der EU jedoch mit Sorge betrachtet. Sein Vorgehen gegen den so genannten Islamischen Staat (IS) und die Kurden hatten Anschläge im Land zur Folge. Der Konflikt mit Russland hatte einen dramatischen Einbruch bei den Touristenzahlen zur Folge.

Auch aus Westeuropa sind die Touristenströme geringer geworden, eine Folge der Angst vor Terroranschlägen. Die Tourismusbranche – überall auf der Welt ein empfindlicher Seismograf für politische Eruptionen – gilt als erste Leittragende des politischen Klimawechsels in Ankara.

Eine Frage der Perspektive

Betroffen sind auch deutsche Unternehmen. Im März 2016 reisten 12,84 Prozent weniger Ausländer als im Vorjahresmonat in die Türkei, wie aus der Ende April veröffentlichten Statistik des Tourismusministeriums hervorgeht. Die größte Besuchergruppe sind nach wie vor die Deutschen.

Doch auch und vor allem bei ihnen nahm die Zahl um über 17 Prozent ab. Ein Unternehmenszweig zeigt sich empfindlich getroffen. Oryal Ünver, Präsident der Turkish Security Federation, vermag im Gespräch mit SECURITY insight nur in „Ost- und Südost-Anatolien, an der Grenze zu Syrien, dort, wo weiterhin gekämpft wird und die anhaltende Gefahr durch terroristische Organisationen besteht, ein erhöhtes Sicherheitsrisiko“ feststellen. Ganz anders offensichtlich sehen dies jene, die im Fokus des öffentlichen Interesses stehen.

Der deutsche Weltmeister-Fußballer Lukas Podolski macht sich, wie er der Presse anvertraute, nach den jüngsten Terroranschlägen in Ankara offenbar Gedanken über seine Zukunft bei Galatasaray Istanbul. „Acht Terroranschläge binnen eines Jahres haben Podolski, Gomez und Co. verunsichert“, schrieb eine Zeitung am 15. März nicht nur mit Blick auf die deutschen Fußballprofis am Bosporus. Das klingt deutlich anders als die beruhigenden Worte von offizieller Seite, die als Sedativ angesehen werden können.

„Nach dem Selbstmordanschlag in Istanbul kommen Fragen über die Informationspolitik der türkischen Behörden auf“, bemerkte die Wochenzeitung Die Zeit am 19. März dieses Jahres zu den abwiegelnden Verlautbarungen. Ein Argument mehr für Unternehmen, die in der Türkei produzieren oder geschäftlichen Interessen nachgehen, für ihre Lagebewertung unabhängige Beratungsfirmen ins Boot zu holen. Der Rat, auf private Sicherheitsfirmen in der Türkei zu bauen, ist nur mit Vorsicht zu genießen. Lakonisch schreibt Die Welt: „In der Türkei herrscht allgemeine Wehrpflicht – und danach steht jedem ratlosen jungen Türken der Security-Berufsweg offen.“ Gerade für ein Land mit einem so hohen Sicherheitsrisiko kein beruhigender Umstand.

Sinkende Passagierzahlen

Wie erhöhte Risiken auf den Aktienkurs durchschlagen, davon kann Fraport ein Lied singen. Der deutsche Flughafenbetreiber schlägt wegen der Anschlagsserie in der Türkei und den negativen Folgen auf den Tochter-Airport in Antalya inzwischen vorsichtige Töne an. „Wir erwarten am Flughafen Antalya in diesem Jahr einen deutlichen Rückgang“, sagte Fraport-Chef Stefan Schulte gegenüber der Presse.

Der operative Gewinn wird für das laufende Jahr nur noch mit einer Steigerung von bis zu 3,5 Prozent prognostiziert. Voriges Jahr war das Ergebnis noch um gut sieben Prozent auf 849 Millionen Euro gewachsen. Die Anleger reagierten: Die Fraport-Aktie sackte um bis zu acht Prozent ab. Sun Express, die gemeinsame Charterflugtochter von Lufthansa und Turkish Airlines, hat seine Ziele wegen der zunehmenden Angst der Urlauber angepasst.

Auch Germanwings, Condor, Germania und Air Berlin haben teilweise ihre Flugpläne umgestellt. Insgesamt ging die Zahl der Flugbuchungen in die Türkei laut Fachportal Aero Telegraph in den ersten drei Monaten des Jahres 2016 um 35 Prozent zurück.

Taktisch geprägter Umgang mit Risiken

Es ist jedoch nicht nur die Tourismusbranche, die unter der sich zuspitzenden Sicherheitslage in der Türkei leidet. Die bewaffneten Auseinandersetzungen vor allem in den kurdischen Gebieten im Südosten des Landes haben dazu geführt, dass die Region als Hochrisikogebiet eingestuft ist, betont Jan Nöther. „Die Vertreter des Auswärtigen Amtes, die in die Türkei reisen und den Dialog mit den dort ansässigen deutschen Firmen suchen“, so plaudert Nöther aus den Nähkästchen, „sind, was das Beobachten der terroristischen Gefahren anlangt, sehr aktiv.

Wir von der Handelskammer greifen das Angebot gerne auf, um mit Unternehmensvertretern entsprechende Handlungsweisen zu diskutieren.“ Hat man sogar ein wenig Angst vor der eigenen Courage? Die blutigen Anschläge sind schon lange nicht mehr nur auf den Südosten des Landes beschränkt. Es war die Metropole Istanbul, in der elf deutsche Touristen Anfang dieses Jahres bei einem Bombenanschlag ihr Leben verloren. Die Reaktion deutscher Stellen auf die unsicherer werdende Lage im Land stoßen dabei oftmals nicht auf Verständnis offizieller Vertreter der türkischen Behörden.

„In der Türkei war nach der Schließung der deutschen Einrichtungen Kritik laut geworden. Der Gouverneur von Istanbul hatte (…) mitgeteilt, die Maßnahmen würden die türkische Öffentlichkeit ‚negativ beeinflussen‘. Die regierungsnahe Zeitung ‚Sabah‘ nannte die Entscheidung Deutschlands (…) ‚skandalös‘. Diese diene nur dazu, die türkische Bevölkerung nervös zu machen“, bemerkte das Handelsblatt Mitte März dieses Jahres. Ein derart taktisch geprägter Umgang mit Risiken ist nicht unbedingt die beste Voraussetzung für eine gedeihliche Zusammenarbeitet in Sicherheitsfragen.

Ohne die Türkei explizit zu nennen, warnte der Staatsekretär im Innenministerium Günter Krings, dass im Ausland „Interessen und Einrichtungen der Bundesrepublik, aber auch Unternehmen aus Deutschland gefährdet“ seien, nicht nur durch Bombenattentate, sondern „beispielsweise auch durch Entführungen deutscher Staatsbürger“.

Diplomaten werden deutlich

Deutliche Worte findet auch Orhan Topcu, der für die Türkei zuständige Security Manager von Microsoft. Der Sicherheitsspezialist des Software-Konzerns: „Gerade im Hinblick auf die aktuellen Unruhen stellen sich viele Unternehmen die Frage nach der Sicherheit vor Ort für das Unternehmen im Allgemeinen und die dortigen Mitarbeiter.“

Unter Berücksichtigung des Umstands, dass das Auswärtige Amt in Berlin – wie der Präsident des deutschen GeschäftsreiseVerbands, Dirk Gerdom, betont – bei seinen Reisewarnung mitunter diplomatische Zurückhaltung übt, lässt die Feststellung, landesweit „ist weiter mit politischen Spannungen sowie gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen zu rechnen“, an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig.

Jedes Unternehmen, das Fertigungsstätten in der Türkei unterhält, solche plant oder Mitarbeiter mit merkantilem Auftrag das Land bereisen lässt, muss eine hohe Sicherheitsstufe einplanen. Alles andere wäre fahrlässig. Nöther mit einer Bilanz zur Reaktion der Unternehmen auf die augenblickliche Lage: „Wenn wir die aktuelle Situation betrachten, ist zu unterscheiden zwischen Interessenten, Geschäftsreisenden und der vor Ort etablierten Wirtschaft. Wir stellen als Handelskammer fest, dass die gegenwärtige Situation eine gewisse Zurückhaltung nach sich zieht, was Reisen in die Türkei angeht.

Nichtsdestotrotz erfahren die geschäftlichen Entwicklungen nach wie vor eine positive Bewertung. Wenn wir mit Unternehmensvertretern sprechen, die hier vor Ort vertreten sind, so sind die sehr positiv gestimmt, was das laufende Geschäftsjahr betrifft. Wenn wir mit Unternehmen sprechen, die sich im Augenblick mit dem Gedanken tragen, eine Niederlassung zu errichten, oder eine Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen mit ihren Partnern planen, sollen häufig Projekte auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr verschoben werden.“

Microsofts Sicherheits-Verantwortlicher vor Ort, Orhan Topcu: „Die nationalen und internationalen Konflikte werden durch die jetzigen Regierung angefacht – sei es die Pressefreiheit, die Opposition im Lande, die Kurden, der IS oder Syrien – und haben einen wesentlichen Einfluss auf die Sicherheitslage.“

Sicherheit und wirtschaftlicher Erfolg

Unmissverständlich verknüpft Topcu die Sicherheitsmaßnahmen eines Unternehmens mit dem wirtschaftlichen Erfolg: „Aus Sicht der Sicherheit können die richtigen Leute an der richtigen Stelle eine Menge Probleme lösen. Deshalb haben wir Sicherheitsexperten hier. Mit der richtigen Sicherheitsstrategie ist die Türkei ein guter Ort für Geschäfte, da das Land das Tor zum Mittleren Osten und zudem ein riesiger Markt an sich ist.

Wenn Sie die richtigen Sicherheitseinstellungen für Ihr Unternehmen haben, können Sie überall Geschäfte machen. Der einzige Weg erfolgreich zu sein, ist eine gute Sicherheitsstrategie für Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeiter zu implementieren. Wenn Sie das nicht haben, kann dies am Ende zu einer Menge Probleme führen.“

Dabei geraten durchaus renommierte Unternehmen ins Fadenkreuz der Staatsmacht. Das „börsennotierte Familienunternehmen Koc, zu dem die deutsche Traditionsfirma Grundig gehört“, berichtet der Berliner Tagesspiegel, „bekam die Macht des Präsidenten zu spüren. Nachdem der Konzern die Anti-Regierungsproteste im Gezi-Park unterstützt hat, kam es zu Razzien und staatlichen Ermittlungen gegen das Unternehmen – wegen angeblicher Steuerhinterziehung und illegalem Energiehandel.“

Und zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann niemand garantieren, dass die Daumenschrauben nicht noch mehr angezogen werden, um noch weitergehendes Wohlverhalten zu erzwingen. Der Druck auf regierungskritische Medienunternehmen ist inzwischen allenthalben bekannt. Die gegenwärtige Lage in der Türkei verändert auch nachhaltig die Karriereplanung deutsch-türkischer Führungskräfte. Der Osnabrücker Personalberater Dr. Ediz Bökli verzeichnet eine deutliche Zurückhaltung bei Stellenausschreibungen.

Gegenüber SECURITYinsight sagt Bökli, „waren es vor kurzem noch 80 Prozent der Bewerber, die von den Jobangeboten in der Türkei begeistert waren, augenblicklich sind es noch höchstens 50 Prozent.“ Viele der Deutsch-Türken stellen zumindest temporärer ihre Ambitionen zurück, sich in der Türkei eine berufliche Zukunft aufzubauen.

Über die Autoren: Peter Niggl ist stellvertretender Chefredakteur von SECURITY insight. Jan Wenner ist Geschäftsführer der Tango Security & Investigations GmbH mit Büros in Deutschland und Zypern. In seiner Tätigkeit als Assistent Regional Vice President für ASIS International ist Wenner zuständig für die Region 9D (Türkei, Griechenland, Zypern, Mazedonien und Israel).

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