Medizynische Sicherheit?

24.11.2017 Allgemeines

Das Gesundheitswesen zählt zur kritischen Infrastruktur, deshalb sind die Sicherheitsprobleme besonders kritisch

Im Web-Portal „LinkedIn“ war – hier wollen wir wegen der Brisanz genau sein: am 17. September dieses Jahres – ein Jobangebot zu finden. Überschrift: „Schutz- und Sicherheitskraft (m/w) für Krankenhaus gesucht!“ Eingestellt hatte diese Stellenanzeige eine Berliner Jobvermittlung. Im Profil der Anforderungen stand an erster Stelle „die Unterrichtung nach 34a GewO“, die in der Fachwelt als „Sitzschein“ verspottet wird. So weit, so schlecht. Denn im zweiten Punkt der Job-Anzeige wurde es dann „medizynisch“: „Sie haben gute Umgangsformen und wissen, wie man sich gegenüber Kranken verhält.“ Bei der Unterweisung durch die IHK wird die Schutz- und Sicherheitsfachkraft solche Spezialkenntnisse kaum erworben haben. Sei’s drum, gute Manieren haben wir doch alle; also steht der Eignung nichts im Wege. Ist doch unter „Berufserfahrung“ beruhigenderweise „Berufseinsteiger“ vermerkt. Das gibt im Zusammenhang mit den anderen Kriterien keinen Sinn. Interessant aber wird es, wenn man  einen Blick auf das Aufgabenfeld wirft. Es besteht aus drei Punkten, bei denen der an zweiter Stelle für jeden Hobby-Karatekämpfer besonders motivierend sein dürfte: „Sie unterstützen das Krankenhauspersonal bei der Ruhigstellung von schwierigen Patienten.“

Spätestens an dieser Stelle hat die Spaßveranstaltung ein Ende. „Ruhigstellung von schwierigen Patienten“, was verbirgt sich hinter diesem „Aufgabenfeld“? Wäre dies nicht eine Aufgabe von besonders geschultem – und damit natürlich auch teurerem – Fachpersonal. Auch wenn der Security-Mitarbeiter „nur“ unterstützend tätig werden soll, tut er dies in einer Ausnahmesituation. Nicht ohne Grund scheint die Klinikleitung auf die Unterstützung von professionellen Sicherheitsdienstleistern zu verzichten. Man nimmt die „Sicherheit“ lieber in eigene Hände, dafür weniger Geld. Man mag sich die möglichen Folgen gar nicht ausmalen.

Sicherheitsfachkräfte in Krankenhäusern, Kliniken oder anderen Einrichtungen zu beschäftigen, ist eine ebenso sinnvolle Maßnahme, wie auch zeitgemäß geboten. Aber für medizinische Aufgaben und seien es nur unterstützende, sind sie weder ausgebildet noch ist ihr Berufsprofil darauf ausgelegt.

Der mit namhaften Medizinern besetzte Vorstand des Vereins „Gesundheitsstadt Berlin“ sieht ebenfalls die Sicherheitsdefizite, äußert sich allerdings mit der gebotenen Behutsamkeit, wenn er Security im Krankenhaus mit Schutzfunktionen sieht: „Dass Hilfe suchende Patienten ihre Helfer drangsalieren, gilt in Deutschland als vergleichsweise junges Phänomen. Viele Kliniken organisieren deshalb Mitarbeiter-Trainings für einen professionellen Umgang mit aggressiven Patienten, wie sie etwa von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) angeboten werden. Und in immer mehr Kliniken wird es zum Standard, dass sich die medizinische Notversorgung unter den Augen von eigens engagierten Security-Kräften abspielt – insbesondere nachts und am Wochenende.“

Der Schutz des Personals, der von immer mehr Krankenhäusern und Kliniken als Notwendigkeit angesehen wird, ist etwas anderes, als „Ruhigstellung von schwierigen Patienten.“

Kliniken und Krankenhäuser haben ein komplexes Sicherheitsproblem

In den Einrichtungen des Gesundheitswesens lauern auf Patienten Gefahren, die nicht medizinischer Natur sind. Sie bergen eine andere, düstere Seite der Krankenhaus-Realität. Nämlich dann, wenn Mitglieder des Pflegepersonals selbst zu Tätern werden.

Das dramatischste Beispiel geht gegenwärtig durch die Medien. Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. könnte Deutschlands schlimmster Serienmörder sein, das geht aus neuen Erkenntnissen der Ermittler hervor. Am 28. Februar 2015 hatte ihn das Landgericht Oldenburg wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs sowie gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch während dieses Prozesses hat sich der Verdacht erhärtet, Niels H. könnte in seiner Zeit am Klinikum Oldenburg zwischen 1999 und 2002 und am Klinikum Delmenhorst von 2002 bis 2005 für zahlreiche weitere Todesfälle verantwortlich sein. Niels H. konnte zwischen 1999 und 2005 in Oldenburg und Delmenhorst nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft mehr als 90 Patienten töten, indem er ihnen überhöhte Dosen etwa von Gilurythmal gegen Herzrhythmusstörungen spritzte. Möglicherweise sind es mehr als 200.

21.000 Tote pro Jahr?

Rasch wurde betont, dass es sich bei H. um einen Einzelfall handle. Dass dem nicht so ist, wird durch die Statistik belegt. Allein zwischen den Jahren 1975 und 2008 kam es weltweit zu 35 Tötungsserien in Kliniken und Heimen. In 326 Fällen konnte nachgewiesen werden, dass Ärzte oder Pflegepersonal die Kranken umgebracht hatten. Es liegt ein Jahrzehnt zurück, dass ein Pfleger verurteilt wurde, weil er 28 meist hochbetagte und zum Teil schwerkranke Patienten im Krankenhaus von Sonthofen mit einem Medikamenten-Cocktail zu Tode gespritzt hat. Über das wirkliche Ausmaß solcher Taten gehen die Meinungen auseinander. Eine Studie über Patiententötungen in Krankhäusern und Pflegeheimen durch Ärzte und Pfleger sorgt für kontroverse Diskussionen. Wissenschaftler der Universität Herdecke um den Psychotherapeuten Prof. Dr. Karl H. Beine haben hochgerechnet, dass möglicherweise bis zu 21.000 Patienten pro Jahr durch die Hände von Klinikpersonal ums Leben kommen, wie die „Welt am Sonntag“ berichtete.

Auch wenn diese Zahl mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, so sollte sie eher zu einer grundsätzlichen Überlegung Anlass geben: Wie kann das gesamte Sicherheitssystem in Krankenhäusern, Kliniken und Heimen neu organisiert und strukturiert werden? Denn in der Liste der Sicherheitslücken dürfen Übergriffe auf und Diebstähle an Patienten nicht fehlen. Schwerer als der materielle Schaden dürfte der Reputationsverlust für eine Klinik wiegen, wenn sich herausstellt, dass ein Mitglied des Pflegepersonals seine Vertrauensstellung schamlos missbraucht hat. Zum Beispiel hatte ein 23-Jähriger, der als Pfleger im Klinikum Starnberg arbeitete, Patienten die Schlüssel gestohlen und anschließend ihre Wohnungen ausgeräumt. Er war bereits bei ähnlich gelagerten Fällen in München ins Visier der Fahnder geraten, konnte aber nicht überführt werden.

Ebenso schlagen dreiste Langfinger, die von außen kommen auf das Sicherheitsgefühl in den Krankenhäusern zurück, wenn sie sich am Hab und Gut der Patienten auch des Klinikpersonals bedienen. Im Frühjahr dieses Jahres saß ein notorischer Dieb zum dritten Mal wegen solcher Delikte auf der Anklagebank im Amtsgericht Düsseldorf. Seine Opfer waren hilflose, teils todkranke Patienten.

Aufgaben klar definieren

„Es tut sich was im Gesundheitswesen: Mittlerweile verbessern zahlreiche Einrichtungen die Sicherheit ihrer Patienten mit innovativen Projekten und Konzepten“, stellte das „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ jüngst fest. Eines der Mittel, um schneller auf verdächtige Vorgänge in einem Krankenhaus oder Pflegeheim reagieren zu können, ist die Einrichtung einer anonymen Meldeplattform. Der Fall des Mörders Niels hatte gezeigt, dass es bereits früh Verdachtsmomente gab, die Kollegen sich jedoch scheuten, sich mit diesen – noch zu wenig belegten – Mutmaßungen an die verantwortlichen Stellen zu wenden.

Ein wichtiger Schritt in Richtung sicheres Krankenhaus wäre gewiss auch, die Möglichkeiten (und Risiken) des Einsatzes von Sicherheitsfachkräften klar zu definieren. Dies kann nur in Kooperation mit der Sicherheitswirtschaft verbindlich geschehen.

Damit die Sicherheit in Kliniken nicht trügerisch wird, ist ein Sicherheitskonzept dringend notwendig
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