Logistiker nennen erstmals konkrete Schadensumme

23.08.2018 Allgemeines

Wirkliche Schadensverhütung kommt nur schleppend voran / Forderungen an die Ermittlungsbehörden

Pro Jahr werden in Deutschland Waren im Wert von 1,3 Milliarden Euro aus rund 26.000 Lastwagen gestohlen. Das geht aus einer erstmals erstellten Berechnung mehrerer Wirtschaftsverbände unter Beteiligung des Bundesverbands Wirtschaft, Verkehr und Logistik (BWVL) hervor. Das ist leider noch nicht die ganze Wahrheit. Eine qualifizierte Schätzung der „Arbeitsgemeinschaft Diebstahlprävention in Güterverkehr und Logistik“ beziffert den wirtschaftlichen Schaden für den Verbraucher im Jahr 2016 auf 2,2 Milliarden Euro. Die Differenz von 900 Millionen Euro entsteht durch Schäden, die aus Konventionalstrafen für Lieferverzögerungen, Reparaturkosten sowie Umsatzeinbußen und Produktionsausfällen bei den eigentlichen Abnehmern resultieren. Eine Dimension, die es zwingend erforderlich macht, das Thema Sicherheit in der Logistik bei allen Beteiligten ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen. 

Zwar beinhaltet der Koalitionsvertrag einen eigenen Abschnitt „Transport und Logistik“, geht jedoch auf das Problemfeld der Sicherung des Warenverkehrs vor Raub und Diebstahl nur äußerst marginal ein. Zu- und Belieferungen im Just-in-Time- bzw. im Just-in-Sequence-Modus kommen immer häufiger zur Anwendung. Die moderne Lagerhaltung findet auf den europäischen Fernverkehrswegen statt.

Die Gefahr für das Transportgut wie auch das Transportmittel, durch kriminelle Akte abhanden zu kommen, ist unverändert hoch. An diesem Trend ändern auch möglicherweise sinkende Fallzahlen nichts. Wie das Internetportal welt.de Mitte März unter Berufung auf das Hessische Landeskriminalamt meldete, sei die Zahl der angezeigten Fälle von Diebstahl durch sogenannte Planenschlitzer in Hessen von 305 im Jahr 2016 auf 140 im darauffolgenden Jahr gesunken. Die Freude darüber wird sich jedoch in Grenzen halten. Der Schaden, der für das Jahr 2016 auf über 865.000 Euro beziffert wurde, stieg nämlich im Folgejahr um rund 50 Prozent. „Das bedeutet: „Die Diebe haben sich auf wertvollere Waren konzentriert“, so welt.de. Mit den Worten „Der Kampf gegen die Planenschlitzer ist noch nicht gewonnen“, wird Christoph Schulte vom Hessischen Landeskriminalamt von der Deutschen Presse-Agentur zitiert.

Präventive und repressive Maßnahmen

Die Wirtschaftsverbände haben angesichts der Situation jüngst eine gemeinsame Initiative gestartet. Die „Arbeitsgemeinschaft Diebstahlprävention in Güterverkehr und Logistik“ will die Sicherheit der Transportlogistik insbesondere durch höhere Sicherheitsstandards und Investitionen in Ortungstechnik, Diebstahlwarnanlagen, Wegfahrsperren und gesicherte Parkplätze erhöhen. Dass etwas getan werden muss im Logistikbereich ergeben schon die Zahlen, aus denen hervorgeht: In Deutschland gibt es alle 20 Minuten einen Angriff auf den Logistik-und Transportbereich.

Um präventive und repressive Maßnahmen gezielt ergreifen zu können, fordern die Initiatoren zu aller erst von den Ermittlungsbehörden, das Delikt „Ladungsdiebstahl“ statistisch besser zu erfassen. Damit sollen die Voraussetzungen für eine bundesweit einheitliche Anzeigenaufnahme geschaffen werden. Damit soll den Langfingern das Handwerk verleidet oder zumindest erheblich erschwert werden.

Kriminelle Strukturen schwer zu durchschauen 

In der eingangs erwähnten Studie der Wirtschaftsverbände mit dem Titel „Maßnahmen gegen Ladungsdiebstähle“ wird konstatiert: „Gefördert wird diese Form der Kriminalität durch ein geringes Entdeckungsrisiko und einen geringen Fahndungsdruck. Ferner schreckt das Strafmaß, verglichen mit dem potentiellen ‚Gewinn‘ aus der Straftat, die Täter kaum ab. Denn oft sind es keine zufälligen- oder Einzeltaten per Gelegenheit. Täter bzw. Tätergruppen sind hoch organisiert und professionell in der Durchführung. Vielfach handelt es sich um Strukturen, die beginnend mit der Informationsbeschaffung über Insider, bis hin zur Absatzplanung bei Auftragsdiebstählen, organisiert aufgebaut sind. In diesem Zusammenhang ist auf die zunehmende Internationalisierung krimineller Strukturen und auf die zunehmende Bedeutung des Internets - sowohl zu Zwecken der Planung als auch der Durchführung krimineller Machenschaften - hinzuweisen.“

Die kriminellen Strukturen der Logistik-Plünderer sind schwer zu durchschauen und nur durch erfolgreiche Ermittlungsarbeit nachzuweisen. Ein derartiger Fall hat Mitte März sein juristisches Nachspiel vor dem Landgericht Bielefeld gefunden. Einer vermutlich aus vier Tätern bestehenden Diebesbande, die auf Rastplätzen abgestellte Lastwagen ausgeraubt haben soll, ist die Polizei im Spätsommer vergangenen Jahres auf die Schliche gekommen. Zwei der Bandenmitglieder mussten sich nun vor Gericht verantworten, zwei weiteren gelang die Flucht. Den Beschuldigten wird eine Serie von 14 Diebstählen zur Last gelegt, die vermutlich am achten September 2016 in Rheda-Wiedenbrück ihren Ausgang genommen hat.

Täter sehr flexibel 

In einer Zeitungsmeldung wird die Vorgehensweise des räuberischen Quartetts beschrieben wie sie sich vor Gericht darstellte. Ein Täter habe im Auto gesessen, „das zwischen Tankstelle und Rastplatz parkte, und beobachtete, ob eine Polizeistreife auftauchte. Per Funk stand er mit den Komplizen in Verbindung, die sich … in Rheda-Wiedenbrück in ‚Dreierformation‘ einen Sattelauflieger vorknöpften. Ihre Beute waren 519 Monitore im Wert von 140 000 Euro, die sie in einem LKW abtransportierten. Vor Ort rissen sie am 13. September mehrere Kartons eines anderen Lastkraftwagens auf, die Sportschuhe enthielten.“

Wie ebenfalls aus dem Bericht hervorgeht, waren die Täter offensichtlich sehr flexibel und in der Lage, unterschiedlichste Beute profitabel umzumünzen. Ihre Tatorte waren stets Rastplätze, wie der in „Aumühle-Süd, wo sie Computermonitore mit Zubehör im Wert von 419 000 Euro erbeuteten und bei Osnabrück, wo ihnen Spielzeug im Wert von 11 200 Euro in die Finger geriet. In Hamm stahlen sie Medikamente. Im November 2016 zapften sie aus einem LKW an der Raststätte Lipperland-Süd 300 Liter Diesel. Einige Tage später erbeuteten sie Parfüm im Marktwert von 30 000 Euro.“

Wie die Ermittlungen ergaben, schlitzten sie die Abdeckplanen von LKWs auf, um sich ein Bild von der möglichen Beute zu machen. Das Planenschlitzen ist eine der möglichen Vorgehensvarianten der Kriminellen. Auch wenn sie mit der Ladung nichts anfangen können, ist das Beschädigen und damit Zerstören der Lkw-Plane nicht nur lästig, sondern auch mit Kosten verbunden.

Schleppende Unterstützung durch Ermittlungsbehörden 

Es sind aber auch andere Vorgehensweisen der Täter bekannt. Dazu gehört beispielsweise das Ausbaldowern der Wagenladungen durch geschicktes aushorchen des Truckerlenkers oder durch einen Cyberangriff auf das Logistikunternehmen. Unter anderem wird empfohlen, die Fahrer des begehrten Gutes für die Gefahren zu sensibilisieren. Sie sollen darauf achten, ob sich Fahrzeuge auffällig in ihrem Schlepptau befinden. Idealerweise deren Typ und Kennzeichen nebst Route notieren. Ebenso verhält es sich mit Gesprächspartnern an Rastplätzen und Tankstellen. Auch hier ist erhöhte Vorsicht geboten, vor allem wenn sich ein Fremder auffallend für die Ladung interessiert. Diese Maßnahmen mögen sinnvoll sein, sind jedoch in der Gesamtheit der Gefahrenlage kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie in der bereits zitierten Studie festgestellt wird, „beklagen die betroffenen Branchen die eher schleppende Unterstützung durch die Ermittlungsbehörden. Bedingt durch fehlendes Personal, fehlende Vernetzung und fehlende Spezialisierung können Ermittlungen oft nur mit einer großen zeitlichen Verzögerung aufgenommen und weiterverfolgt werden. Die Ermittlungen werden insbesondere erschwert durch unklare polizeiliche bzw. gerichtliche Zuständigkeiten.“

Weit angebrachter scheint es zu sein, den Dieben von vornherein die Pläne zu durchkreuzen. Ein wesentliches Mittel dafür wären geschlossene und durch Personal und Technik bewachte Rastplätze. Doch auf diesem Gebiet hat Deutschland eher den Status eines Entwicklungslandes. Die DKV Euro Service GmbH mit Sitz in Ratingen, führender Tankkarten-Anbieter, weist zum Beispiel für Deutschland auf seiner Website gerademal zwei bewachte Parkplätze (Autohof Wörnitz und Waldshut-Tiengen) aus. Auch wenn es natürlich erheblich mehr bewachte Parkplätze gibt, ist das Netz noch mehr als ausbaufähig. Ein Problem sei, wie die „Mitteldeutsche Zeitung“ dazu bereits vor einiger Zeit bemerkte, „dass festgelegte Pausenzeiten von Lkw-Fahrern selten dort anstehen, wo sich ein sicherer Parkplatz befindet.“

Diese Sicherheitslücke zu schließen, wäre eine Investition, von der viele Seiten profitieren würden. 2,2 Milliarden Euro Schaden sind ein kaum zu widerlegendes Argument.

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