Gefährliche Droh(nen)szenarien

18.09.2018 Allgemeines

Risiken durch Achtlosigkeit und böser Ansicht erfordern eine adäquate Antwort

Nähe die bedrohlich sein kann: Drohnen im AlltagBildquelle: pixabay.de

Allein die Anzahl der UAVs, die am Himmel über Deutschland schwirren, ist Grund zur Spekulation. Hatte die Deutsche Flugsicherung GmbH (DFS) vor einigen Jahren 400.000 Drohnen im Luftraum der Bundesrepublik gezählt, so geistert diese Zahl bis heute durch die Medienberichte. Schon vor rund einem Jahr aber gab das „Drohnen Journal“ süffisant den Denkanstoß: „Sollten Marktteilnehmer tatsächlich auf Basis dieser Zahlen planen – sei es bei Versicherungen, Startups, Banken oder bestehenden Drohnenunternehmen – ist man dazu geneigt, die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen.“ Man müsste die Aufzählung derer, für die eine genauere Zahl von Bedeutung sein muss, auf jeden Fall um die Sicherheitsbehörden ergänzen, denn auch für sie dürfte es nicht uninteressant sein, wie viele dieser kleinen technischen Mücken es gibt, die sich doch schnell zum sicherheitsrelevanten Elefanten auswachsen könnten. „Spiegel online“ wusste dann im Juli 2017: „Warnung der Flugsicherung - Bald eine Million Drohnen in Deutschland“ und damit steige „auch die Gefahr von Unfällen in der Luft.“ Auch hier ist ein Einwurf notwendig. Die Gefahren auf den Luftraum zu beschränken, beweist, dass die Fülle fahrlässigen Fehlverhaltens, wie auch krimineller oder terroristischer Absichten von Drohnen-Piloten nicht in Gänze widergespiegelt werden. Dieser eingegrenzte Blickwinkel ist wohl in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass ein Worst-Case-Szenario wie man es sich bei einem Unfall in der Luftfahrt gut ausmalen kann, besonders Aufmerksamkeit erheischend ist.

Gefährliche Missgeschicke

Oftmals sind es scheinbar unbedeutende Missgeschicke, die bei genauerem Hinsehen Gefahren bloßlegen. Am 28. Januar vergangenen Jahres sendete die Rundfunkstation Bayern 3 eine kurze Verkehrsmeldung: „Achtung, auf der A99 liegt bei Lochhausen eine Drohne auf der Fahrbahn. Das ist so ein Multicopter. Bitte nicht drüberfahren, das ist gefährlich.“ Ganz so lapidar, wie sich dieser Warnhinweis anhörte, war die Angelegenheit aber nicht. Wie eine Regionalzeitung berichtete, musste eine Autofahrerin einem vor ihr bremsenden und die Richtung wechselnden Fahrzeug ausweichen. Wenig später wurde der Frau klar, warum der Wagen vor ihr diese Aktion durchgeführt hatte: Er war einer Drohne ausgewichen. Mit dieser kollidierte dann die Mazda-Fahrerin wenig später. Der Unfall ereignete sich bei einer Geschwindigkeit von etwa 100 Kilometern die Stunde, der Zusammenprall mit der rund 1,2 Kilogramm schweren Drohne verlief aber letztlich glimpflich, da es nur zu verhältnismäßig geringem Sachschaden an der Stoßstange kam, dieser wurde auf etwa 2000 Euro geschätzt. Die Umstände, die zu dem Vorfall führten, konnten wenig später geklärt werden. Der Drohnenpilot hatte sich bei der Polizei gemeldet und angegeben, dass ihm sein Fluggerät aufgrund eines technischen Defekts oder eines Bedienungsfehlers ausgebüxt sei.

Angekündigte Antworten blieben aus

Etwas substantieller befasste sich genau zu diesem Zeitpunkt die Dekra in einer Versuchsreihe mit den Folgen einer solchen Kollision: „Völlig außer Kontrolle geriet eine 1,8 Kilogramm schwere Drohne nach der Kollision mit einem Pkw bei rund 65 km/h. Das Flugobjekt krachte gegen die Windschutzscheibe, stieg danach in beschädigtem Zustand unkontrolliert auf 40 bis 50 Meter Höhe und war nicht mehr steuerbar. Nach dem manuell noch möglichen Stopp der Motoren stürzte das Flugmodell senkrecht zu Boden, so dass es darunter stehende Menschen hätte erheblich verletzen können. Der Test zeigte außerdem, dass, von Beschädigungen der Frontscheibe abgesehen, beim Aufprall auf ein Auto mit einem Schreckmoment beim Fahrer zu rechnen ist, das leicht zu Folgeunfällen führen kann.“ Wohlgemerkt, der Ausgangsgedanke für solche Versuche ist ein fahrlässiges Fehlverhalten des Drohnenpiloten, die Möglichkeiten bei böswilliger Absicht und gezieltem Einsatz werden dabei nicht ausgelotet. Gerade aber auf diesem Gebiet sind die Einsatzmöglichkeiten dieser kleinen, aber immer leistungsfähigeren Fluggeräte erschreckend breit gefächert. Fünf Jahre ist es inzwischen her, dass eine Drohne während einer Wahlkampfkundgebung in Dresden buchstäblich vor der Nase der Kanzlerin eine Bruchlandung hinlegte. Als Reaktion auf den demonstrativen Vorfall war von Seiten des Bundeskriminalamtes angekündigt worden, innerhalb kürzester Zeit wirksame Gegenmittel zu entwickeln. Ein durchschlagendes Ergebnis ist bislang nicht bekannt.

Im Versteck der Anonymität

Dabei sind vergleichbare Szenarien längst in der Theorie durchexerziert und durch praktische Beispiele untermauert. Die Problemstellung ist deutlich. Zum einen zeigt sich, dass Drohnen nicht nur von voyeuristischen Nachbarn eingesetzt werden können, sondern sich bestens dazu eignen, jede Form des Personenschutzes auszuhebeln. Einen unspektakulären, aber sehr bezeichnenden Vorfall nahm die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ im Februar dieses Jahres unter dem Titel „Ferngesteuerte Belästigung aus der Luft“ über einen Vorfall zu berichten, bei dem eine Hundebesitzerin aus Taunusstein beim Ausführen ihres Vierbeiners von einer Drohne verfolgt worden war. „Seit etwa zwei Monaten stellen wir eine Zunahme der Vorfälle mit Drohnen fest“, hatte daraufhin Jennifer Hicker von der Gefahrenabwehrbehörde der Stadt gegenüber dem Blatt bestätigt. Was heute Belästigung ist, kann morgen Bedrohung und übermorgen Angriff sein. Der Urheber der Zudringlichkeit von Taunusstein konnte nicht ermittelt werden. Dies könnte durchaus potentielle Angreifer ermuntern, da sie sich für ihre Hinterhältigkeit im sicheren Versteck der Anonymität wähnen können.

Kleiner Grenzverkehr

Das Problem vorschriftswidrig eingesetzter Drohnen beginnt weit unterhalb der Schwelle des kriminellen Missbrauchs und terroristischer Attacken. Im Spätsommer vergangenen Jahres musste sich ein 35-Jähriger im nordrhein-westfälischen Meschede vor Gericht verantworten. Er hatte nicht nur unerlaubterweise mit einer Drohne Bilder über dem Freiluftbereich des Hüstener Schwimmbades gemacht, sondern musste sich auch noch für Drogenbesitz und Unfallflucht verantworten. Die charakterlichen Eigenschaften des Mannes geben Grund zur Annahme, dass er weder Fahr- noch Flugzeug gesetzeskonform benutzt. Bereits an dieser Stelle ist die Frage erlaubt, wie die Interessen der Öffentlichkeit präventiv geschützt werden können.

Der Fall von Meschede bringt einen zweiten Aspekt ins Spiel, bei dem Drohnen - hier schon in voller krimineller Absicht - zum Einsatz kommen können. Stichwort: Drogen. In den USA, so berichtete beispielsweise die Zeitung „The Telegraph“ im August vergangenen Jahres, musste sich der 25-jährige Jorge Edwin Rivera vor Gericht verantworten, weil er den Drogenschmuggel mittels Drohne als lukrative Geschäftsidee für sich entdeckt hat. Fünf bis sechsmal pro Woche ließ er das Fluggerät aufsteigen und „importierte“ auf diese Weise aus Mexiko Methamphetamine. Die Bosse der mexikanischen Rauschgiftkartelle sind seit langem dafür bekannt, einfallsreiche Drohnen-User zu sein.

Man muss jedoch nicht auf ferne Kontinente ausweichen, um Beispiele für Drohnen-gestützte Kriminalität zu finden. Eine spezielle Nische hat sich bei uns in der Belieferung von Häftlingen mit Rauschmitteln (und anderen verbotenen Utensilien) in Justizvollzugsanstalten entwickelt. Die Berliner Justizverwaltung machte derartige Fälle in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage bekannt. Verhindert wurden diese Lieferungen nicht durch den in der Luftverkehrsordnung festgeschriebenen 100 Meter breiten Sicherheitskordon, in dem das Betreiben „unbemannter Luftfahrtsysteme“ untersagt ist. „Nachhaltig präventive Wirkung für Justizvollzugsanstalten wird allerdings erzielt, indem der Empfang des mittels Drohne ‚zugestellten‘ Gegenstands verhindert wird“, so Justizstaatssekretärin Martina Gerlach (Grüne). Die Idee eines Abgeordneten, man könnte „zum Beispiel den Innenhof in Moabit und andere ausgewiesene Bereiche mit einem engmaschigen Fangnetz überspannen“, wurde jedoch schnell als unpraktikabel verworfen. Es handelt sich keineswegs, wie einer Meldung der Münchener „Abendzeitung“ vom 8. März dieses Jahres zu entnehmen ist, um Einzelfälle: „Zeitweise fast jede Woche werden unbekannte Flugobjekte in der Flugverbotszone über deutschen Justizvollzugsanstalten (JVA) gemeldet. In Bayern wurden zwischen 2015 und 2017 insgesamt 31 unbemannte Flugkörper im Bereich von Gefängnissen gesichtet.“

Lektion für China

Während Drogen und andere „Konsumgüter“, die mittels Multiflügler hinter Gefängnismauern gebracht werden, im allgemeinen noch kein Grund für große Aufregung sind, gibt die wachsende Leistungsfähigkeit der Fluggeräte in anderen Szenarien berechtigten Grund zur Sorge. „Besonders problematisch ist allerdings“, so stellt der Wiener „Standard“ fest, „der Waffenschmuggel, da es auf traditionellem Wege nahezu unmöglich ist, etwa Messer oder Pistolen an Insassen zu ‚liefern‘.“

Prinzipiell gilt also, alles was am Boden mit festen Grenzen und Umzäunungen gesichert ist, bietet einen Einsatzraum für Drohnen. Das mussten auch die Behörden in China, dem Land, das die Nummer eins in der Herstellung von Drohnen ist, zur Kenntnis nehmen. Zollbeamte des Distrikts Shenzhen, der an die Enklave Hongkong grenzt, verhafteten unlängst eine Gruppe von 26 Verdächtigen, die beschuldigt werden, mittels Drohnen Smartphones im Wert von 500 Millionen Yuan (ca. 65 Millionen Euro) aus Hongkong eingeschmuggelt zu haben.

Wenn simples Mehl zur Gefahr wird

Der Missbrauch von Multicoptern ist ein Problem, das landauf landab die Zeitungsspalten füllt. Meist geht es darum, dass sich Menschen in ihrer Privatsphäre gestört fühlen, aber auch (den Gaffern ähnlich) die Neugierde bei Unfällen gestillt wird. Zum Teil sogar mit Behinderungen für die Helfer. Denkt man dieses lästige Alltagsdelikt etwas weiter, wird schnell erkennbar, dass darin auch die Möglichkeiten gezielten ausspionierens und sogar des Attackierens antizipiert wird. Vereinfacht gesprochen, auf diesem Wege kann man auch den Personenschutz auf dem Boden spielend umgehen oder besser überfliegen.

Noch dramatischer muss die Möglichkeit eingestuft werden, mit einem UAV eine Menschenmenge zu attackieren. Im Internet findet man Gedankenspiele, was wohl passieren würde, wenn über einem vollbesetzten Fußballstadion eine Drohne auftaucht und plötzlich weißes Pulver auf die Menschen herabrieseln lässt. Es könnte simples Mehl genauso wie chemischer Kampfstoff sein. Allein die Ungewissheit kann schnell zu einer Panik führen und so könnte selbst das harmloseste Pulver verheerende Folgen haben.

Ende März meldete „Spiegel online“, anlässlich palästinensischer Demonstrationen im Gazastreifen, „dass die israelischen Sicherheitskräfte - auch die Grenzpolizei war am Freitag vor Ort - nicht mehr allein auf Mannschaften am Boden setzten, sondern auch Drohnen zum Versprühen von Tränengas nutzten.“ Ein Menetekel für künftige Droh(nen)szenarien - wo auch immer.

Lösungsvorschläge mit Schwächen

Last but not least: Drohnen als Gefährdung für den Luftverkehr. SECURITY insight hat das  Thema in Heft 1/2018 aufgegriffen. Auf den Luftsicherheitstagen in Potsdam hat sich Björn Reimer, Vertreter der Pilotenvereinigung Cockpit, unter anderem dieser Problematik gewidmet. Er unterstrich noch einmal, dass die Masse einer Sechs-Kilo-Drohne ausreiche, bei einem Flugzeug, das sich mit 300-Stundenkilometern im Landeanflug befinde, „ausreichenden Schaden“ zu verursachen. Meldungen von einem derartigen beinahe Zusammenstoß kamen Ende März aus Neuseeland, wo eine Drohne nur fünf Meter an einer mit 278 Passagieren besetzten Boeing 777, die sich im Landeanflug auf den Flughafen Auckland befand, vorbeigeflogen war.

Angesichts der dramatischen Möglichkeiten eines grob fahrlässigen oder bewusst bösartigen Gebrauchs von Drohnen, sind die bislang bekannt gewordenen Schutz- und Abwehrmaßnahmen eher als bescheiden zu bezeichnen. Der Idee, speziell ausgebildete Greifvögel einzusetzen, die gezielt die Drehflügler aus der Luft holen, scheint in der Wirklichkeit die Luft auszugehen. Wie sollte man auch - ob Prominentenauftritt oder Großveranstaltung - stets die ornithologische Geheimwaffe vor Ort haben? Selbst wenn das Prinzip praktikabel wäre, stellt sich die Frage, wie sollte es bewerkstelligt werden, wenn beispielsweise zehn Drohnen gleichzeitig abgefangen werden müssen? Diese Frage stellt sich nicht nur beim Einsatz von Greifvögeln, sondern auch bei der - ansonsten relativ vielversprechend klingenden - Methode, des Einsatzes von Fangnetzen durch Abfangdrohnen. Auch das Stören oder Unterbinden des Funkverkehrs zur Drohnen könnte einerseits unerwünschte Folgen haben (das außer Kontrolle geratene Fluggerät stürzt ab) oder aber auch völlig wirkungslos sein (wenn das Fluggerät auf das Ziel programmiert, von der Funksteuerung völlig unabhängig fliegt).

An wirklich praktikablen Lösungen zur Drohnenabwehr wird an vielen Stellen geforscht und gearbeitet. Die Zeit drängt.

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