KONFLIKTE IN DEN BETRIEBEN SIND ZU BEFÜRCHTEN

22.12.2016 Allgemeines

Nicht nur Terrorismus ist eine Bedrohung für die Unternehmen – über die Vielschichtigkeit der Gefahren sprach Peter Niggl mit dem stellvertretenden Chefredakteur des ZDF Elmar Theveßen.

Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF und Leiter der Hauptredaktion Aktuelles, ist anerkannter Experte in Fragen des Terrorismus und Extremismus.

SECURITY insight: Herr Theveßen, die Medien überschütten uns täglich mit den Schreckensmeldungen vom Terrorismus des IS. Wie bedroht sind wir und unsere Wirtschaftsstruktur durch den Extremismus?

Theveßen: Ich glaube, es ist ganz wichtig, auch auf andere Extremismen zu achten, als nur auf den Islamischen Staat. Wir haben es momentan quer durch Europa auch mit einem Erstarken des Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus zu tun. Natürlich gibt es auch linksextremistische Aktivitäten, aber das größte Potenzial ist eine neu Art von Rechtsextremismus, die nicht mehr so einfach in das Klischee passt, das man früher so hatte, als man sagte: Das sind Antisemiten, das sind Leute, die die Zeit zurückdrehen wollen in eine Zeit wie wir sie in Deutschland schon einmal hatten. Das sind heute Personen, die der Meinung sind, dass der Staat und seine Institutionen die Demokratie regelrecht verraten und für sich das Widerstandsrecht nach Artikel 20 des Grundgesetzes in Anspruch nehmen. Und die als verbindendes Element die Angst vor Überfremdung und eine Islamfeindlichkeit kultiviert haben. Da hat es eine gefährliche Vernetzung über den ganzen Kontinent gegeben.

Müssen die Sicherheitsverantwortlichen der Unternehmen die Entwicklung besonders verfolgen?

Unbedingt! Es ist sehr gut möglich, dass es in Unternehmen zu persönlichen Konflikten kommt, da das emotional hoch aufgeladene Themen sind. Vor diesem Hintergrund muss man immer damit rechnen, dass es auch Unternehmen zu heftigen Diskussionen und möglicherweise zu einer Dimension der Frontstellungen kommt. Das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen, je mehr wir in Deutschland Zuwanderer haben, weil wir sie auch brauchen, um unser Wirtschafts- und Sozialsystem weiter erhalten zu können. Aber auch regionale Auseinandersetzungen können sich in den Unternehmen niederschlagen. Ich nenne als Beispiel Türken und Kurden, wo sich zurzeit auch in Deutschland heftig etwas aufschaukelt, was dann auch in einem Unternehmen entladen kann.

Das sind seit langem schwelende Spannungen. Kommen aktuell neue hinzu?

Da sind natürlich der Ukrainekonflikt und die Auseinandersetzung mit Russland zu nennen. Wir haben ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit, wo viele Russlanddeutsche auf die Straße gegangen sind, ausgelöst durch einen Vergewaltigungsfall, den es nie gegeben hat. Das zeigt, da ist eine Möglichkeit der Polarisierung vorhanden, wie wir sie in den Jahren zuvor nicht kannten. Russlanddeutsche oder Zuwanderer aus Russland hatten sich relativ gut in die Gesellschaft integriert. Dann hat sich gezeigt, dass neue Konflikte wie der in der Ukraine, ganz neue Möglichkeiten der Mobilisierung schaffen.

Muss man mit einer sinkenden Loyalität rechnen?

Die Frage ist, wie schafft man es, einen Staat zusammenzuhalten, der sich langfristig multiethnisch entwickeln wird und muss. Da wurden mit Sicherheit in der Vergangenheit zu wenige Konzepte entwickelt, die sicherstellen, dass die Solidarität zum deutschen Staat und zu seinen Grundwerten an vorderster Stelle steht. Das rächt sich, wie wir gerade erleben, und hat damit zu tun, dass sich mehr und mehr Menschen als Verlierer, als Abgehängte fühlen. Und dieses Gefühl des Verliererseins – so hat es Barack Obama beschrieben – ist ein Resultat der Globalisierung.

Inwieweit trifft das die Unternehmen direkt?

Das kann tatsächlich ausgelöst werden durch das Handeln des Unternehmens selbst, das kann aber auch ausgelöst werden durch das Handeln des Staates. Wenn jemand beispielsweise nicht damit einverstanden ist, dass das Unternehmen, in dem er arbeitet, sich an Waffenlieferungen an Saudi-Arabien beteiligt, kann das zu einem Sicherheitsrisiko innerhalb des Unternehmens führen. Wir haben Beispiele aus dem islamistischen Bereich, wo Mitarbeiter in der kritischen Infrastruktur wie Atomkraftwerken gearbeitet haben. Hier wurde die Gefahr teilweise nicht ausreichend beachtet. Ich verweise auf den Fall eines in Syrien getöteten Mannes. Er hatte drei Jahre als Techniker im belgischen Atomkraftwerk Doel gearbeitet, wo man nicht mitbekommen hat, wie er sich radikalisiert hat.

Ein Einzelfall?

Ein zweites Beispiel. Am 5. August schaltete sich ein Meiler von Doel automatisch ab, nachdem 65.000 Liter Schmieröl ausgelaufen waren. Es stellte sich heraus, dass es Sabotage war.

Wo sehen Sie neben den Kernkraftwerken die Achillesfersen der Wirtschaft?

Alles was mit Verkehr zusammenhängt, da haben wir ja auch wie in Berlin Anschläge aus der linksextremistischen Szene auf den Sund U-Bahn-Verkehr, die man vielleicht in der Öffentlichkeit gar nicht so wahrnimmt. Bei denen aber versucht wird, mit Anschlägen auf die technischen Netzwerke den Personennahverkehr über längere Zeit nachhaltig zu stören. Aber auch alles was Güter-Transport betrifft, da sind die Unternehmen auch im Risikobereich. Die Anschläge in diesem Bereich sind allerdings gering, gemessen an der Anzahl mögliche Ziele.

Kernkraftwerke und andere Unternehmen der kritischen Infrastruktur haben ein besonderes Sicherheitssystem. Wie aber können sich kleine und mittlere Unternehmen gegen diese genannten Gefahren wappnen?

Es gibt zwei Wege, die ich empfehlen würde. Das eine ist eine Grundsatzberatung wahrzunehmen, wenn es um Extremismus geht. Die Sicherheitsbehörden bieten solche Beratungen an. Das muss gar nicht eine Eins-zu-eins- Beratung für das jeweilige Unternehmen sein. Das birgt nämlich die Gefahr, dass – wenn es herauskommt – Mitarbeiter denken, sie stünden unter Generalverdacht. Aber es gibt Informationsveranstaltungen die vom Bundesamt oder den Landesämtern für Verfassungsschutz, aber auch vom Bundeskriminalamt angeboten werden.

Der andere Weg ist, wenn emotionale Diskussionen im Unternehmen aufflammen, bei denen man merkt, dass sie Konfliktpotenzial bergen, ein Ventil zu schaffen. Eine Diskussionsveranstaltung ausrichten, eventuell mit einem Impulsreferat, und dann offen darüber diskutieren. Weil manchmal so ein Ventil, bei der die Konfliktparteien ihrer Meinung Luft verschaffen können, nach meinem Dafürhalten geeignet ist, Spannungen abzubauen. Der Erfolg ist sicher nicht absolut messbar, aber es ist eine denkbare Möglichkeit. Auf der Ebene von Schulen hat sich dieser Weg bereits bewährt.

Zurück