MIT KÖRPER UND GEIST AUF DEM SICHEREN WEG

08.08.2016 Awareness

Trotz immer raffinierterer Sicherheitssysteme benennen führende Sicherheitsexperten als größte Sicherheitslücke immer noch einen alten Bekannten: den Menschen. Aufsehenerregende Fälle aus den höchsten Ämtern der deutschen Politik zeigen, dass selbst die besten Sicherheitsvorkehrungen keinen Schutz bieten, wenn die Betroffenen sie nicht nutzen. Da hilft nur eines: Security Awareness aufbauen. Unterstützen könnte dabei, ein „Krav-Maga“-Training zu absolvieren.

In Unternehmen lassen sich die Verursacher von Sicherheitslücken für gewöhnlich in drei Kategorien einordnen:

  • der arglose Mitarbeiter, der unwissentlich oder unbewusst Risiken eingeht
  • der eigennützige, bequeme Mitarbeiter, der zwar weiß, welches Risikoverhalten erwünscht ist, dies aber aus unterschiedlichen Gründen nicht umsetzt
  • der Innentäter, der vorsätzlich handelt und bewusst Schäden herbeiführt.

Security Awareness

Unter „Security Awareness“ versteht man „Sicherheitsbewusstsein“ oder „Sicherheitssensibilität“, also einen kognitiven Zustand, der zu sicherheitssensiblem und sicherheitskonformem Verhalten führen kann. Um dieses Bewusstsein (weiter) zu entwickeln oder aufrechtzuerhalten, werden unterschiedliche Maßnahmen getroffen.

Gängige Methoden in Unternehmen sind oftmals schriftliche Publikationen, Online-Schulungen, Fachvorträge und Workshops sowie das persönliche Gespräch. Wirtschafts- und Personalpsychologen verweisen für die Nachhaltigkeit der Fortbildungsmaßnahmen auf das Zusammenspiel von Wissen, Wollen und Können. Das heißt: Die Mitarbeiter wissen, was richtiges Sicherheitsverhalten ist, sie möchten sicherheitskonform handeln, und im organisatorischen Umfeld ist dieses grundsätzlich möglich.

Dass sich die Investition in unternehmensweite Security Awareness lohnt – und das nicht nur in Konzernen, sondern auch im Mittelstand –, lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen: Soll das Risiko des Eindringens unberechtigter Personen aufs Firmengelände reduziert werden, ist der Aufbau eines Perimeterschutzes mittels Maschendrahtzaun (bauliche Maßnahme) zielführend. Die Aufrüstung mit Bewegungsmeldern, Alarmanlagen und Videoüberwachung (technische Maßnahmen) erhöhen den Schutz. Der Werkschutz mit Streifentätigkeit und die Ausgabe sichtbar zu tragender Firmenausweise (organisatorische Maßnahmen) runden das Schutzkonzept ab.

Dieser Dreiklang von klassischen Sicherheitsmaßnahmen kann jedoch nicht nachhaltig wirken, wenn die beteiligten Personen nicht über ein Mindestmaß an Security Awareness verfügen. Werden Alarmmeldungen und sicherheitskritische Vorfälle nicht weitergemeldet, interveniert niemand; werden bauliche und technische Anlagen nicht regelmäßig überprüft und gewartet; werden Mitarbeiterausweise genutzt, um auch Unbefugten Einlass zu gewähren – so lassen sich auch die ausgereiftesten Sicherheitsmaßnahmen außer Kraft setzen.

High Reliability Organizations

Um Security Awareness auf organisatorischer Ebene aufzubauen lassen sich die Erfahrungen von „High Reliability Organizations“ (Hoch-Zuverlässigkeits- Organisationen, HROs) nutzen. Zu verstehen sind darunter Organisationen, die trotz hoher potenzieller Risiken eine hohe Sicherheit gewährleisten. Hierunter fallen etwa die Luft-, Raumfahrt und Schifffahrt, die Atomindustrie oder Polizei und Militär. Die Organisationsforscher Weick und Sutcliffe konnten als Pioniere der HRO-Forschung in Falluntersuchungen fünf Handlungsprinzipien beobachten, die allen HROs gemein sind. Diese machen HROs weniger anfällig für Unerwartetes sowie wirksamer im Umgang mit auftauchenden Problemen.

Bei den ersten drei Prinzipien – Konzentration auf Fehler, Abneigung gegen Vereinfachungen und Sensibilität für betriebliche Abläufe – handelt es sich um antizipatorische Eigenschaften, die HROs die Fähigkeit geben, sicherheitskritische Ereignisse frühzeitig wahrzunehmen. Die letzten beiden reaktiven Prinzipien – Streben nach Flexibilität und Respekt vor fachlichem Wissen und Können – befähigen sie zur schnellen Ereignisbewältigung.

Krav Maga

Für die Einführung der HRO-Prinzipien und den Aufbau einer organisationsweiten Sicherheitssensibilität könnten sich in der Praxis, neben den bekannten Awareness-Maßnahmen, Kurse in „Krav Maga“ (hebräisch für „Kontaktkampf“) eignen. Es handelt sich dabei um das offizielle Selbstverteidigungs- und Nahkampfsystem Israels.

Entwickelt hat es in den 1940er Jahren Imi Lichtenfeld. Er wurde 1910 in Budapest geboren und wuchs in Bratislava in einem Elternhaus auf, in dem auf Sport, Recht und Ordnung sowie humanistische Bildung gleichermaßen Wert gelegt wurde. In den 1930er Jahren stellte sich Imi, selbst Jude, mit einer Gruppe junger Juden den faschistischen und antisemitischen Übergriffen auf das jüdische Viertel Bratislavas entgegen.

In zahlreichen Auseinandersetzungen, die der Ausgangspunkt des späteren Krav Maga werden sollten, entwickelte sich aus dem Sportler Imi ein entschlossener und fähiger Nahkampfspezialist. Nach seiner Flucht aus Europa erhielt Imi 1942 die Einreisegenehmigung für Palästina. Hier schloss er sich der vorstaatlichen Hagana-Widerstandsbewegung (der militärische Vorgänger der „Israeli Defense Forces“, IDF) an und unterrichtete die Kämpfer in seinen Fachkenntnissen. Zeitgleich mit der Staatsgründung Israels 1948 wurde er Chefausbilder für körperliche Fitness und Krav Maga an der „School of Combat Fitness“ der IDF.

In seiner 20-jährigen Dienstzeit entwickelte er Krav Maga zu einem eigenständigen, realitätsbezogenen und taktischen Nahkampfsystem weiter und passte es den besonderen Anforderungen der Streitkräfte an. Krav Maga musste leicht zu erlernen und anzuwenden sein. Innerhalb kürzester Zeit musste es die Soldaten auf den erforderlichen Leistungsstand bringen sowie sie mit einem Minimum an Kontrolle und Training aufrechterhalten. Ziel war die Entwicklung eines effizienten und hoch effektiven Nahkampfsystems, dessen Techniken und Taktiken ständig durch die Erfahrungen aus echten Einsätzen optimiert werden.

Nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst begann Imi, mit einigen seiner Schüler das Krav Maga an zivile Bedürfnisse anzupassen und zunächst in Israel zu verbreiten. Innerhalb des gesetzlichen Rechtsrahmens wurde das System auf jedermann (ob weiblich oder männlich, jung oder alt) zugeschnitten. Mittlerweile ist Krav Maga nicht nur fester Bestandteil zahlreicher Militär- und Polizeieinheiten, sondern hat sich auch im zivilen Sektor als moderne und zielorientierte Selbstverteidigung etabliert. Den Trainierenden werden technische, taktische, mentale und physische Fähigkeiten vermittelt, um Konfrontationen frühzeitig zu vermeiden und Ressourcen vorzuhalten, um diese möglichst schnell und unbeschadet zu lösen.

Krav Maga als Security-Awareness-Maßnahme

Die Frage, ob Krav-Maga-Training zur Erhöhung der Security Awareness genutzt werden kann, habe ich im Rahmen meiner Masterarbeit „Das Konzept der Security Awareness und der Einfluss von Krav Maga“ an der DUW Berlin thematisiert. Neben einer fächerübergreifenden Literaturrecherche habe ich dafür Sicherheitsexperten führender deutscher Unternehmen in einer „Delphi“-Befragung in drei Runden interviewt. Die Literaturrecherche ergab, dass sich Krav Maga durch seine einzigartig systematisierten Inhalte und die didaktische Vermittlungsmethode zum Aufbau sicherheitssensibler physischer und psychischer Kompetenzen eignet.

Neben der Fokussierung auf die „Inkubationsphase“ vor sicherheitskritischen Ereignissen ließen sich direkte Parallelen zur üblichen Vorgehensweise von Sicherheits-Verantwortlichen (Gefährdungsanalyse, Risikomatrix) und zu den Prinzipien der HROs erkennen. So werden im Krav Maga gerade die empfohlenen Prozesse auf einer individuellen Ebene vermittelt, um Gefahren richtig einzuschätzen sowie präventiv und situationsbezogen zu bewältigen. Neben der Videoanalyse echter Bedrohungslagen werden in nachgestellten Szenarien das verantwortungsbewusste, verhältnismäßige und zielführende Agieren und Reagieren trainiert.

Hierbei wird auf die Unterscheidung der „Vorkampf-, Kampf- und Nachkampfphase“ Wert gelegt. Während in der „Vorkampfphase“ das eigene „Gefahrenradar“ genutzt wird, um Anzeichen kommender Bedrohung wahrzunehmen und Maßnahmen (Flucht, Deeskalation, Bewaffnung) zu ergreifen, muss in der „Kampfphase“ mit den Mitteln des Kampfes reagiert werden, um zu bestehen. In der „Nachkampfphase“ geht es wiederum um Lagebeurteilung und Anpassung der Maßnahmen (Flucht, Deeskalation, Bewaffnung, Kampf). Nähert sich etwa eine bedrohliche Person, sollte man zunächst seine Positionierung überdenken.

Ist dies nicht ausreichend möglich, sind proaktive Deeskalation oder Stärkung der eigenen Position durch Hilfeersuchen oder Bewaffnung empfehlenswert. Wird der Bedroher zum Angreifer und schlägt zu, muss ein Wechsel in die Taktik der „Kampfphase“ erfolgen. Der Schlag wird mit einer Hand- und Körperverteidigung abgewehrt und ein schneller Konter an verwundbaren Punkten des Angreifers gesucht, um weitere Angriffe zu unterbinden. Ist der Angreifer nicht mehr fähig oder willens, weiter anzugreifen, sucht man im Sinne der „Nachkampfphase“ einen sicheren Ort auf und verständigt die Polizei.

Aus theoretischer Sicht lässt sich die Motivation zu sicherheitsgerechten Verhalten durch Krav Maga weiter anhand der zweiten Stufe der Maslow’schen Bedürfnispyramide (persönliche Sicherheit) sowie der Valenz-Instrumentalitäts- Erwartungswert-Theorie (VIE-Theorie) aufzeigen. Durch die Thematisierung möglicher Bedrohungsszenarien nimmt der Mitarbeiter die individuelle Betroffenheit wahr (Valenz), wird dem eigenen Handeln nach relativ kurzer Trainingszeit eine Schutzwirkung zuschreiben (Instrumentalität) und erkennen, dass er durch das aktive Tun die Lösung der Bedrohungs- oder Angriffssituation beeinflussen kann (Erwartung).

Aus tiefenpsychologischer Sicht kann Krav Maga des Weiteren mit seiner authentischen Geschichte den Kampf gegen unternehmensgefährdende Bedrohungen und Angriffe sichtbar machen, Identifikationspotenzial schaffen und der Unternehmenssicherheit ein „Gesicht“ verleihen.

Obwohl Krav Maga primär das individuelle Sicherheitsbewusstsein adressiert, ist davon auszugehen, dass die Teilnehmer von Krav-Maga-Workshops generell zu Transferleistungen auf die Unternehmensebene fähig sind. Besonders bei der Integration der Workshops in weitere Security-Awareness-Maßnahmen scheint die Transferleistung der grundsätzlichen Prinzipien als sehr wahrscheinlich.

Die Ergebnisse der Literaturanalyse wurden von den befragten Sicherheitsexperten grundsätzlich bestätigt. Als mögliche Barrieren für den Einsatz entsprechender Kurse wurden die öffentliche Wahrnehmung des militärischen und israelischen Ursprungs sowie die fehlende Bereitschaft von Organisationsmitgliedern für physische Trainingsmaßnahmen genannt. Demzufolge identifizierten die Experten als kritische Erfolgsfaktoren die Freiwilligkeit der Kurse, eine zielgruppenspezifische Zusammenstellung als auch passende „Verkaufsargumente“ bei Schlüsselpersonen. Unter der Berücksichtigung dieser Punkte kann somit bestätigt werden, dass Krav Maga als nachhaltige Maßnahme zur Erhöhung der Security Awareness empfehlenswert ist.

Autor Jan Tevini hat neben dem Studiengang zum Diplom-Kaufmann an der Ludwig-Maximilians-Universität München den Masterstudiengang „Sicherheitswirtschaft und Unternehmenssicherheit“ an der DUW Berlin absolviert. Seit 2003 ist er auf verschiedenen Gebieten der privaten Sicherheit tätig und als einer der höchstgraduiertesten Krav-Maga-Experten Deutschlands und Mitglied des „International Instructor Teams“ der größten Krav-Maga-Organisation „Krav Maga Global“ weltweit als Dozent tätig.

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