Fake News gefährden die Sicherheit von Großveranstaltungen

12.12.2017 Event-Sicherheit

Ordnungsdienst und Sicherheit bei Events sind konsequent zu trennen

Das vollmundige Bekenntnis der Terrormiliz Islamischer Staat, Paddock habe in ihrem Namen gemordet, sah keine der Stellen, die mit den Ermittlungen betraut sind, als irgendwie bewiesen an. Das macht die Sachlage jedoch nicht einfacher. Die simple, aber dennoch schwerwiegende Erkenntnis die wohl aus dem Massaker gezogen werden muss, ist die, dass Großveranstaltung um einen weiteren Aspekt der Gefährdung „bereichert“ wurden.

Fast 400 Millionen Besucher

Dass die Sicherung von Veranstaltungen auf eine qualitativ neue Stufe gestellt werden muss, belegt das Projekt „Professionalisierung des Veranstaltungsordnungsdienstes (ProVOD)“ der Bergischen Universität Wuppertal, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für drei Jahre Fördermitteln ausgestattet wurde. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) beteiligt sich daran. In dem vor einem Jahr ins Leben gerufenen und mit 1,4 Mio. Euro. geförderten Projekt soll, so heißt es, der Veranstaltungsordnungsdienst als Teilbranche der Sicherheitswirtschaft erstmals abgegrenzt und soll strukturell vollständig erfasst werden. Für das Jahr 2015 wurden in Deutschland über 3 Millionen Veranstaltungen mit rund 394 Millionen Teilnehmern statistisch erfasst.

Nimmt man den Terroranschlag von Manchester am 22. Mai 2017, bei dem sich ein Selbstmordattentäter, der dem IS zugerechnet wird, nach einem Konzert der US-amerikanischen Sängerin Ariana Grande 22 Besucher mit in den Tod riss und die Amoktat von Las Vegas, muss konstatieren: Großveranstaltungen bieten eine ideale Zielscheibe für Wahnsinnstaten.

Die Anforderungen an das Personal steigen

Die Erkenntnis, dass ein Ordnungsdienst bei Veranstaltungen, besonders jenen, die gerne mit dem Attribut Mega-Event belegt werden, nicht in die Hände von „Gelegenheits-Ordnern“ gelegt werden dürfen, macht sich inzwischen breit. Zu vielfältig sind die potenziellen Gefährdungen, um sie bei einer „Schnellbesohlung“ vermitteln zu können. Der Veranstaltungsordnungsdienst (VOD) wird als Herausforderung erkannt, der die ganze Spannbreite zwischen Durchsetzungsfähigkeit, technisch-organisatorischem Überblick bis zum psychologischen Einfühlungsvermögen abverlangt.

Die Folgen schlechter Organisation von Großveranstaltungen, fast immer vom Veranstalter verschuldet, müssen von den Ordnungskräften ausgebadet werden. Oft genug kann man nur von Glück sagen, dass nichts passiert. „95.000 Fans sollten zeitgleich durch einen einzigen Ausgang zum Parkplatz gelangen“, kritisierte der österreichische „Kurier“ im September dieses Jahres die schlechte Organisation eines Konzertes der „Rolling Stones“ im steiermärkischen Spielberg. Dass es in solchen Situationen weder eines Terroranschlages, Amoklaufes oder einer anderen böswilligen Tat bedarf, um zu Katastrophe zu führen, müsste seit dem Tod von 21 Besuchern der Loveparade 2010 in Duisburg allgemein bekannt sein.

Sensible Kommunikation erfordert fachliche Kompetenz

Private Sicherheitsdienste stehen einer wachsenden Verantwortung gegenüber: Mit der Zunahme von Großveranstaltungen und einem wachsenden Konflikt- und Risikopotenzial ist die Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung während Veranstaltungen in den letzten Jahren ein bedeutsames Aufgabengebiet geworden, konstatiert der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW), der gleichzeitig kritisch anmerkt: „Das gegenwärtig angewandte Unterrichtungsverfahren bzw. die Sachkundeprüfung nach § 34a der Gewerbeordnung (GewO) wird der Vielfalt der durchgeführten Tätigkeiten jedoch nicht gerecht.“

Das BBK hat in seinen „Bausteinen für die Sicherheit von Großveranstaltungen (BaSiGo)“ Aufgaben formuliert, die zweifelsfrei eine hohe fachliche Kompetenz von dem betrauten Personal erfordern: „Besonders kritische Lagen, wie z. B. Terroranschläge oder Amoklagen, erfordern eine entsprechend sensible Kommunikation, sowohl z. B. mit Blick auf verdeckte und gegenüber den Tätern verborgene Kommunikationswege und -mittel, als auch inhaltlich, um Mitarbeiter und Kollegen nicht zusätzlich zu gefährden und dennoch die Führungs- und Ausführungsstrukturen aufrecht zu erhalten. In solchen Zusammenhängen kommen auch Codewörter oder Parolen zum Einsatz. Klarerweise müssen diese Codes und die mit ihnen aufgerufenen Verhaltensweisen den Mitarbeitern bekannt sein.“

Der ernüchternden Bestandsaufnahme und Aufgabenstellung ist ohne Wenn und Aber zuzustimmen, vor allem, da in jüngster Zeit Großveranstaltungen nicht nur zum Anschlagsziel wurden, sondern darum auch wilde Spekulationen wuchern.

Alles nur geheime Inszenierungen? 

Mit relativ neuen Gesichtspunkten wird man sich in unmittelbarer Zukunft auseinandersetzen müssen: Verschwörungstheorien. Es waren noch nicht einmal alle Leichen von Las Vegas identifiziert, da schossen bereits die wildesten Theorien ins Kraut. Die ARD-Tagesschau fasst zusammen: „Sie seien keine Opfer und Augenzeugen - sondern Schauspieler. Das unterstellen Verschwörungstheoretiker Menschen, die die Attacke in Las Vegas miterlebt haben. Für sie sind Taten wie diese politische Inszenierungen. Ihre kruden Behauptungen verbreiten sie im Netz.“ Taten wie die von Las Vegas seien „fruchtbarer Boden für Fake News, in deren Windschatten auch Verschwörungstheorien blühen.“ Allen Ernstes wird Opfern, Augenzeugen und Helfern, die im Fernsehen zu sehen sind, Schauspielerei unterstellt. Der Hintergrund, je nach Weltsicht, kann zum Beispiel sein, dass amerikanische Waffennarren sich darüber ängstigen, die Waffengesetze könnten verschärft werden. Eine Befürchtung, die angesichts eines US-Präsidenten Donald Trump mehr denn je jeglicher Grundlage entbehren dürfte.

Man könnte solche Verschwörungstheorien als psychologisches Problem abtun, mit dem zu beschäftigen es sich nicht weiter lohne, wenn nicht die Auswirkungen substanzieller Natur wären, die die künftige Veranstaltungssicherheit massiv beeinflussen kann. Das Medienportal „Meedia“ schreibt: „Massaker von Las Vegas: YouTube zeigt Nutzern offenbar bevorzugt Verschwörungsvideos…“ Weiter heißt es dort: „Gab man am Tag nach dem Massaker die Suchbegriffe ‚Las Vegas Shooting‘ bei YouTube ein, wurden einem ganz oben in den Suchtreffern eben jene Verschwörungsvideos angezeigt – noch über den Berichterstattungen von journalistischen Medien“. Dies berichtet „The Guardian „ und schreibt dazu: „Es scheint, als würde YouTube diesen Videos aktiv helfen, eine große Reichweite zu erzielen.“

Anschuldigungen gegen das Sicherheitspersonal

Eine solche Verzerrung der tatsächlichen Geschehnisse und somit auch der realen Gefahren muss am Ende Auswirkungen haben auf die Akzeptanz der Sicherheitsmaßnahmen bei Veranstaltungen, mit möglicherweise fatalen Folgen.

Ein Einzelfall? Mitnichten! Am 13. November 2015 waren im Zuge einer dschihadistischen Terroranschlagserie in Paris hunderte Konzertbesucher während des Auftritts der Band Eagles of Death Metal im Konzertsaal des Bataclan von drei schwer bewaffneten Terroristen als Geiseln genommen. Insgesamt starben bei diesen Terroranschlägen 130 Menschen. Der Sänger der Band behauptete, die Attacke sei ein „Inside Job“ gewesen, denn mindestens einer der Sicherheitsleute der Konzerthalle habe mit den Attentätern unter einer Decke gesteckt. Eine Unterstellung, die sich nie beweisen ließ. Solche aus der Luft gegriffenen Anwürfe erschweren zweifelsfrei die Arbeit von Sicherheits- und Ordnungspersonal auf Großveranstaltungen.

Zu den Zielen des eingangs erwähnten ProVOD-Projekts gehöre, so das Bundesministerium für Bildung und Forschung, passende Aus- und Weiterbildungsangebote für die im VOD Beschäftigten zu entwerfen, ihr Selbstverständnis zu stärken und die öffentliche Wahrnehmung zu verbessern.

Viele Mitarbeiter, die heute auf Veranstaltungen als Ordner eingesetzt werden, müssten, so kritisiert der BDSW, dieselben Voraussetzungen erfüllen wie etwa ein Sicherheitsmitarbeiter oder ein Mitarbeiter im Geld- und Werttransport. Dies liege daran, dass Behörden und Kunden oftmals nicht zwischen Veranstaltungsordnungsdienst (VOD) und Sicherheitsdienstleistungen (SDL) unterscheiden.

Die Vorfälle der jüngsten Zeit verdeutlichen, dass die Zeit drängt, diese notwendige Korrektur vorzunehmen.

Autor: Peter Niggl

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