FAHNDUNG IM EUROPÄISCHEN CYBERWALD

23.03.2017 Innentäter

Eine Meldung in der „Leipziger Volkszeitung“ steht exemplarisch für „moderne“ Kleinkriminalität: Unter der Überschrift „Diebesgut aus Leipzig im Internet zum Verkauf angeboten“, werden der Diebstahl und das Verticken eines Fahrrades beschrieben.

Aus dem Angebotswust der Internet-Plattform Ebay fischte die Polizei die Sore. Die Handschellen konnten klicken, der rechtmäßige Besitzer seinen Edel-Drahtesel wieder in Empfang nehmen. Diese Meldung, die einige Monate alt ist, beschreibt allerdings eher die einfache Variation von Hehlerei via Internet. Das wirkliche Problem ist größer und globaler.

„Wir graben Ebay um“, sagt Sven Laukat (Foto), der sich seit zehn Jahren als Data Analyst bei der Berliner r.o.l.a. Business Solutions GmbH an die Fersen der Rechtsbrecher heftet, die das Internet dazu benutzen, ihre kriminellen Transaktionen abzuschließen – also die Beute möglichst gewinnbringend zu verhökern.

Laukat registriert berufsbedingt die Veränderungen, die sich auf diesem Felde ergeben, sehr genau. Seine Einschätzung: „Vor zehn Jahren gab es neben Ebay kaum erwähnenswerte Konkurrenz. Heute sieht die Welt der Online-Handelsplattformen ganz anders aus.

Amazon entwickelte sich sehr schnell zum größten Ebay- Konkurrenten. Reine Auktions-Plattformen gibt es heute eigentlich nicht mehr. Natürlich kann man auf Plattformen wie Ebay oder Hood.de nach wie vor Auktionen durchführen.

Der Trend geht aber hin zu Festpreisangeboten, die per Sofortkauf erstanden werden können.“ Im Online-Handel haben die deutschen Verbraucher 2016 erstmals über 100 Milliarden Euro ausgegeben. Der Handel mit physischen Produkten, die online vertrieben wurden, belief sich auf rund 52,5 Milliarden Euro, das entspricht einem Plus von zwölf Prozent. 2017 sollen es 57,7 Milliarden werden, wie die Unternehmensberatung Schicklernext berechnet hat.

Der Cyberwald, in dem sich die Räuber verstecken können, ist also dichter geworden. „Heute reicht es bei weitem nicht mehr aus, Ebay zu monitoren“, sagt Laukat, der seine Fachkenntnis insbesondere im Bereich Handel und E-Commerce sowie den dazugehörigen Strategien und Recherchen einsetzt. Er betont, „man darf nicht (nur) gucken wo es hell ist.

In Deutschland stehen neben Ebay je nach gesuchtem Gut Plattformen wie Amazon, Kleiderkreisel und Shpock im Fokus. Daneben gibt es von den Händlern selbst betriebene Internet-Shops. Diese spielen allerdings eher im Bereich Produktpiraterie eine Rolle.

Auch die Kleinanzeigen Plattformen bis hin zu den Social Media Plattformen Facebook und Google+ müssen oft mit einbezogen werden.“ Nicht selten klopfen Unternehmen bei r.o.l.a. an, die Aufklärung darüber erhoffen, ob im Internet Waren aus Mitarbeiter-Diebstählen angeboten werden – und natürlich will man dann auch wissen, wo das Leck ist. Einige begnügen sich mit dem Sammeln und Analysieren von Daten, andere wollen jedoch ganz handfeste Beweise, wie originalverpackte Ware. Das ist zum Beispiel für arbeitsrechtliche Konsequenzen von Bedeutung.

Professionelle Banden

Es habe sich zudem herauskristallisiert, so Laukat, dass professionelle Banden Ware in Deutschland stehlen, sie aber im Ausland absetzen. „Deshalb ist es unumgänglich sich damit auseinander zu setzen, welche Plattformen in den relevanten Ländern überhaupt von Bedeutung sind. Denn Ebay funktioniert zwar in Deutschland und auch in Großbritannien sehr gut, aber in Polen oder den Niederlanden so gut wie gar nicht.

Die Polen nutzen allegro.pl, die Niederländer marktplaats.nl. Wobei allegro zum südafrikanischen Medienunternehmen Naspers gehört und marktplaats zum Ebay Konzern.“ So wird auch schnell klar, dass das Aufspüren von Hehlerware und Dieben von Hobby- Detektiven nicht zu bewerkstelligen ist.

Die Europäisierung der kriminellen Akteure ist eine Herausforderung. Sven Laukat, der im Bereich Anti-Counterfeiting (Fälschungsbekämpfung), Diebstahlabwehr und Internetrecherchen verschiedenste internationale Unternehmen unterstützt, erklärt, warum in diesem Aufgabenfeld eine ganz andere Sichtweise gefordert ist: „Marktplaats.nl ist eine Kleinanzeigen-Plattform, aber genauso wie in Frankreich leboncoin.fr, die angesagte Plattform, über die Online-Handel betrieben wird. Kleinanzeigen-Plattformen sind insgesamt ein großer Absatzmarkt im Internet. Ebenfalls zum Naspers Konzern gehören die über 50 ‚OLX-Plattformen‘.

Die gibt es in etwa 40 Ländern. In Deutschland sind sie deshalb fast gar nicht bekannt, weil es hierzulande keine gibt. Trotzdem findet man dort Ware, die in großem Stil in Deutschland gestohlen wurde, beispielsweise auf der ukrainischen olx.ua oder der polnischen olx.pl.“ Ende vergangenen Jahres schickte ein Gericht in Sachsen einen 46-jährigen Mitarbeiter von VW Sachsen für zwei Jahre und neun Monate hinter Schloss und Riegel. Er hatte sich kräftig an Materialien seines Arbeitgebers, zum Teil noch originalverpackt und neuwertig, bedient. Den Schaden schätzte der Staatsanwalt auf über 300.000 Euro.

Wie lange das so ging, wie viele Teile der Täter im Internet verkauft und wie viel Geld er damit verdient hat – all das ließ sich nicht mehr exakt rekonstruieren. Ein Musterbeispiel, das so manchen Sicherheitsverantwortlichen an die eigenen Probleme erinnern mag. Solche Lecks in der Firmenorganisation aufzuspüren, ist dann erklärtes Ziel für Sven Laukat. „Als erstes muss eingeschätzt werden“, berichtet Laukat aus seiner Recherchearbeit, „in welchen Ländern das Diebesgut auftauchen könnte.“ Das hänge oft davon ab, um welche Größenordnung es sich handelt und wer die Täter sind oder sein könnten.

Deshalb gebe es nicht wenige Unternehmen, unter der Maßgabe von Mitarbeiter-Diebstählen die Informationen anfordern. Dabei, so Laukat, „geht es nicht um einen mitgenommenen Anspitzer oder Kugelschreiber, sondern um Mengen, die sich durchaus aufspüren lassen und somit schon eine kritische Masse bilden, die wirklich beträchtliche Werte darstellen.“ Niemand möchte jemanden beschäftigen, der sich in dieser Weise am Unternehmen bereichert.

„Die Ware aus Mitarbeiter-Diebstählen“, so weiß Laukat aus langjähriger Erfahrung, „verbleibt in der Regel in Deutschland.“ Je nachdem, um was es sich handelt, werden die großen Plattformen untersucht, auf denen alles gehandelt wird und z.B. im Falle von Textilien muss zusätzlich auf spezialisierte Plattform, wie Kleiderkreisel geachtet werden.“ Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, würde man sich nur auf Mitarbeiter-Diebstähle kaprizieren.

Ein weiterer Bereich, in dem Laukat und seine Kollegen seit einigen Jahren aktiv sind, ist das Aufspüren von Diebesgut aus Frachtdiebstählen. Es ist bekannt, dass ganze Sattelschlepper oder Container geklaut werden. Die Beute ist häufig Unterhaltungselektronik wie Handys, Notebooks, Fernseher oder Computerspiele und Bekleidung. Dabei handele es sich oft um Markenware, die jeder kennt, aber auch um unbekanntere Sachen.

„Die zu überprüfenden Regionen“, so erklärt Laukat seine Vorgehensweise, „werden abgeleitet aus der Zielregion oder dem Zielland, der Sprachversion der gesuchten Ware, der Nationalität des Lkw-Fahrers, der Nationalität von Spedition und Frachtführer sowie natürlich dem Land aus dem der Versand erfolgte. Wenn wir Glück haben, ist der Ort des Diebstahls oder doch zumindest die Route bekannt.“ Während das in Deutschland immer noch häufig genutzte Ebay relativ gut zu überblicken ist, „weil Ebay eine Programmierschnittstelle anbietet, über die wir direkt den Datenbestand ‚anzapfen‘ können“, so sagt er, gestalte sich die Recherche bei anderen Anbietern im Internet deutlich aufwändiger.

So musste er ein Tool entwickeln, mit dem die französische Plattform leboncoin.fr ausgelesen werden kann. Über dieses Tool hätte r.o.l.a. „seit März vergangenen Jahres 1,5 Millionen Angebote mit etwa 3 Millionen zugehörigen Bildern ausgelesen.“ Zu jedem Angebot sei außerdem eine PDF-Datei erstellt worden. Das alles für einen einzigen Kunden und die Gegenstände, die er überwacht und festgestellt haben will. Diffizil wird die Recherche, so gesteht Laukat, gelegentlich in der Endphase.

Wenn Kontakt zum Anbieter aufgenommen werden muss, ist Fingerspitzengefühl angesagt. Spätestens wenn ein Treffen mit dem Anbieter des mutmaßlichen Hehlergutes vereinbart werden muss, kommen Spezialisten ins Spiel, die mit der entsprechenden Camouflage ausgestattet sind. Im Ausland ist es meist notwendig, schnellstens die Polizei mit ins Boot zu nehmen.

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