GESICHTSAUSDRUCK FÜR "KURZ VOR DEM ANGRIFF"

09.08.2016 Mikromimik

Entschlossene Personen mit Gewaltabsicht frühzeitig zu erkennen, ist nicht erst seit den Anschlägen vom „11. September“ ein Hauptanliegen von Ermittlungsbehörden und Sicherheitsanbietern. Die Attentate auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble sind nur zwei Beispiele für die Notwendigkeit einer guten Analyse- und Reaktionsfähigkeit des unmittelbaren Personenschutzes. Prof. Dr. Hartwig Eckert und Stanoje Bimbasic über die Chancen der Mikromimik für den Personenschutz.

Herr Bimbasic, mit welchen Herausforderungen ist der Personenschutz heute konfrontiert?

Stanoje Bimbasic: Ziel des Personenschutzes ist immer noch dasselbe, jedoch haben sich die Rahmenbedingungen stark geändert. Der modus operandi vieler Tätergruppen ist perfider geworden. Es gibt mehr ideologisch getriebene Täter, die mit großer Entschlossenheit und Skrupellosigkeit vorgehen. Auch sind neue Angriffsmethoden dazugekommen, beispielsweise die Cyberkriminalität. Früher reichte es meist aus, die Täter durch eine martialische körperliche Präsenz abzuschrecken und dadurch die Abschirmung der Schutzperson zu ermöglichen. Heute müssen wir weitaus mehr beherrschen, um einen optimalen Schutz sicherzustellen. Wir müssen permanent Informationen sammeln und wesentlich effektiver das Umfeld der Schutzperson überwachen, um eine bessere strategische Risikoprävention und operative Abschirmung der Schutzperson zu gewährleisten. 

Jeder Personenschützer steht bei der Informationsbeschaffung vor zwei weiteren Herausforderungen: Einerseits muss er Gefahren für die Schutzperson durch Dritte identifizieren, indem er das Umfeld – Familie, Freunde und Mitarbeiter – auf atypisches Verhalten scannt. Andererseits muss der Personenschützer auch erkennen, ob die Schutzperson selbst wichtige Tatsachen verschweigt, um dem Personenschutz mal für einen Moment zu entgehen. Dies geht nur, indem er seine Fähigkeiten im „Menschen-Lesen“ verbessert. Personenschützer müssen lernen, Emotionen hinter den Aussagen von Gesprächspartnern auch im Gesicht und an der Körpersprache zu erkennen und somit ein tieferes Verständnis für das Verhalten zu erlangen. Dabei geht es immer um die Antwort auf die Frage: Weicht der Gesprächspartner von seinem üblichen Verhalten ab oder nicht, ist er glaubwürdig oder nicht?

Herr Prof. Eckert, kann man einen Angreifer noch vor der Tat erkennen?

Prof. Dr. Hartwig Eckert: „Man kann trainieren, darin immer besser zu werden, denn sowohl die sieben Grundemotionen als auch die damit korrelierenden Gesichtsausdrücke sind in uns Menschen evolutionär gleich angelegt – egal welcher Nationalität, welchem Alter oder welchem Geschlecht wir angehören. Emotionen sind angeboren, und man kann sie erkennen lernen. Sowohl die emotionalen Trigger, die eine körperliche Antwort auslösen, als auch die Reaktionen des vegetativen Nervensystems sind komplizierte Prozesse, die ohne unsere bewusste Entscheidung in einem Bruchteil einer Sekunde aktiviert werden. Durch diese automatische Aktivierung können wir uns nicht bewusst dazu entscheiden, nicht emotional zu werden – es passiert einfach.

Was sind deutliche Anzeichen für eine Person mit Gefahrenpotenzial?

Eckert: Geplante Angriffe gehen auch beim Angreifer selbst fast immer mit Anzeichen von Angst einher: Erhöhte Herzfrequenz, gesteigerte Atmung, dabei weit aufgerissene Augen mit der typischen Anhebung der Augenbrauen in Kombination mit einem zu den Seiten angespannten Mundwinkel sind zum Beispiel ein verlässliches Anzeichen von Angst. Häufig ist in der Mimik eine Mischung aus Entschlossenheit, Konzentration und Zorn erkennbar, was in den zusammengerollten Lippenrändern verlässlich erkennbar ist. Zudem wird zurzeit in Studien in Zusammenarbeit mit der britischen Universität Central Lancashire untersucht, welche Hinweise in der Mimik frühzeitig auf Angreifer schließen lassen. Hierzu werden Berufsbasketballer, die kurz vor einem entscheidenden Zug auf den gegnerischen Korb stehen, Aufnahmen von Jugendbanden, die sich in Kaufhäusern kurz vor einer Schlägerei befinden, und authentische Videoaufnahmen von extremen Straftaten auf Gemeinsamkeiten in den Feinheiten der Gesichtszüge untersucht. Es wird vermutet, dass auch ein universeller Ausdruck für „Kurz vor dem Angriff stehen“ existiert, der im Rahmen der Studie entschlüsselt und beschrieben werden soll.

In naher Zukunft soll es computerbasierte Programme zur Gesichtserkennung geben, die potenzielle Angreifer identifizieren. Was halten Sie davon?

Eckert: Als Unterstützung bei Massenveranstaltungen wie Fußballspielen oder politischen Kundgebungen versuchen computerbasierte Programme die Gesichtserkennung zu vereinfachen. Nichtsdestotrotz werden wir nicht um den Menschen bei der professionellen Analyse herumkommen. Täuschendes Verhalten erkennen ist das eine, aber in der Fähigkeit, situationsspezifische Fragen zu stellen und auf einen Tatverdächtigen flexibel und empathisch einzugehen, ist der trainierte Mensch dem Computer heute noch überlegen. Für den unmittelbaren Personenschutz ist der Einsatz von Technik nicht ausreichend, denn hier muss häufig innerhalb von Sekunden gehandelt werden.

Wie können speziell Personenschützer Analysefähigkeiten nach Dr. Paul Ekman einsetzen?

Bimbasic: Personenschützer müssen im Einsatz mögliche Attentäter frühzeitig identifizieren, um Angriffe schnell zu erkennen und mit geeigneten Maßnahmen zu verhindern oder sofort zu beenden. Die Einschätzung verbaler und nonverbaler Kommunikation ist dafür eine entscheidende Fähigkeit, die wir brauchen, um unser Frühwarnsystem zu optimieren. Wir müssen lernen, die entscheidenden Signale aus Mimik, Haltung, Stimme und Sprachinhalt zu erkennen. Und wir müssen wissen, wie wir diese Informationen in Sekundenschnelle analysieren und verifizieren können. Diese Fähigkeiten können in vielen Fällen entscheidend für unseren Auftrag sein. Fazit: Wenn wir unseren Job erfolgreich erledigen wollen, müssen wir unsere Fähigkeiten im „Menschen-Lesen“ deutlich verbessern. Nur dann können wir unsere Schutzpersonen noch erfolgreicher vor Gefahren bewahren. Es wird nie eine 100-prozentige Sicherheit geben, sondern immer nur eine optimale. Aber genau diese eine Chance müssen wir nutzen. Wir müssen uns auch in Zukunft zwangsläufig weiter entwickeln vom einfachen Personenschützer zur intelligenten Executive Firewall. Das ist sozusagen der moderne Personenschutz 3.0.

Stanoje Bimbasic leitet ein Unternehmen, das sich auf Investigation & Intelligence sowie Special Operations Security spezialisiert hat. Er besitzt über 20 Jahre Berufserfahrung in der privaten Sicherheitsbranche, darunter im operativen Personenschutz und in der Sachwert- Zielfahndung. Er ist einer der Trainer zum Thema „Mikromimik“ beim Workshop Personenschutz am 27./28. Oktober 2015 in Baden-Baden. Der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Hartwig Eckert ist zertifizierter Trainer für die wissenschaftlichen Theorien und Methoden des amerikanischen Psychologen Dr. Paul Ekman. Zurzeit ist er Trainer bei der Triple A GmbH mit den Spezialgebieten Mikromimik, Stimme, Sprache, Persönlichkeit sowie mit dem von ihm entwickelten Konzept „Dynamisch verhandeln: Entscheiden, was andere entscheiden“.

Zurück