IM FLÜCHTIGEN MIENENSPIEL SPIEGELN SICH WAHRHEIT UND LÜGE

09.08.2016 Mikromimik

Überdurchschnittliche Menschenkenntnis ist für Sicherheits-Verantwortliche und Compliance-Officer bis hin zum Personenschützer ein entscheidendes Handwerkszeug. Dennoch erkennen die meisten nachweislich nur in rund der Hälfte aller Fälle, ob sie getäuscht werden. Forensische Gesprächs- und Interviewtechniken sind zwar gute Werkzeuge, um dolose Handlungen oder Gefährdungspotenziale zu erkennen, ihnen vorzubeugen oder sie aufzuklären.

Sie reichen jedoch bei weitem nicht aus. Meist wird in diesen Befragungen neben den inhaltlichen Aussagen, also dem Sprachinhalt, auf körpersprachliche Hinweise geachtet, die auf Lügen hindeuten. Das ist ein erster Schritt. Dennoch bleiben weitere drei aufschlussreiche Kommunikationskanäle (Mikromimik, Stimme, Sprache) häufig noch unbeachtet. Doch genau hier, in der Wahrnehmung und Analyse aller Kommunikationskanäle eines Menschen und im Erkennen von Abweichungen zur individuellen so genannten „Baseline“ liegt der Schlüssel zur sicheren Einschätzung von Glaubwürdigkeit.

Die aktuelle Diskussion über den Menschen als Täter findet in Unternehmen und auf politischer Ebene mehr denn je statt. Auf der 9. Sicherheitstagung der Allianz für Sicherheit der Wirtschaft und des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) am 12. Mai in Berlin erklärte BfV-Präsident Dr. Hans-Georg Maaßen: „Menschen stellen eine mögliche Sicherheitslücke dar, die von Unternehmen oft unterschätzt wird. Unternehmen wie auch Behörden benötigen motivierte und sensibilisierte Mitarbeiter als eine human firewall zum Schutz vor illegalem Technologietransfer, Sabotage und Terrorismus. Wirtschaftsschutz geht uns alle an.“

Vorsicht bei Abweichungen

Der amerikanische Psychologe Dr. Paul Ekman hat auf Grundlage wissenschaftlich erprobter Methoden, die auf mehr als 40 Jahren empirischer Verhaltensforschung basieren, eine Analysetechnik entwickelt, um aus Mimik, Haltung, Klang der Stimme, Sprache und natürlich Sprachinhalt die echten Emotionen eines Gesprächspartners zu erkennen. Sicherheitsbehörden weltweit schulen ihr Personal seit vielen Jahren nach Ekmans Methode und können so die komplette menschliche Signalübermittlung berücksichtigen.

Seine Erkenntnis: Nur wenn die Signale aller Kommunikationskanäle dem üblichen Verhalten des Gesprächspartners entsprechen, sagt er die Wahrheit. Gibt es auf einem Kanal Abweichungen, sollte man aufmerksam werden. „Geschulte Sicherheits-Manager oder Personenschützer können alle Kanäle wahrnehmen und bewerten. Sie hören gewissermaßen das ganze Konzert, nicht nur die Geigen“, sagt Prof. Dr. Hartwig Eckert, lizensierter Trainer und Sprachwissenschaftler.

„Ein wichtiger Punkt, der in Deutschland bisher stark vernachlässigt wird, ist die Mikromimik. Hierbei geht es um Grundemotionen, die sich weltweit und in allen Kulturen auf dieselbe Weise in der Mimik widerspiegeln. Oft sind sie in Gesprächen nur für einen Sekundenbruchteil zu erkennen, bevor sie überspielt werden. Genau für diesen Moment müssen wir unsere Sinne schärfen.“ Das Gesicht lässt sich dabei wie ein Buch lesen. Das von Ekman & Friesen 1978 entwickelte „Facial Action Coding System“ (FACS), ein Kodierungsverfahren, mit dem die 43 Muskeln unseres Gesichts in ihren Kombinationsmöglichkeiten und Intensitäten beschrieben werden können, ist eine wichtige Grundlage der Emotionsforschung.

Flüchtige Gesichtsausdrücke

Mikroexpressionen sind flüchtige Gesichtsausdrücke, die unter anderem dann auftreten, wenn jemand vorsätzlich oder unbewusst ein Gefühl verbirgt. Ekman unterscheidet hierbei zwischen sieben Basisemotionen: Zorn, Angst, Traurigkeit, Ekel, Verachtung, Überraschung und Freude. Jeder kann lernen, diese bei seinem Gegenüber zu entdecken. Die empirischen Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Achtsamkeits- und Mikromimiktrainings sprechen für sich.

Wer den Ehrgeiz und den Willen zur persönlichen Weiterentwicklung mitbringt, kann sein Know-how und seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet entscheidend weiterentwickeln. Durch intensives Training wird die Trefferquote nach einer Untersuchung des Sozialpsychologen der University of Portsmouth, Aldert Vrij, von durchschnittlichen 54 auf 85 Prozent und mehr erhöht. Die Fähigkeit des aufmerksamen Zuhörens und der Analyse von Mimik und Gestik hängt dabei nicht vom Alter ab, sondern vielmehr von der individuellen Prädisposition und dem richtigen Training. Wer sich mit der Wissenschaft von Ekmann beschäftigt, kann

  • Emotionen wahrnehmen und ihre Funktionsweise verstehen; er weiß, wie menschliche, individuelle Auslöser frühzeitig erkannt und beeinflusst werden können
  • Emotionen hinter den Aussagen der Gesprächspartner erkennen und tieferes Verständnis für das Gegenüber erlangen
  • die Bedeutung des individuellen Kommunikationsverhaltens eines Menschen, die „Baseline“, verstehen und diese beim Gegenüber definieren
  • einen strukturierten Ansatz zur Erkennung von (körper-)sprachlichen Hinweisen auf täuschendes Verhalten anwenden (auch „Leakage“ genannt)
  • Techniken zum aufmerksamen Zuhören und Beobachten anwenden („Mindfulness“)
  • Gesichtsausdrücke durch Mikroexpressions-Training interpretieren
  • kulturelle Einflüsse auf das Verhalten von Menschen einschätzen
  • die Fähigkeiten nutzen, um Aussagen des Gegenübers durch professionelle Fragestellungen auf Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit zu überprüfen
  • ein visuelles und instinktgesteuertes Gefahrenradar zur Identifizierung und Analyse von Körpersprache anwenden
  • die moralische Herausforderung meistern, mit dem Wissen aus der Privatsphäre von (Schutz-)Personen umzugehen und sich in prekären Situationen emotional zu distanzieren
  • individuelle Strategien zur Selbstbeobachtung und -steuerung entwickeln, wenn man selbst unter dem Einfluss einer Emotion steht.

Auf diese Weise sind Sicherheits-Manager in der Lage, die Analyse der fünf Kommunikationskanäle zielgerichtet und effektiv durchzuführen, versteckte Gefühlsregungen und körpersprachliche Hinweise des Gegenübers zu erfassen und damit die Erfolgsquote im Aufdecken von Unwahrheiten – aber damit auch im Erkennen von Wahrheiten (!) auf 85 Prozent zu steigern – ein enormer Vorteil für erfolgreiche Ermittlungen.

Zurück