RISIKOSCHEU BIS FEIGE

09.08.2016 Produktpiraterie

Produkterpressung zählt nach wie vor zu den massivsten Bedrohungen der Wirtschaft. Stark betroffen von diesem Phänomen sind in erster Linie Produzenten von Lebensmitteln, Verkehrsbetriebe, Handelsketten, Kosmetikahersteller und Pharmaunternehmen. Unternehmen der Elektronikindustrie und Automobilkonzerne sind mit Drohungen, Artikel mit Sprengsätzen zu versehen beziehungsweise Fahrzeugnutzer gezielt zu töten, auch schon konfrontiert worden.

Die Kriminalstatistik darf dabei nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Einerseits sind in diesem Zahlenwerk bei „herausragenden Erpressungen“, zu denen auch Produkterpressung größeren Ausmaßes gehört, sinkende Fallzahlen ausgewiesen. Andererseits ist jedoch „eine Verlagerung und ein Anstieg im Bereich niederschwelliger Erpressungen feststellbar“, wie Uwe Cording, Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter der Koordinierungsstelle Spezialeinheiten (KOST SE) des Landeskriminalamtes Niedersachsen, mittteilt. Das grundsätzliche Risiko, zum Opfer einer Erpressung zu werden, ist folglich nicht geringer geworden.

Anonyme Drohung aus dem Nichts

Wie läuft eine Produkterpressung üblicherweise ab? Nehmen wir als Beispiel einen Fall, wie er sich in ähnlicher Form vielfach in Deutschland abgespielt hat: Gleichsam aus dem Nichts taucht die anonyme Drohung auf, die Produkte eines Unternehmens zu kontaminieren – es sei denn, es werde eine bestimmt Summe gezahlt.

Nicht selten hat der Täter zu diesem Zeitpunkt bereits Produkte verunreinigt, vergiftet oder anderweitig manipuliert, um so beispielhaft die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu demonstrieren. Zusätzlicher Druck auf das betroffene Unternehmen bauen die Erpresser häufig dadurch auf, dass sie die Öffentlichkeit informieren.

Die Erpresser haben somit eine Reihe von „Assen im Ärmel“. Medien zu mobilisieren, ist keine große Kunst. Und bereits beim Verdacht, Produkte könnten kontaminiert sein, treten extrem negative Folgeschäden auf, die vom Verbraucherboykott über nachhaltige Imageverluste und Beschädigungen der Marke bis hin zu kostenaufwändigen Bemühungen zur Wiederherstellung der eingebüßten Markenkraft reichen.

Die Sicherheits-Verantwortlichen beziehungsweise das Management von derart angegriffenen Unternehmen sind angesichts einer solchen Falllage in einer mehr als schwierigen Situation. Wie sollen sie reagieren, um die Gefahrenlage so weit wie möglich zu minimieren? Die Täter scheinen am längeren Hebel zu sitzen. Sie agieren aus der Anonymität heraus – und ihnen eröffnet sich eine unmöglich abzusichernde Vielzahl von Tatgelegenheiten.

Forderungen niemals erfüllen!

Der Fall „Thomy“ (Ketchup, Mayonnaise, Salatdressing) zeigt, was auf dem Spiel stehen kann. Bekanntermaßen schickte 1993 ein Erpresser eine Senftube, deren Inhalt mit Zyanid versetzt war, an das Unternehmen. Als dieser Sachverhalt öffentlich wurde, entfernten einige Lebensmittelfilialisten sämtliche Thomy- Artikel über Nacht aus dem Sortiment. Der wirtschaftliche Gesamtschaden lag nach seriösen Schätzungen im dreistelligen Millionenbereich.

Also die Forderung in der Hoffnung erfüllen, der Täter werde dann Ruhe geben? Dies wäre die schlechteste aller Optionen, warnt Uwe Cording. Ein Nachgeben könne den eigentlichen Täter oder Trittbrettfahrer ermutigen, nochmals kriminell aktiv zu werden. Dagegen bestünden beim professionellen Vorgehen gute Chancen, die Täter zu fassen oder zumindest zum Aufgeben zu bewegen.

Ansatzpunkt ist nach Aussagen des erfahrenen LKA-Beamten das Faktum, dass die Tathandlung aus drei aufeinander folgenden Phasen besteht, wobei jeder dieser Teilschritte ein höheres Risiko für den Erpresser mit sich bringt. Während in der anfänglichen Kontaktphase „eine hohe Sicherheit für die Erpresser“ gegeben ist, gestalte sich die Verhandlungsphase schon weitaus schwieriger.

Denn in dieser Etappe „müssen sie vermeintlich aus der Anonymität heraustreten und etwas von sich preisgeben“, so Cording. Aus Tätersicht am meisten problematisch sei schließlich die Übergabephase, die es erforderlich macht, dass der Täter agiert, und die somit das größte Entdeckungsrisiko beinhalte. Die Folge: Eine Vielzahl der Täter lässt in Phase 2 oder 3 von ihrem Vorhaben ab.

Analyse des Erpresserschreibens

Das hat auch Gründe, die in der Persönlichkeitsstruktur der Täter liegen. Die klassischen Erpresser sind, so beschreibt es Cording, eher risikoscheu. Anders als beim bewaffneten Überfall versuchen sie, den direkten Kontakt mit dem Opfer zu vermeiden. „Dieser Tätertypus ist grundsätzlich feige“, bilanziert der LKA-Beamte. Eine solche Einschätzung dürfe die Betroffenen aber nicht dazu verleiten, die Täter nicht ernst zu nehmen oder die Gefährdungslage zu bagatellisieren. Ein Täter, der gekränkt oder unterschätzt werde, könne unkalkulierbar reagieren, warnt Cording.

Jedoch basiere eine professionelle Fallbearbeitung nicht unwesentlich auf Kriminalpsychologie – und selbstredend auf viel Erfahrung. „Allein aus der Analyse eines Erpresserschreibens kann auf den Tätertypus und seine kriminelle Energie geschlossen werden“, macht der LKA-Beamte deutlich. Sofern ein Profi am Werk ist.

Was tun, wenn man betroffen ist? Dazu Uwe Cording: „Meine Empfehlung lautet: Immer und sofort umgehend die Polizei informieren und sie von Beginn an beteiligen. Geheimhaltungserfordernisse – unternehmensintern – dürfen keine Hemmnisse darstellen. Wünschenswert ist die Beteiligung der Beratergruppen der Landeskriminalämter im unternehmensinternen Krisenmanagement anlassbezogen und im Vorfeld.“

Die größten Fehler, die Unternehmen bei Produkterpressung begehen können, sind nach Angaben des Ersten Kriminalhauptkommissars „Aktionismus, Fehl-, Über- und Falschbewertung, nicht abgestimmtes Verhalten und Treffen von Maßnahmen, falsche Infowege, Nichtbeachtung der Geheimhaltungserfordernisse und insbesondere fatale Entscheidungen im Hinblick auf Alleingang des Unternehmen, zum Beispiel Eingehen auf Täterforderungen, Signalisieren einer Zahlungsbereitschaft usw.“

Neue Gefahr durch Terroristen

Neue Gefahren drohen indessen aus dem terroristischen Spektrum. Wie der Berliner Rechtsanwalt und Syndikus Dr. Alexander Marcus Moseschus bereits in seiner 2004 verfassten Dissertation „Produkterpressung“ vorausgesehen hat, haben nach jüngsten Veröffentlichungen gewaltbereite islamistische Täter unter anderem mit der Vergiftung von Lebensmitteln in Europa gedroht. Dies erfordert, dass sich potenziell betroffene Unternehmen noch eingehender auf diese „besonders perfide Art der Erpressungskriminalität“ (Dr. Moseschus) vorbereiten.

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