ZUM ERSTEN, ZUM ZWEITEN, ZUM DREISTEN KLAU

19.04.2017 Supply Chain

Der Transportsicherheitsvereinigung Tapa seien – wie das Logistiker-Portal dvz. de berichtet – „im vergangenen Jahr 2611 Frachtdiebstähle (2015: 1515) in 34 Ländern der Regionen Europa, Naher Osten und Afrika (Emea) bekanntgeworden.“ Dies gehe aus einem Newsletter für Tapa-Mitglieder hervor.

Diebstahl, Abzocke, Lohndumping - Frachtbörsen als Plattform für miese Geschäfte (Foto: F. Betz - pixelio.de)

In der Regel erhalte die Tapa dabei sehr wenige Daten aus Afrika und dem Nahen Osten. „Nach den Monatsstatistiken ereignen sich meist mehr als 95 Prozent der bekannten Vorfälle in Europa“, heißt es in dem Bericht. Im Transportgewerbe wird geklaut, geschmuggelt und gegen das Arbeitsrecht verstoßen.

Für die Auftraggeber der Spediteure können die Gesetzesbrüche zum kostspieligen Problem werden. Laut Tapa entfielen 86,5 Prozent der Delikte sogar auf nur vier Länder: An der Spitze steht Großbritannien, gefolgt von den Niederlanden, Deutschland und Schweden. Eine besondere Achillesferse der Logistik sind die Frachtenbörsen, die den Markt regelrecht überschwemmen. Einerseits bieten solche Frachtenbörsen eine gute Möglichkeit der Ladungsvergabe, und auf der anderen Seite werden sie immer häufiger mit der Intention benutzt, um auf kriminelle Weise an die wertvolle Ladung zu kommen.

Vorsicht ist dann geboten, wenn ein Auftrag über eine Online-Frachtenbörse vergeben werden soll und sich die Partner nicht persönlich kennen. Der Kfz-Versicherer Kravag unterscheidet ganz zwischen den Diebstählen von Transportladungen beispielsweise durch sogenannte Planenschlitzer und – wie es juristisch korrekt heißen muss – einem Betrug oder einer Unterschlagung mittels Ausnutzung einer Frachtenbörse: „Der typische Planenschlitzer zielt auf keine bestimmte Ware ab und agiert nach dem Zufallsprinzip. Bei diesem Delikt gibt es – anders als bei der Ladungsunterschlagung über den Einstieg Frachtenbörse – keine gut organisierten Absatzkanäle für die gestohlenen Waren.“

20 Lkw-Ladungen auf einen Schlag

Ladungsunterschlagungen mittels der Möglichkeiten, die Frachtenbörsen bieten, bedürfen einer strategischen Vorbereitung und tragen gleichzeitig die Handschrift gut organisierter Tätergruppen. Betrug via Frachtenbörsen beschäftigt etwa seit 2010 die Transport- und Logistikbranche. Der jährliche Schaden wird mit über 8,5 Milliarden Euro beziffert. Die Aufklärungsquote erreicht kaum die 15-Prozent- Marke.

Die Ermittlungen müssen häufig über mehrere Ländergrenzen hinweg geführt werden und gestalten sich allein administrativ schwierig. Straftaten in der Logistik werden dabei in zunehmendem Maße unter Ausnutzung der Frachtenbörsen begangen. Zu einem Synonym dafür wurde der Begriff Trinidad, der in diesem Fall nichts mit der Karibikinsel zu tun hat. Zwischen April und Mai 2011 hatte eine Tätergruppe mindestens 20 Lkw-Ladungen über Angebote einer deutschen Frachtenbörse unterschlagen.

In allen Fällen wurde die in einer Frachtenbörse angebotenen innereuropäischen Transporte durch die slowenische Firma „trinidad-podjetje d.o.o.“ angenommen. Die Transporte erreichten jedoch nie den vorgesehenen Empfänger. Zu den Geschädigten gehörte unter anderem ein Hersteller von Maschinenbauteilen in Chemnitz.

Schwachstellen oft leicht erkennbar

Die Ursache dafür, dass es Kriminellen immer wieder gelingt, sich in die Logistik einzuklinken, ist in dem Umstand zu suchen, dass viele Transport-Unternehmen bei der Auftragsakquise an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Anstatt den Auftrag abzulehnen, begeben sich die überlasteten Spediteure auf die Suche nach Subunternehmen. Damit ist das Einfallstor für unseriöse Wettbewerber offen. Diese sind für solche Schwachstellen häufig bestens vorbereitet.

Aber auch die Täter haben oft Schwachstellen, die vom Auftraggeber schnell erkannt werden können. Gewisse auffällige Anomalien können schnell erkannt werden. Es ist für jedes Transportunternehmen, das Aufträge an Subunternehmer vergibt, sinnvoll, als notwenige Checks zu formulieren. Springende Punkte, die immer wieder von Fachleuten hervorgehoben werden, sind: Erfolgt die Kontaktaufnahme über eine Mobilfunknummer sollte dies ein erstes Warnsignal sein. Die Nachfrage nach einer Rückrufnummer auf dem Festnetz ist auf alle Fälle geboten. Dieser sollte dann auch folgen. Eine plausible Faxnummer sollte ebenso vorhanden sein.

Auch Google kann helfen

Der zweite Indikator dafür, dass etwas faul sein kann, sind E-Mail-Adressen von kostenlosen Anbietern wie @yahoo, @t-online, @ gmx oder @web. Professionelle Transportunternehmen haben eine eigene Domain. Ein bisschen eigene Recherche kann schon sehr hilfreich sein, um einem Reinfall vorzubeugen. Die Funktion Google-Earth kann schon recht nützlich sein.

Schaut man sich die angegebene Anschrift des Bewerbers „aus der Luft“ etwas genauer an, wird man unschwer erkennen können, ob an dieser Stelle eine Transportfirma über ein entsprechendes Gelände verfügt oder ob es sich um ein Wohngebiet handelt. Ein wichtiger, absolut notwendiger Teil der Auftragsvergabe besteht darin, dass der Disponent sich alle notwendigen Papiere – Lizenz, Versicherungsbestätigung, Handelsregisterauszug, vollständige Firmendaten, Identitätsnachweis des im Handelsregister eingetragenen Geschäftsführers oder auch Kopien der Ausweise der Fahrer, Versicherungspapiere oder die Zulassungspapiere vom Fahrzeug oder Referenzkunden-Adressen – vorlegen lässt.

Dies muss natürlich geschehen, bevor die Ladung vom Subunternehmer übernommen wird. Ein weiterer Sicherheitsschritt ist, die Qualität und Layout der Dokumente zu prüfen: „Sehen die Firmenlogos seltsam aus oder lassen sich gewisse Details auf Dokumenten nicht entziffern, weil die Schrift etwa verpixelt ist? Die schlechte Qualität der Dokumente hat meist nichts mit der Internetleitung oder einem defekten Scanner zu tun, sondern ist das Ergebnis gefälschter Dokumente“, warnt die Spediteurin Janina Martig.

Achtung bei Dumpingangeboten!

Spediteure, die eine Frachtenbörse zur Auftragsausschreibung nutzen, „sollten aufpassen, sobald ihnen jemand Transporte zu Dumpingpreisen anbietet“, betonte Kriminalhauptkommissar Waldemar Lorenz vom Landeskriminalamt Niedersachsen in einem Interview. „Strecke und Wert der Ware sollten immer in einem Verhältnis zu dem Preis für die Dienstleistung stehen. Wenn nicht, ist Vorsicht geboten.“ Alarmsignale sind auch, wenn der Anbieter nur über eine kostenlose E-Mail-Adresse oder Handy zu erreichen ist.

Wenn Unternehmer unbekannte Dienstleister beauftragen, sollten sie sich die Zeit nehmen, eine Bonitätsprüfung vorzunehmen. Auf eine besondere Masche der Ladungsbetrüger weist der Berliner Ermittler Lothar Müller hin: Wenn der Subunternehmer seine Tour mehr oder minder deutlich auf einen Zeitraum legt, dass er direkt vor ein verlängertes Wochenende (z.B. Ostern) fällt, kann dies ein Teil seiner Strategie sein.

Die Rückfragen vom Empfänger nach dem Verbleib der Sendung – und dann einzuleitende Ermittlungen – verzögern sich erheblich und verschaffen den Kriminellen einen zusätzlichen zeitlichen Vorsprung, die Ladung verschwinden zu lassen. Zumindest dann, wenn mehrere dieser Indikatoren zusammenfallen ist größte Vorsicht geboten und von einer Auftragsvergabe abzuraten.

Autor: Thomas Schuster

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