AUFGEHALTEN, GESTOHLEN, BESCHÄDIGT

02.08.2016 Supply Chain

Beispiele aus 2014: Im Juni verschwindet in Leipzig ein Lkw mit Aluminiumprofilen im Wert von 367.000 Euro von einem Betriebsgrundstück. Im Oktober wird in Hamm ein geparkter Trailer mit 21 Paletten Parfum im Wert von 470.000 Euro gestohlen, nachdem der Transportauftrag von Hessen nach Hamburg an einen Subunternehmer vergeben worden war. Zehn Tage später verschwinden 13 Paletten mit Körperpflegeprodukten im Wert von 300.000 Euro – vermutlich bei einem Stopp auf dem ungesicherten Rastpark Hohenwarsleben an der A 2 bei Magdeburg. Im November wird in Lübeck ein schwedischer Auflieger

mit 20 neuen Lkw-Motoren gestohlen, der übers Wochenende auf einem ungesicherten Parkplatz abgestellt worden war. Die Diebe brachten ihre eigene Zugmaschine mit, der Schaden betrug 525.000 Euro.

Je länger, desto verletzlicher

Wenn der Kunde nicht bekommt, was er bestellt, zahlt er nicht. So einfach ist das. Wer also Umsatz und Gewinn machen will, muss dafür Sorge tragen, dass er den Kunden beliefert. So weit, so banal. Doch die Globalisierung verkompliziert die Zusammenhänge. Die Wahrscheinlichkeit, dass beim Kauf eines Steaks etwas schiefgeht, ist sehr gering, wenn man es direkt vom Biobauernhof um die Ecke bezieht. Wer dagegen – vielleicht aus Kostengründen – auf Rindfleisch aus Polen oder Tschechien setzt, muss am Ende womöglich etwas anderes essen.

Kann ja sein, dass der Transporter unterwegs eine Panne hatte. Noch unwägbarer ist es, wenn man auf ein Steak aus Nevada wartet – der Weg ist weit, so viel kann passieren: Lkw-Panne, das Flugzeug kann wegen eines Schneesturms nicht landen, die Kühlkette wird wegen eines technischen Defekts unterbrochen. Das Steak lässt sich leicht ersetzen. Fehlt es dagegen an Stoßstangen, steht die Autoproduktion still. Unfälle, Anschläge, Streiks, Unwetter, Diebstahl, Pannen – es gibt viele Gründe, warum Güter auf dem Weg von A nach B aufgehalten werden, verloren gehen oder ramponiert werden. Je länger, arbeitsteiliger und internationaler Wertschöpfungs- und Lieferketten werden, desto verletzlicher sind sie.

Wesentliche Säule des Risikomanagements

Deshalb muss das Funktionieren der prozessorientierten Wertschöpfungs- und Lieferkette („Supply Chain“) für jedes Unternehmen oberste Priorität haben. Supply Chain Security gilt damit als eine der wesentlichen Säulen im Risikomanagement eines Unternehmens – ob Konzern oder Mittelständler. Die wesentlichen Kernprozesse des Geschäftszwecks müssen möglichst unterbrechungsfrei ablaufen:

  • Beschaffung benötigter Rohstoffe und Halbfertigprodukte
  • Herstellungsprozess
  • vertragsgemäße Belieferung der Kunden.

Die Risiken im Fortlauf der Supply Chain kann den Geschäftszweck erheblich beeinträchtigen und damit den Fortbestand des Unternehmens gefährden. Der Zweck des Risikomanagements besteht darin, Risiken zu identifizieren, zu bewerten und, soweit möglich, zu eliminieren, zu reduzieren, abzuwälzen oder aber auch hinzunehmen, sofern keine adäquaten Gegenmaßnahmen möglich sind oder als nicht notwendig erachtet werden. Das „Hinnehmen“ ist gerade im Mittelstand und bei kleineren Firmen weit verbreitet, da sie mit der Fülle der Vorschriften, Anforderungen und Organisationsnotwendigkeiten überfordert sind. Meist werden  nur punktuelle Maßnahmen eingeleitet, Gesamtkonzepte zur Vernetzung aller Teilnehmer fehlen. Dabei hat jedes einzelne Element unmittelbaren Einfluss auf alle anderen und damit Auswirkung auf Qualität, Zeit, Kosten und somit Liefertreue und Kundenzufriedenheit.

Risiko durch schlechte Infrastruktur

Es ist zunächst Aufgabe der Unternehmensführung, sich im Rahmen des Risikomanagements mit den Gefahren und Risiken auseinanderzusetzen und eine bewusste Entscheidung darüber zu treffen, wie damit umzugehen ist. Das Sicherheits-Management eines Unternehmens kann unter diesem Aspekt einen wertvollen Beitrag zum internen Risikomanagement leisten. Dabei fokussiert die Unternehmenssicherheit unter anderem

  • sichere beziehungsweise störungsfreie/störungsarme Produktionsverhältnisse
  • Soll-Bestände der Rohstoffe und Halbfertigerzeugnisse
  • Soll-Bestände der Fertigprodukte
  • Schutz des Transports und der Lagerung durch zertifizierte oder anderweitig geprüfte Unternehmen (mit vertraglicher Regelung und/oder Audits)
  • zeitgerechte und vollständige Lieferung an die Kunden.

Letzteres ist besonders wichtig, denn nach Ablieferung der Produkte an den Kunden findet zugleich der Abschluss der Wertschöpfung statt. Sind die bestellten Produkte vollständig geliefert und entsprechen sie der geforderten Qualität, wird in aller Regel die Bezahlung fällig; wiederum ein wesentlicher Punkt unter den Return-on-Investment- und Cash-flow-Aspekten: Wie schnell kommt das Geld, um die Herstellungskosten zu decken oder Finanzierungskosten zu vermeiden?

Neben Kriminalität ist eine weitere größere Hürde für die pünktliche Zustellung von Waren die sich stetig verschlechternden infrastrukturellen Bedingungen. Man denke nur an die maroden Brücken, die in zunehmender Zahl für den Schwerlastverkehr gesperrt werden. Das verlängert Fahrtrouten und hat somit direkten Einfluss auf die einzuhaltende Pausen- und Ruhezeiten der Lkw-Fahrer. Auch der Zoll und die Sicherheitsbestimmungen vieler Länder aufgrund von Terrorgefahren (etwa Bekannter Versender, AEO, C-TPAT) bergen immer ein Risiko für die Abläufe. Womöglich kommt durch die Flüchtlingskrise „Schengen“ ins Wanken – und die Lkw-Staus gehören wieder zum Alltagsbild an den innereuropäischen Grenzen.

Organisierte Diebstahlskriminalität

Forciert durch Lieferbedingungen wie Just in time oder – noch anspruchsvoller – Just in sequence, sind Lkws zu rollenden Warenlagern auf Autobahnen und Landstraßen geworden. Dies hat kriminelle Organisationen auf den Plan gerufen. Solange die Lkws rollen, sind sie vor unbefugtem Zugriff relativ sicher. (Doch Diebstähle von fahrenden Lkws sind auch schon bekannt geworden.) Kommen die Fahrzeuge allerdings über längere Zeit zum Stehen, etwa auf Rastplätzen und Autohöfen, erhöht sich das Gefahrenpotenzial erheblich. Begehrt sind kostspielige Produkte wie Arzneimittel, Parfüm, Autoersatzteile und Unterhaltungselektronik.

Der Ladungsdiebstahl hat nach Auswertung von Statistiken von TAPA EMEA (Transported Asset Protection Association Europe Middle East Africa) erheblich zugenommen, 2014 allein in Deutschland um 42,5 Prozent. Behördliche Angaben sind dazu nicht zu erhalten, da Ladungsdiebstahl in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht gesondert aufgeführt wird. TAPA schätzt den jährlichen Schaden durch Ladungsdiebstahl auf etwa 8,3 Milliarden Euro.

Neben dem finanziellen Schaden ist noch ein weiterer Aspekt von besonderer Bedeutung. Gerade bei Just-in-time-Lieferungen wird der Lieferant schlecht beurteilt, wenn die avisierte Ladung nur zum Teil oder gar nicht ankommt. Bei Just-in-sequence-Lieferungen kann das zu Produktionsstillstand beim Kunden führen. Das Lieferanten-Scoring wiederum ist ein wesentlicher Punkt in Bezug auf die Gesamtbetrachtung der sicheren Supply Chain und kann am Ende dazu führen, dass der  Lieferant in Zukunft nur noch als second oder third source gelistet oder schlimmstenfalls gar nicht mehr bei der Auftragsvergabe berücksichtigt wird.

In diesem Zusammenhang ist auch das Thema Gefahrenübergang zu beachten. Der sollte klar definiert sein. Zwar wird er meist an einen Supply-Chain-Partner übertragen, doch bei einem Schaden bleibt trotzdem am direkten Geschäftspartner, also dem Lieferanten, etwas hängen – und wenn’s nur das schlechte Image ist. Und da mag im Einzelfall sogar etwas dran sein. Denn woher wissen die Täter, in welchem Lkw sich Mobiltelefone oder Medikamente befinden und nicht Filzpantoffeln oder Quietscheenten? Vermutlich sind in vielen Fällen Insider beteiligt, die aufgrund von Bestellungen entsprechende Informationen weitergeben. Die Auswertung aufgeklärter Diebstahlsfälle durch Mitglieder von TAPA EMEA bestätigen das. Am Ende steht die Erkenntnis: Wer die Supply Chain Security nicht auf der Agenda hat, kann ganz schnell ohne Kunden dastehen.

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