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KI in der Veranstaltungssicherheit – Chancen, Grenzen und offene Fragen

21.04.2026

Der Einsatz Künstliche Intelligenz (KI) erweitert zweifellos die Möglichkeiten in der Veranstaltungssicherheit. Doch je komplexer die Technik wird, desto klarer zeigt sich hier auch ihre Grenze: Sicherheit bei Veranstaltungen bleibt vor allem eine Frage von Organisation, Zuständigkeiten und menschlicher Entscheidung.

KI in der Veranstaltungssicherheit

Quelle: www.stock.adobe.com / Fox_Dsign

Auf dem Stadtfest, bei Demonstration oder vor Fußballstadien bietet sich oft das gleiche Bild: Poller, Sicherheitskräfte, Taschenkontrollen. Um Großveranstaltungen abzusichern, braucht es aber noch wesentlich mehr, als diese sichtbaren Maßnahmen. Veranstaltungssicherheit ist vor allem auch ein komplexes Zusammenspiel aus Gefährdungsanalyse, Genehmigungsprozessen, Verkehrslenkung, Flucht- und Rettungswegen, Kommunikationsketten und Krisenmanagement.

Dabei müssen die Interessen vieler unterschiedlicher Beteiligter berücksichtigt werden. Veranstalter, Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt, Rettungsdienste, private Sicherheitsdienstleister und Fachbehörden verfolgen jeweils eigene, legitime, aber auch oft konträre Ziele: Der Veranstalter möchte ein wirtschaftlich tragfähiges und zugleich attraktives Event ermöglichen, die Polizei würde am liebsten alles abriegeln, während die Feuerwehr offene und breite Rettungswege fordert. In einer solchen Gemengelage wächst die Erwartung, Künstliche Intelligenz könne diese Komplexität beherrschbar machen und alle Interessen automatisiert unter einen Hut bringen.

Tatsächlich kann der Einsatz von KI dabei helfen, Lagebilder schneller zu verdichten, Muster in großen Datenmengen zu erkennen und Warnhinweise früher zu liefern. Moderne Videosysteme können Personenströme analysieren, Verdichtungen erkennen, Bewegungsrichtungen auswerten oder auffällige Verhaltensmuster markieren. Im Bereich der unbemannten Luftfahrtsysteme unterstützen KI-basierte Verfahren zudem die Erkennung, Klassifizierung und Einordnung potenziell unerwünschter Drohnen.
 

Mehr Erkenntnis durch KI-gestützte Sensorik und Videoanalyse

Am deutlichsten ist der sicherheitstechnische Fortschritt derzeit in der Kameratechnik und Videoanalyse. KI-gestützte Systeme können aus Videobildern weit mehr ableiten als klassische Bewegungserkennung. Sie erfassen Laufwege, Dichteentwicklungen, Rückstaus, ungewöhnliche Bewegungsmuster oder abrupte Richtungswechsel. Für Veranstaltungen ist das vor allem dort interessant, wo Engstellen, Zugangsbereiche, Vorplätze oder Verkehrsachsen frühzeitig kritisch werden können. Der Vorteil liegt auf der Hand: Sicherheitsteams erhalten Hinweise nicht erst dann, wenn eine Lage bereits eskaliert, sondern im Idealfall schon in einer Phase, in der noch gelenkt, umgeleitet oder entzerrt werden kann.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Trend zu Kameraperspektiven, die stärker auf Bewegungsflüsse und Dichte als auf die Identifizierung einzelner Personen zielen. Das kann datenschutzfreundlicher sein und liefert für die operative Beurteilung von Besucherströmen oft genau die Informationen, die in der Einsatzpraxis benötigt werden. Gleichzeitig bleibt die Grenze deutlich: Was technisch als Auffälligkeit markiert wird, ist nicht automatisch sicherheitsrelevant. KI kann Wahrscheinlichkeiten und Hinweise liefern, aber (noch?) keine belastbare Gesamteinordnung einer Lage ersetzen.

Neben der Videotechnik spielt KI auch bei der Drohnendetektion eine wachsende Rolle. Gerade bei Großveranstaltungen sind unbemannte Fluggeräte ein sensibles Thema, sei es für unzulässige Bildaufnahmen, Ausspähung, Störungen oder als möglicher Angriffsträger. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit weist ausdrücklich darauf hin, dass private Drohnen nicht in die Nähe großer öffentlicher Veranstaltungen gehören und dort allenfalls autorisierte Akteure mit entsprechenden Freigaben operieren sollten.

Technisch können KI-Verfahren hier helfen, Objekte schneller zu erkennen, Fehlalarme zu reduzieren und Sensordaten aus Radar, Funk, Akustik oder Video besser zusammenzuführen. Strategisch bleibt aber entscheidend, dass auch diese Technik nur ein Teil eines übergeordneten Schutzkonzepts ist. Der Werkzeugkasten der Veranstaltungssicherheit wächst zwar deutlich. Aber ein Werkzeugkasten ist noch kein Sicherheitskonzept. Und ein Alarm ist noch keine Entscheidung.
 

Künstliche Intelligenz koordiniert keine Interessen

Gerade in der Veranstaltungssicherheit wird oft unterschätzt, dass das eigentliche Problem nicht nur im Erkennen einer Gefahr liegt, sondern in der Abstimmung unterschiedlicher Akteure vor und während einer Veranstaltung. Selbst das beste KI-System kann nicht auflösen, dass ein Veranstalter Besucherfreundlichkeit, Aufenthaltsqualität und Wirtschaftlichkeit im Blick hat, während Polizei, Feuerwehr und Behörden eher aus der Perspektive von Eintrittswahrscheinlichkeiten, Fluchtbreiten, Zufahrtsschutz oder Eingriffsbefugnissen argumentieren. Die entscheidende Sicherheitsleistung besteht deshalb häufig nicht in der technischen Detektion, sondern in der organisatorischen Übersetzung: Wer bewertet eine Warnung? Wer entscheidet über Maßnahmen? Wer informiert wen? Wer trägt die Verantwortung, wenn mehrere Ziele miteinander kollidieren?

Fachexperten betonen seit Jahren, dass sichere Veranstaltungen nur durch ein Zusammenspiel aus Planung, Verantwortlichkeiten, Risikoanalyse, Dokumentation und abgestimmten Entscheidungswegen entstehen. Hier kann KI durchaus helfen, etwa indem sie Lageinformationen in Echtzeit bündelt, Dashboards speist, Bewegungsdaten visualisiert oder Warnhinweise priorisiert. Doch sie ersetzt weder die gemeinsame Sicherheitsplanung noch die interdisziplinäre Abstimmung in den Vorbesprechungen, und auch nicht die Führungsentscheidung im Ereignisfall.
 

Recht, Datenschutz und Verantwortung setzen klare Grenzen

Zudem gibt es einen weiteren kritischsten Punkt: Je leistungsfähiger KI-Systeme werden, desto stärker rücken Grundrechte, Datenschutz und Fehlentscheidungen in den Mittelpunkt. Für die Veranstaltungssicherheit ist das besonders relevant, weil hier oft öffentlich zugängliche Räume, große Menschenmengen und potenziell sensible Verhaltensdaten betroffen sind. Die Bundesnetzagentur verweist in ihrer Darstellung der nach dem AI Act verbotenen Praktiken ausdrücklich darauf, dass der Einsatz von Echtzeit-Fernidentifizierung mittels Biometrie in öffentlich zugänglichen Räumen für Zwecke der Strafverfolgung grundsätzlich verboten ist und nur unter eng begrenzten Ausnahmen zulässig sein kann.

Für die Veranstaltungssicherheit folgt daraus ein pragmatisches Fazit. Künstliche Intelligenz ist weder Heilsversprechen noch Bedrohung. Sie ist ein mächtiges Hilfsmittel, wenn sie klar auf konkrete Aufgaben begrenzt wird: zur Verdichtung von Lageinformationen, zur frühzeitigen Erkennung kritischer Entwicklungen, zur Unterstützung bei Drohnenlagen oder zur Analyse von Besucherströmen. Doch sie scheitert dort, wo politische, rechtliche, organisatorische und ethische Abwägungen nötig sind. Die eigentliche Kunst der Veranstaltungssicherheit bleibt deshalb auch im KI-Zeitalter dieselbe: Interessen ausgleichen, Verantwortung klären, Maßnahmen abstimmen und im Ernstfall entschlussfähig bleiben.

 

Quellen:

Bundesnetzagentur: Verbotene Praktiken:
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/8_VerbotenePraktiken/start.html

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): KI zählt Teilnehmer bei Großveranstaltungen:
https://www.dlr.de/de/aktuelles/nachrichten/2020/03/20200918_ki-zaehlt-teilnehmer-bei-grossveranstaltungen

Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA): Geo-Zonen – Wo Sie Ihre Drohne fliegen lassen dürfen:
https://www.easa.europa.eu/de/light/topics/geo-zones-know-where-fly-your-drone

Fraunhofer IOSB: Crowd Monitoring:
https://www.iosb.fraunhofer.de/de/kompetenzen/bildauswertung/video-exploitation-systems/Leistungen/crowd-monitoring.html

Fraunhofer IOSB: Intelligente Videoüberwachung für mehr Sicherheit und Datenschutz:
https://www.iosb.fraunhofer.de/de/projekte-produkte/intelligente-videoueberwachung.html

Fraunhofer IOSB: MODEAS – Modulares Drohnenerfassungs- und Assistenzsystem:
https://www.iosb.fraunhofer.de/de/projekte-produkte/modeas-drohnenerfassung.html

Verein zur Förderung des Deutschen Brandschutz (vfdb): Technisch-Wissenschaftlicher Beirat: Merkblatt „Sicherheitskonzept für Großveranstaltungen“:
https://www.vfdb.de/media/doc/merkblaetter/MB_13_01_sicherheitskonzept.pdf

 

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