Risikoforschung im Brandschutz: Wirksamkeit statt Formalerfüllung
Risikoforscher Dr. Sebastian Festag erklärt, warum Wirksamkeitskontrolle und Prävention den modernen Brandschutz neu definieren.
Dr. Sebastian Festag, Risikoforscher bei Hekatron, im Interview mit SECURITY INSIGHT
Neue Technologien, veränderte Bauweisen und gesellschaftlicher Wandel stellen den Brandschutz vor wachsende Herausforderungen. Dr. Sebastian Festag, Risikoforscher bei Hekatron, erläutert im Interview mit SECURITY INSIGHT, warum Prävention, Wirksamkeitskontrolle und ein systemisches Verständnis von Risiken entscheidend sind – und welche Rolle wissenschaftlich fundierte Risikoforschung dabei für Brandschutz und Sicherheitskonzepte spielt.
Herr Dr. Festag, Hekatron beschäftigt als eines der wenigen Unternehmen der Branche einen eigenen Risikoforscher. Was war der Auslöser für diese Entscheidung und was bedeutet „Risikoforschung“ im Kontext des modernen Brandschutzes ganz konkret?
Brandschutz und Sicherheitstechnik beruhen auf Nachweisverfahren und fundiertem Expertenwissen. Um Menschen und Sachwerte wirksam vor Brandschäden zu schützen, ist ein tiefes Verständnis der zugrunde liegenden Risiken erforderlich. An dieser Stelle setzt die Risikoforschung an. Sie untersucht, wie Brände entstehen, sich ausbreiten und welche Faktoren das Brandgeschehen beeinflussen. Dabei handelt es sich um einen komplexen Untersuchungsgegenstand. Baumaterialien und Gegenstände in Gebäuden brennen unterschiedlich, setzen verschiedene Verbrennungsprodukte frei und breiten sich unterschiedlich aus. Auch organisatorische Rahmenbedingungen und das menschliche Verhalten spielen eine wesentliche Rolle, vom Entstehen eines Brandes bis zu dessen Vorsorge und Bekämpfung.
In der Risikoforschung als Teil der Sicherheitswissenschaft werden Gefahren systematisch beurteilt und daraus Maßnahmen abgeleitet, um Schäden zu vermeiden. Da sich Risiken durch gesellschaftliche und technologische Entwicklungen fortlaufend verändern – etwa durch Elektromobilität oder den zunehmenden Holzbau – müssen Schutzstrategien kontinuierlich angepasst werden. Wissenschaft und Praxis stehen dabei in enger Wechselwirkung. Erkenntnisse fließen in die Entwicklung moderner Brandschutzlösungen ein.
Ein Teil meiner Arbeit erfolgt dabei nicht nur für Hekatron, sondern auch für die Branche insgesamt und wird unter anderem in die Hochschullehre eingebracht. Im Brandschutz besteht kein Raum für Ungenauigkeiten – es geht um die Sicherheit von Menschen und ihrer Umwelt.
Können Sie uns ein Beispiel geben, wie wissenschaftliche Erkenntnisse aus Ihrer Forschung in konkrete Brandschutzlösungen oder Standards einfließen?
Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die methodisch fundierte Analyse der Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen unter realen Einsatzbedingungen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welchen Beitrag diese Maßnahmen in ihrem tatsächlichen Umfeld zur Risikominderung leisten. Auf dieser Grundlage lassen sich Ressourcen für Sicherheit gezielt und effizient einsetzen. Untersucht wird unter anderem, wie Brände frühzeitig und zuverlässig erkannt werden, wie Menschen wirksam alarmiert werden können und welchen Nutzen gesetzliche oder bauordnungsrechtliche Vorgaben wie die Rauchwarnmelderpflicht tatsächlich haben. Die Ergebnisse fließen in die Verbesserung von Sicherheitslösungen ein und teilweise auch in die Weiterentwicklung von Standards. Bei der Untersuchung der Rauchwarnmelderpflicht zeigt sich ein signifikanter positiver Beitrag dieser Maßnahme. Zudem wurden aktuell konkrete Lösungsansätze sowie Einsatzgrenzen bestimmter Brandschutzmaßnahmen bei der Lagerung von Hochvoltspeichern wissenschaftlich untersucht und in entsprechende Handlungshilfen überführt.
Themen wie Hochvoltspeicher, Elektromobilität oder unterirdische Infrastrukturen verändern die Brandrisiken erheblich. Wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf?
Ein wesentlicher Handlungsbedarf besteht darin, neue Entwicklungen und Technologien wie Hochvoltspeicher, PV-Anlagen, Drohnen oder den Holzbau nicht erst nach Schadensereignissen zu bewerten, sondern vorausschauend zu begleiten und Risiken frühzeitig zu adressieren. Prävention muss eine zentrale Rolle spielen – bevor Brände oder andere Ereignisse auftreten. In der Praxis erhält sie jedoch häufig erst dann Aufmerksamkeit, wenn bereits ein Schaden eingetreten ist. Hinzu kommt, dass neue Risiken bestehende Risikosituationen überlagern, etwa durch den zunehmenden Holzbau.
Ein weiterer Handlungsbedarf liegt aus meiner Sicht in der systematischen Überprüfung der Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen. Die Wirksamkeitskontrolle ist entscheidend, um zu verstehen, welchen Beitrag Maßnahmen unter realen Bedingungen zur Erreichung von Schutzzielen leisten. Dieser Schritt ist grundsätzlich Bestandteil von Gefährdungs- und Risikobeurteilungen, wurde bislang jedoch oft nicht ausreichend konkretisiert. In meinen Arbeiten liefere ich hierfür ein methodisches Fundament mit Fallanalysen zu unterschiedlichen Risiken.
Sie beschäftigen sich auch mit menschlichem Verhalten in Gefahrensituationen. Welche Rolle spielt dieser Faktor in Ihrer Forschung?
Das menschliche Verhalten spielt bei Sicherheitsbetrachtungen in allen Phasen eines Brandereignisses eine zentrale Rolle – von der Entstehung über den Verlauf bis hin zu den Schäden und der Bewältigung. Der Mensch kann dabei zugleich Schutzziel, Risikofaktor oder Chancenträger sein und Ereignisse direkt oder indirekt beeinflussen. Das ist bei anderen Gefahrenarten auch so.
Ein Verständnis der Ursachen ist dabei entscheidend: Ein Brand infolge mangelnden Problembewusstseins erfordert andere Schutzmaßnahmen als vorsätzliche Brandstiftung. Steht der Mensch als Schutzziel im Mittelpunkt, sind insbesondere Reaktionsmechanismen nach der Erkennung von Gefahren zur Alarmierung relevant. Untersucht wird zum Beispiel wie unterschiedliche Alarmierungssignale – etwa Ton oder Sprache sowie verschiedene Frequenzen und Muster – die Wahrnehmung und Reaktion beeinflussen.
Ein spannender Aspekt Ihrer Arbeit ist auch die Wirksamkeitskontrolle von Schutzmaßnahmen. Warum reicht es aus Ihrer Sicht nicht mehr aus, sich allein an Normen und Regelwerken zu orientieren?
Regelwerke und risikologische Wirksamkeitskontrollen stehen für mich nicht im Widerspruch zueinander. Ich sehe einen großen Nutzen in bestehenden Regelwerken und bürokratischen Strukturen, kritisch betrachte ich jedoch überbordende Bürokratie und Verantwortungsverluste des Einzelnen, wenn man sich nur noch auf den Gesetzgeber verlässt. Unsere Regelwerke sind in vielen Fällen das Ergebnis von Lehren aus Schadensereignissen mit dem Ziel, vergleichbare Schäden künftig zu vermeiden.
Die risikologische Wirksamkeitskontrolle fügt sich in diese Rechtssystematik ein. Sie ist ein methodisches Instrument innerhalb der Gefährdungs- und Risikobeurteilung und richtet den Blick auf die Frage, welchen tatsächlichen Beitrag eine Maßnahme zur Erreichung der Schutzziele geleistet hat.
Der wissenschaftliche Fortschritt in sicherheitswissenschaftlichen Fachgebieten wie Arbeitsschutz, Bevölkerungsschutz, Anlagensicherheit, Umweltschutz oder Brandschutz wird durch immer tiefergehende Fachbetrachtungen vorangetrieben. Ich bin der Überzeugung, dass die Analyse übergreifender Analogien einen darüber hinausgehenden wichtigen Beitrag leistet. Die Wirksamkeitskontrolle stellt einen solchen Querschnittsbeitrag dar, indem sie methodisch hilft, wirksame Maßnahmen zu fördern und unwirksame oder unter bestimmten Rahmenbedingungen sogar kontraproduktive Maßnahmen zu vermeiden.
Welche Rolle wird wissenschaftlich fundierte Risikoforschung künftig im Brandschutz spielen? Sowohl für die Weiterentwicklung der Branche als auch für die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses?
Die Ausbildung von gezielten Risikokompetenzen wird künftig eine noch wichtigere Rolle einnehmen müssen. Um das klar zu sagen: Die Erfüllung von Schutzzielen ist eine anspruchsvolle, dynamische und immer fallbezogene Aufgabe, die auf Regelungen, Nachweisverfahren und fundiertem Expertenwissen beruht. Die Risikoforschung liefert hierfür die Grundlage, um Brandschutzlösungen für das Zusammenleben und die Lebensräume, wie Gebäude und Infrastrukturen, zukunftsweisend zu ermöglichen. Außerdem braucht es in der Bevölkerung generelle Risikokompetenzen. Die Vermittlung dieser Kompetenzen ist erheblich, weil sich die Anforderungen in Art und Umfang in unserer Gesellschaft stark verändern – etwa durch den demografischen Wandel, den technischen Fortschritt sowie psychosoziale Veränderungen, beispielsweise in der Art zu lernen und zu leben. Der Brandschutz muss trotz dieser Entwicklungen zuverlässig funktionieren und kann zugleich von ihnen profitieren.