Wirtschaftsschutz im Ernstfall
Beim NRW Sicherheitstag 2026 der ASW West in Köln ging es um Geopolitik, Desinformation, hybride Bedrohungen, KRITIS und Regulierung. Dabei rückten vor allem praktische Fragen der Unternehmenssicherheit in den Vordergrund.
Rund 200 Teilnehmer bekamen Ende Juni beim NRW Sicherheitstag in Köln tiefe Einblicke in aktuelle Themen des Wirtschaftsschutzes. Foto: Andreas Albrecht
Am 24. Juni kamen Sicherheitsverantwortliche aus Unternehmen, Behörden, Wissenschaft und Sicherheitswirtschaft zum NRW Sicherheitstag 2026 der ASW West beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln (DLR) zusammen. Die Veranstaltung stand unter dem Leitthema „Zwischen Geopolitik und Unternehmensrealität – Wirtschaftsschutz als Erfolgsfaktor“.
Christian Vogt, Vorstandsvorsitzender der ASW West, verwies zur Eröffnung auf die hohe Nachfrage. Mehr als 200 Teilnehmer seien vor Ort, die Anmeldungen habe man stoppen müssen. Das äußerst große Interesse an der Veranstaltung spiegelte auch die Relevanz der Themen wider: Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit intensiver mit geopolitischen Risiken, Cyberangriffen, Desinformation, KRITIS-Anforderungen und der Frage, wie belastbar ihre eigenen Sicherheits- und Krisenstrukturen tatsächlich sind. Zugleich zeigte die Veranstaltung, wie eng Unternehmenssicherheit inzwischen mit staatlicher Sicherheitsvorsorge, Infrastrukturfragen und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit verbunden ist.
Herbert Reul, Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, ordnete zu Beginn die aktuelle Sicherheitslage ein. „Jeder Konflikt auf der Welt hat Auswirkungen auf NRW“, sagte Reul. Er nannte internationale Konflikte, Cyberangriffe, Desinformation, Rechtsextremismus, Terrorismus und Hasskriminalität. Beim Thema Cybercrime verwies Reul auf Angaben der Hans-Böckler-Stiftung, wonach Cybercrime und Ransomware deutlich zugenommen hätten. Schätzungen gingen inzwischen von Schäden in einer Größenordnung von 200 Milliarden Euro aus. Der Kampf gegen Cybercrime sei in vollem Gange, aber nicht immer leicht, betonte Reul und fügte die pragmatische Äußerung hinzu: „Wenn wir keine großen Schritte machen können, machen wir eben drei kleine.“
Desinformation, Sabotage und hybride Bedrohungen
Prof. Dr. Hektor Haarkötter von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sprach über Fake News und Desinformation, die es bereits seit Jahrhunderten gebe und die inzwischen zum politischen Alltag gehörten. Als Beispiel nannte er unter anderem die rumänischen Präsidentschaftswahlen, bei denen die öffentliche Meinung manipuliert worden sei und die Wahl deshalb wiederholt werden musste. Zur Frage, ob Fake News von der Meinungsfreiheit gedeckt sein können, sagte Haarkötter: „Wahrheit ist oft eine Frage der Perspektive, aber es gibt kein Recht auf Lügen.“
Bodo Becker vom Bundesamt für Verfassungsschutz nahm hybride Bedrohungen in den Blick. Besonders Russland und China beobachte man genau. Dort sehe man „ein Zusammenspiel aus Sabotage und Desinformation“. Ein Vorfall kann physisch beginnen, digital verstärkt und kommunikativ begleitet werden. Hinweise auf Spionage, auffällige Kontaktaufnahmen, Drohnenflüge oder manipulierte Informationen landen im Betrieb häufig an unterschiedlichen Stellen. Becker forderte zudem mehr Kompetenzen für das Bundesamt für Verfassungsschutz, um auf die Bedrohungen noch effektiver reagieren zu können.
Wolfgang Gäbelein, Generalmajor a. D., sprach über Deutschlands Verteidigungsfähigkeit und die Verantwortung der Wirtschaft. Sein Satz „Das Gefechtsfeld der Zukunft ist smart, total und hybrid“ führte die Diskussion über staatliche Sicherheit und Unternehmensschutz zusammen. Betriebe mit Bedeutung für Logistik, Energie, Kommunikation, Forschung, Versorgung oder sicherheitsrelevante Produktion müssen klären, welche Rolle sie in Krisenlagen spielen und welche Lieferfähigkeit sie sichern können.
KRITIS, Strom und Regulierung
Stefan Engelbrecht, Leiter Konzernsicherheit der RWE AG, rückte die Abhängigkeit moderner Sicherheitsstrukturen von einer funktionierenden Energieversorgung in den Mittelpunkt. Sein Vortrag trug den Titel „Ohne Strom keine Sicherheit – Warum KRITIS zentral für Deutschlands Resilienz ist“. Engelbrecht formulierte es zugespitzt: „Ohne Strom wird aus einem technischen Problem sehr schnell ein gesellschaftliches Problem.“ Zutrittskontrolle, Videoüberwachung, Leitstellen, Meldeanlagen, Beleuchtung, Serverräume und Kommunikationswege setzen eine stabile Versorgung voraus. Bei einem längeren Ausfall entscheidet sich, welche Funktionen tatsächlich weiterlaufen: Welche Türen müssen offen bleiben, welche geschlossen? Welche Bereiche hängen am Ersatzstrom? Wie lange halten Batterien? Welche Systeme funktionieren noch ohne Netzwerk? Und wie erreicht die Leitstelle die verantwortlichen Personen? Engelbrecht verband diese Fragen mit einer klaren organisatorischen Forderung: „Resilienz muss in der Geschäftsführung verankert werden.“ Ersatzstrom, Ausfallzeiten, Wiederanlauf, Schutzprioritäten und Krisenkommunikation berühren Budget, Haftung und Geschäftsfortführung. Sie lassen sich deshalb nicht allein auf der Fachebene entscheiden.
Marius Wiersch von HiSolutions ordnete NIS-2, Cyber Resilience Act und KRITIS-Regulierung ein. Er sprach von einem „Dschungel an KRITIS-Verordnungen und Gesetzen“ und beschrieb das KRITIS-Dachgesetz als Ergänzung zum BSI-Gesetz. Der Titel seines Vortrags brachte die Praxisfrage auf den Punkt: „was man tun muss und was man tun sollte“. Neue Vorgaben erzeugen Fristen und Nachweise. Im Ernstfall zählen erreichbare Verantwortliche, funktionierende Meldewege und bekannte technische Abhängigkeiten.
Dr. Konstantinos Tsetsos von der Universität der Bundeswehr München sprach zudem über geopolitische Szenarien für Unternehmen (Spitzengespräch die dieser Ausgabe, S. 6 bis 9).
Drohnen und offene Fragen
Der letzte Fachvortrag führte zurück zum DLR. Dr. Daniel Lichte, Leiter der Abteilung Resilienz- und Risikomethodik am DLR-Institut für den Schutz terrestrischer Infrastrukturen, sprach über neue Forschungshorizonte bei der Identifikation von Bedrohungen durch Drohnen. Ein Drohnenflug über einem Werk, einem Umspannwerk, einem Flughafenbereich oder einer Forschungsanlage kann harmlos sein, aber auch der Aufklärung oder Störung dienen. Nach der Identifikation folgen Dokumentation, Lagebewertung, Abstimmung mit Behörden und Entscheidung über weitere Maßnahmen.
Begleitet wurde das Programm von einer Ausstellung mit Anbietern und Partnern, darunter primion, Kötter, ID Ausweissysteme und Sälzer. In den Pausen und beim abschließenden BBQ wurden viele Themen weiter intensiv diskutiert. Der nächste NRW Sicherheitstag ist bereits terminiert: Am 3. Mai 2027 wird die Veranstaltung erneut stattfinden.